3 Dayz Whizkey 3London, New York, Berlin? Die wirklich coolen Newcomer Stammen aus der Provinz. Etwa aus Regensburg. Von dort kommen 3 Dayz Whiskey, die mit energetischem Bluesrock die Szene aufmischen. Soeben ist ihr zweites Album `Black Water’ erschienen – Grund genug für eine Erkundungsreise ins Donau-Delta.

Blues hat mit Hipness nichts zu tun!“ Gelassen nimmt Tilo George Copperfield einen tiefen Schluck aus dem Weißbierglas. Der Gitarrist, der ohne Hut und „Ray Ban“-Sonnenbrille, Modell „Wayfarer“, das Haus nicht verlässt, ist das Herz von 3 Dayz Whizkey. Wenn man sich mit ihm unterhält, kommen erstaunliche Erkenntnisse zu Gehör. Etwa diese: „Du kannst dich nicht hinstellen und sagen: Jetzt machen wir mal ein bisschen Bluesrock. Du brauchst eine gewisse Reife. Beim Blues muss man gelernt haben, wie man diese Musik spielt. Zwar ist das nicht unbedingt eine Frage des Alters, aber es hilft, wenn du schon mal übers Ohr gehauen wurdest, auf die Schnauze geflogen bist oder den einen oder anderen schwarzen Flecken auf der Seele hast.“ Muddy Waters, Hound Dog Taylor und Jimmy Reed hätten das sofort unterschrieben, und nicht nur die afroamerikanischen Originale, auch ihre weißen Schüler von Keith Richards bis Lemmy Kilmister würden beifällig nicken. Den Popstar-Job sollen andere machen, hier geht’s um Wichtigeres. Womit wir mitten drin wären in der Welt von 3 Dayz Whiskey, der vielleicht besten Bluesrock-Band, die derzeit südlich des Weißwurst-Äquators ihre Verstärker aufdreht.

Es ist einer dieser Sommerabende, an denen man versteht, warum Regensburg auch als die nördlichste Stadt Italiens gilt. Die Pflastersteine dampfen von der Hitze des Tages, alles was Beine hat ist draußen, und auf den Plätzen der Altstadt flanieren entspannte Spaziergänger. T. G. Copperfield, Sänger Myles Tyler, Gitarrist Brad the Snake sowie die Brüder Big Tony (Bass) und Little Chris (Drums) hocken auf einer Treppe am Bismarckplatz. Allerdings sehen sie ein wenig anders aus als der leichtbekleidete Rest: Ihr einziges textiles Zugeständnis an die hochsommerliche Bruthitze ist Snakes ärmelloses T-Shirt, ansonsten tragen die fünf Musiker Jeanskutte, Stiefel, Hut und Sonnenbrille – wie es sich für aufrechte Bluesmänner geziemt. Auffällig auch die erschreckend hohe Raucherquote, lediglich Bassist Tony lebt nikotinfrei.

3 Dayz Whizkey sind, was sie sind, und sie lieben, was sie tun. Was andere sagen, juckt sie wenig. Eine zwingend notwendige Haltung, wenn man es als Musiker in der Oberpfalz zu etwas bringen will. Zumal mit dem Blues, einer Musik also, die bei den großen Plattenfirmen allenfalls ein müdes Lächeln hervorruft, schließlich verfährt man dort gerne nach der Devise „Ist das Pop oder kann das weg?“

Den fünf Blues-Aficionados aus dem Donau-Delta geht derlei Arroganz allerdings am Hintern vorbei – dafür wissen sie zu genau, was sie tun. Und dafür sind sie inzwischen auch zu erfolgreich. Was viel damit zu tun hat, dass sie eben weit ab vom urbanen Schuss leben. Tilo: „In den großen Städten sind Musikprojekte schnelllebiger und meistens auf eine aktuelle Marktsituation bezogen. Auf dem Land aber hast du mehr Möglichkeiten, mehr Platz, mehr Zeit. Es ist nicht so hektisch, du kannst in Ruhe an deiner Sache arbeiten. Was wir machen, soll Hand und Fuß haben und ist dauerhaft angelegt.“ Zwar bestehen 3 Dayz Whizkey in dieser Formation erst seit Mitte letzten Jahres, Tony, Chris und Tilo jedoch spielen bereits seit rund zehn Jahren zusammen. Mal hier, mal dort, mal mit einem eigenen Projekt, mal in Coverbands, seit sehr langer Zeit aber auch schon unter dem Label 3 Dayz Whizkey, allerdings noch als Trio, in dem Tilo neben der Gitarre auch den Gesang übernommen hatte.

Vor zwei Jahren dann nahmen die Drei, die allesamt aus Dörfern im nordöstlich von Regensburg gelegenen Landkreis Cham stammen, im eigenen Studio ein paar Demos auf, aus denen bald Material für ein erstes Album wurde. Prompt biss das kleine, aber feine Osnabrücker Indie- und Blueslabel Timezone an, und im August 2012 stand das Debüt THE DEVIL AND THE DEEP BLUE SEA in den Läden. Für die Release-Party in einer Regensburger Kneipe hatten sich Chris, Tony und Tilo mit ihrem alten Freund Brad als zweitem Gitarristen verstärkt. Brad, ein stoischer Geselle mit spitzem Wieselgesicht, grinst schelmisch, als er anmerkt: „Sie sagten, du musst alles spielen, was auf der CD im rechten Kanal zu hören ist. Bis morgen natürlich!“ Ob es tatsächlich eine Nacht- und Nebelaktion war, lässt er offen, jedenfalls bekam er‘s hin. Nach vollbrachter Tat zog das Quartett an jenem Abend noch weiter in eine andere Bar, das „Irish Harp“ – und dort wartete Myles: „Als Tilo und die anderen reinkamen, spielte ich mit meinem Duo gerade ›Sweet Child O‘Mine‹ von Guns N‘ Roses.“ Tilo lacht: „Das ist echt nicht leicht zu singen, aber er hat‘s super gemacht. Also dachten wir, dass wir ihn eigentlich mal fragen könnten, ob er bei uns mitmachen will.“

Gefragt, beschlossen – 3 Dayz Whizkey waren komplett. THE DEVIL AND THE DEEP BLUE SEA entwickelte sich schnell zum Geheimtipp, erreichte sogar höchst respektable fünfstellige Absatzzahlen und erhielt ziemlich ordentliches Airplay, etwa bei „Classic Rock“-Instanz Tom Glas von Bayern 3. Und 3 Dayz Whizkey taten, was sie am allerliebsten tun: ein Konzert nach dem anderen spielen. Inzwischen gilt die Band als Süddeutschlands „Rhythm‘n‘Blues Dampflokomotive Nr. 1“ (Bandinfo), ein Ehrentitel, dem sie vollauf gerecht wird. Und das Bild passt, denn so stoisch und gleichermaßen unaufhaltsam wie eine Lokomotive marschiert das Quartett durch sein Repertoire, wobei Tony und Chris im Maschinenraum unaufgeregt, brüderlich und mit präzisester Dosierung für den nötigen Dampf sorgen. Derweil schreiten Tilo und Snake souverän die komplette Gitarrenliteratur von Robert Johnson bis Stevie Ray Vaughan ab. Tilo übernimmt mit seiner Les Paul den Löwenanteil der Soloarbeit, „Strat-Mann“ Brad liefert unauffällig, aber mit größtmöglicher Effizienz die Basics. Eine Rollenaufteilung, die er genau so bevorzugt: „Nimm zum Beispiel AC/DC: Ich mochte immer schon lieber Malcolm als Angus Young, das Rumturnen da vorne hat mich nie interessiert.“ Für den Part mit dem Turnen ist neben Tilo auch Sänger Myles zuständig. Der Frontmann überzeugt mit raumfüllender Bühnenpräsenz sowie einem ebenso an Joe Cocker wie an Steve Perry (Journey) geschulten Gesangsorgan. Kurz: Die Chemie im Whizkey-Train stimmt. Da haben sich fünf gefunden.
Musikalisch erfinden 3 Dayz Whizkey das Rad natürlich nicht neu – wie auch nach einem Jahrhundert Blues? Dennoch schaffen sie Seltenes: Obwohl sich ihre Musik innerhalb der seit Ewigkeiten bewährten Bluesrock-Koordinaten bewegt, klingt jeder ihrer Songs eigenständig. Was viel damit zu tun hat, dass die Band größten Wert auf das Songwriting legt. Tilo: „Toni und Chris sind unsere Qualitätskontrolle. Wenn man ihnen was vorspielt, sitzen sie da wie Kaiser Nero: Daumen hoch oder“, er lacht, „Daumen runter.“ Im nächsten Moment wird er wieder ernst: „Wir kennen uns lange genug, dass wir offen reden können, ohne das jemand beleidigt ist. Ehrliche Kritik kommt am Ende den Songs zugute.“

3 Dayz Whizkey wissen: Der Schlüssel für ihre Zukunft liegt im Songwriting, nur mit guten Songs können sie sich von der Konkurrenz absetzen. Virtuosentum interessiert dabei nicht, und gespielt wird aus dem Bauch. Tony: „Wir überlegen nicht groß, wer was zu spielen hat. Keiner von uns hat sich je hingesetzt und andere Songs analysiert um herauszufinden, welche Licks da gespielt werden. Wir haben diese Musik aufgesaugt wie Schwämme. Und wenn Tilo eine neue Melodie geschrieben hat, weiß automatisch jeder, was er zu tun hat.“

Genauso hört es sich an – unangestrengt, natürlich, schlüssig. Beispiel ›The Gambler‹ vom neuen Album BLACK WATER (siehe Review): Ein gradliniger Rocker, der rasant aus dem Startlöchern schnellt, dabei gelassen an allen Klischee-Fallen vorbeitrabt und doch so wirkt, als hätte er seinen Platz im Repertoire von George Thorogood, Status Quo, Humble Pie oder Dr. Feelgood haben können.

Logisch, dass 3 Dayz Whizkey auch thematisch bodenständig und blueskompatibel bleiben. Sie müssen nicht mal eben schnell die Welt retten, und mit der Innenschau hipper Hornbrillenträger haben sie schon gar nichts am Hut. Stattdessen geht es bei ihnen um das, was der Ami „good clean fun“ nennt. Wenn der dann mal nicht ganz so clean ist – auch nicht verkehrt. Die Figuren, die 3 Dayz Whizkeys Songs bevölkern, sind denn auch von der handfesteren Sorte. Da gibt es den Spieler, die ›Bad Luck Women‹, den Teufel und die dazu passende ›Devil Woman‹, den einsamen Wolf und dergleichen Stereotype mehr. Sie alle tun das, was sie in Bluessongs seit hundert Jahren tun: lieben, leiden, lügen, betrügen, zocken und saufen. Aber: All diese Figuren wirken bei 3 Dayz Whizkey frisch und lebendig, so als hätte die Band den alten Blueskosmos gerade erst entdeckt und nun erstaunt festgestellt, dass dessen holzschnittartige Weltsicht in vielerlei Hinsicht auch für eine Orientierung im Hier und Heute taugt. Niemand also sattelt hier tote Pferde. Und schon gar nicht greift das alte Vorurteil, mitteleuropäische Weißbrote könnten den Blues nicht glaubhaft rüberbringen. Unsinn, findet Tilo, und er hat gute Argumente: „Wir alle sind mit dieser Musik aufgewachsen. Kein Ami hat in seinem Leben mehr Rock’n’Roll gehört als wir. Seit ich klein war, hab’ ich Rolling Stones, Aero-smith und Deep Purple rauf und runter gehört.“ Wie Recht er mit dieser selbstbewussten Einschätzung hat, beweist das ausschließlich positive Feedback, das 3 Dayz Whizkey auch aus Übersee erfahren.

Eines aber ist auch klar: Berühmt wird man mit so was nicht, und Popstar schon gar nicht. Was Tilo, Tony, Chris, Brad und Myles egal ist. Tony: „Wir haben längst das, was uns glücklich macht: Eine Zweigitarrenband, mit der wir auf die Bühne gehen und die wir selber geil finden!“ Beifälliges Nicken in der Runde. Bis auf Myles, der lauthals protestiert: „Quatsch, ey, ich will groß, reich und berühmt werden!“ Sagt‘s und bricht in wieherndes Gelächter aus.

Ernst Hofacker