Accept 2010bSpektakuläres Comeback nach anfänglicher Fehlzündung: Auch ohne Originalsänger Udo Dirkschneider machen ACCEPT auf ihrer neuen Scheibe BLOOD OF THE NATIONS eine mehr als passable Figur auf dem Riff-Parkett.

Eigentlich unterlaufen Gaby Hoffmann keine Fehler. Die gewiefte Accept-Managerin und Ehefrau von Gitarrist Wolf Hoffmann kennt nahezu alle Tricks und Schliche, ist darüber hinaus mit vielen wichtigen Entscheidungs­trägern der Szene befreundet und überlässt generell nichts dem Zufall. Im Fall des Comebacks von Deutschlands zweitwichtigster Metal-Band der Achtziger – nach den Scorpions, versteht sich – jedoch schienen manche ihrer sonst so pfiffigen Geistesblitze zu verpuffen. Die Idee etwa, eine erste Jam-Session der Band mit ihrem neuen Sänger Mark Tornillo ins Internet zu stellen und damit die Fans schon einmal auf den vermeintlich großen Coup heiß zu machen, verfehlte vollends ihre Wirkung. Schlimmer noch: Die Öffentlichkeit fühlte sich in ihrer Einschätzung bestätigt, Accept würden ohne Originalsänger Udo Dirkschneider nicht funktionieren. Viele wollten die forschen Pläne der Managerin am liebsten schon wieder begraben, noch bevor sie überhaupt konkrete Formen annehmen konnten. „Wir waren eben total begeistert und wollten den Leuten etwas Gutes tun, ohne daran zu denken, dass die Reaktionen vielleicht negativ ausfallen könnten“, gesteht Originalbassist Peter Baltes, ergänzt von Wolf Hoffmann: „Die Aufnahmen waren roh und völlig un-bearbeitet, einfach live draufgegrützt. Wir fanden das den Umständen entsprechend schon ziemlich gut, aber natürlich vergleicht man hier Äpfel mit Birnen.“

Vor allem an Hoffnungsträger Tornillo schieden sich zunächst die Geister. Dabei war gerade er der Hauptgrund für Accepts Begeisterung. Denn Originalsänger Dirkschneider hatte im Frühjahr 2009 nach jahrelangem Gezerre einer Rückkehr zu Accept die endgültige Absage erteilt. Vier Jahre zuvor war er noch gemeinsam mit der Band auf Tournee gezogen, doch Unstimmigkeiten über die Verteilung der Gelder sowie über die Regelung der Namensrechte führten zum endgültigen Bruch. Wolf Hoffmann vermeidet bewusst eine mediale Schlammschlacht: „Sagen wir mal so: Wir konnten uns nie einigen. Damit war für uns erst einmal der Ofen aus. Wir hatten keinen Sänger – und zunächst war auch kein Ersatzmann in Sicht.“

Der Zufall bescherte Accept dann aber doch noch einen Nachfolger für Dirk­schneider. Während eines Besuchs Hoffmanns bei Freund Baltes in Pennsylvania wurden im Studio eines Bekannten ein paar Accept-Klassiker gejammt – der guten alten Zeit wegen. Dabei kam zufällig das Gespräch auf den ehemaligen TT Quick-Sänger Tornillo, der ganz in der Nähe des Studios zu Hause ist. „Mark kam ins Studio, zog sein Hemd aus und fing an zu singen“, erinnert sich Baltes, „nach einer Minute schauten Wolf und ich uns an und dachten: ,Mit dem könnte es etwas werden‘. Wir hatten eigentlich gar nicht gezielt gesucht, sondern wollten nur jammen, doch plötzlich war da jemand, der unser Material singen konnte.“ Hoffmann fügt hinzu: „Wir sagten uns: ,Wir wären doch blöde, wenn wir diese Gelegenheit nicht beim Schopf packen würden.‘“

Gesagt, getan. Innerhalb weniger Monate komponierten Accept ein Dutzend neuer Stücke und riefen die alte Gang zusammen (sprich: Schlag-zeuger Stefan Schwarzmann und Gitarrist Herman Frank), um unter Hochdruck an einer neuen Scheibe zu arbeiten. Gleichzeitig bereitete Mana-gerin Gaby Hoffmann hinter den Kulissen die ver-traglichen Modalitäten vor, musste aber feststellen, dass ein fast schon vergessener Fehler, der weit in die Vergangenheit zurück­reicht, die Verhandlungsgrundlage extrem schwierig machte. 1989 nämlich hatten Accept schon einmal versucht, ohne Dirkschneider die Band am Laufen zu halten. Ein Desaster, denn der damalige Ersatzfrontmann David Reece entpuppte sich als Glamourboy mit in-akzeptablen Star­allüren: „Da kam ein Typ aus Kalifornien angeflogen und posaunte laut heraus: „I’m the greatest, so let’s do it!“, erinnert sich Baltes mit Grauen. Allerdings versuchten Accept seinerzeit, ihr bis dato teutonisch-stoisches Schwermetall mit Hilfe des neuen Sängers auf den amerikanischen Mainstream-Markt zuzuschneiden. Ein Unterfangen, das zum Scheitern verurteilt war und schlussendlich in einem wüsten Handgemenge zwischen den Musikern endete.

Die heutigen Nachwehen dieses Fehlgriffs: „Es gibt auch jetzt wieder Leute, die sagen: ,Das wird nie funktionieren, wie man damals mit David Reece schon gesehen hat‘“, weiß Hoffmann nur zu gut, „aber nur weil man einmal auf die Schnauze gefallen ist, heißt das ja nicht, dass das im zweiten Anlauf wieder genauso sein wird.“
Mit Mark Tornillo kann der Sängerwechsel klappen, wie die ersten Tests zeigen. Stimmlich zwischen Dirkschneider und den beiden AC/DC-Sängern Bon Scott und Brian Johnson angesiedelt, passt er zu Accept wie die berühmte Faust aufs Auge. Tornillo ist musikalisch wie optisch ein grundehrlicher Metal-Handwerker und damit die perfekte Galionsfigur einer Band, die ihren Stahl hart schmiedet, anstatt ihn mit Gold zu verzieren. Dadurch wurde das Thema auch für Plattenfirmen interessant – die A&R-Verantwortlichen meldeten sich bei Accept. Zwar lief diesbezüglich zunächst ebenfalls nicht alles wie am Schnürchen, weswegen Gaby Hoffmann ihrer Band im Mai 2010 eine kurze Club-Tour verordnete, bei der die Label-Leute überzeugt werden sollten. Und letztendlich schaffte es die Managerin, das neue Accept-Album BLOOD OF THE NATIONS bei einem der weltweit wichtigsten Metal-Label unterzubringen und ihren Schützlingen damit einen angemessenen Start ins erneute Rennen um die Gunst der Fans zu verschaffen.

Alles in allem also beileibe kein einfacher Neustart für die deutsche Metal-Legende, die zunächst sogar intern Überzeugungsarbeit leisten musste, um alle Mitglieder auf Kurs zu bringen. Am Beispiel ihres Schlagzeugers Stefan Schwarzmann wird diese Hinwendung zum Guten aber wohl am deutlichsten: „Um ganz ehrlich zu sein: Ich musste kurz nachdenken, als Gaby mich fragte, ob ich mitmachen möchte“, gesteht er, „ich bin einfach zu lange dabei, um mich in jedes Abenteuer zu stürzen. Doch es ist toll, wie die Zuschauer und die Presse auf Mark reagieren. Auch wenn er Udo ersetzt, hat er eine gewisse Eigenständigkeit. Aber für mich ist dies sowieso keine Accept-Reunion, für mich ist es ein neues Kapitel.“