the answer @ Gregor SchummSind wir denn wieder in den Siebzigern? Auf dem Papier schon: Das neue The Answer-Werk NEW HORIZON wurde nicht nur live eingespielt, es enthält auch das letzte Artwork des kürzlich verstorbenen Großmeisters Storm Thorgerson. Musikalisch gibt es allerdings genau den kraftstrotzenden, bluesigen Hard Rock, der die Nordiren schon mit AC/DC auf die Bühne brachte – und auf dem vierten Album eindrucksvoll
alle Register ziehen.

The Answer sind die Antwort auf all die Fragen, die sich die Rockwelt gerne mal stellt: Wieso sind nicht alle Bands derart voller Energie? Oder: Wieso gelingt es nicht allen Bands, perfekte Unterhaltung auf konstant hohem Niveau zu liefern? NEW HORIZON, die starke vierte CD der Nordiren, hat noch mehr Antworten parat, wirft aber auch neue Fragen auf. Gut, dass Cormac Neeson alle Zeit der Welt zu haben scheint, als wir uns mit dem Sänger aus Belfast kurzschließen. „The Answer sind sehr gut darin, die Live-Energie unserer vielen spontanen Jams einzufangen“, versucht er sich an der Beantwortung obiger Fragen. „Wir sind immer dann am glücklichsten, wenn wir zusammen spielen, und wenn das im richtigen Moment eingefangen wird, bekommt das auch der Hörer zu spüren.“ Und das von Kopf bis Fuß: Die Stücke wollen es wissen, haben bei aller Melodik genügend Biss, um Balken zu biegen und Nacken zu quälen. Dass der in der Vergangenheit beinahe gleichberechtigte Blues Rock diesmal zugunsten kernigen Hard Rocks ein wenig das Feld räumen musste, erklärt Cormac beinahe allegorisch: „In der heutigen Musikindustrie kämpft eine Band ständig ums Überleben. Wir bilden da keine Ausnahme – und genau diese Intensität und der Überlebenswille sind es, die unser Songwriting auf diesem Album nährten. Was wir wollten, war ein Album, das dich aus den Latschen haut, wenn du es laut genug hörst. Ein Zehn-Song-Rock‘n‘Roll-Album, das groovt wie ein Bastard und den Hörer nach mehr schreien lässt.“ Scheint so, als müssten wir ganz froh um die schwierigen Zeiten der Musikindustrie sein. Veröffentlichungen wie NEW HORIZON jedenfalls machen die Krise zu einem absoluten Glücksfall.

Hinterm Horizont

Ähnlich im Glück dürfte die Band auch gewesen sein, als sich Storm Thorgerson bereit erklärte, das fantastische Cover zu gestalten. Pink Floyd, Led Zeppelin, Black Sabbath, Muse… und jetzt The Answer. „Den Genius dieses Mannes und seines Teams zu beobachten war ein einziges Vergnügen. Außerdem ist es ein Zeugnis für Storms Größe, dass er sich dieses Projekts trotz seiner Krankheit annahm und letztlich ein weiteres ikonisches Cover erschuf.“ Ikonisch ist es in der Tat geworden: Thorgerson setzte den neuen Albumtitel symbolbeladen um, montierte eine Collage, in der ein geöffneter Vogelkäfig den Kopf eines Mannes ersetzt. Die daraus in die Freiheit fliegenden Vögel stehen für den neuen Horizont, den ein jeder von uns suchen sollte. Ständig. Immer wieder. Cormac Neeson hat ganz eigene Vorstellungen davon, was nötig ist, um diesen neuen Horizont zu erreichen. „Der Wille, aus deiner Komfortzone auszubrechen und der Mut, dich all den Herausforderungen zu stellen, die dieser Sprung ins Bodenlose unweigerlich mit sich bringt. Das – und ein Kräuterheilmittel, das hier in Nordirland sehr beliebt ist.“ Da ist er wieder, der besondere Humor Nordirlands. Eine ganze Spur trockener als der seiner englischen Kollegen ist er, leise und nicht immer sofort als Humor erkennbar. Manchmal schmunzelt Cormac dann aber fairerweise, und man fragt sich insgeheim, warum wir eigentlich nicht gerade in einem schummrigen Pub in Belfast sitzen. Wenn er nämlich erst mal in Schwung kommt, ist der Sänger der geborene Erzähler. „Die Musik war zuerst da und diente Storm als Hauptinspiration“, erinnert er sich an die Entstehung des Covers. „Nachdem er sich die Songs diverse Male angehört und mit jedem einzelnen Bandmitglied gesprochen hatte, sandte er uns zehn Skizzen, die alle für sich einzigartig waren und dennoch sowohl die Musik als auch die einzelnen Bandmitglieder äußerst originell widerspiegelten. Dieser Vogelmann war allerdings von Anfang an meine erste Wahl.“

The Answer suchen nicht nur mit dem Covermotiv neue Horizonte. Vielmehr wird die gesamte Historie der Band von dem elementaren Wunsch überspannt, stets nach vorn, stets nach oben zu marschieren. „An unserem neuen Horizont wirst du bis in alle Ewigkeit dieselben Dinge schimmern sehen: Inspiration und neue Ideen, um einen unstillbaren Appetit zu stillen.“ Dieser Appetit ist es, der auf NEW HORIZON in starke, leidenschaftliche Rocksongs gegossen wird. Und was für einen Moment Befriedigung verschafft hat, dürfte sich heute längst in den Drang aufgelöst haben, das nächste Mal noch mehr zu geben, noch besser zu spielen, noch weiter auszuholen. The Answer als Statement gegen Stagnation? Cormac nickt: „Wir glauben, dass es essentiell ist, sich als Band wie auch als Mensch ständig weiterzuentwickeln. Deshalb klingt keine unserer Platten wie die vorige, deshalb werden wir auch auf ewig hungrig bleiben. Der Tag, an dem bei uns die Stagnation einsetzt, ist der Tag, an dem wir uns nur noch der Gartenarbeit widmen werden.“ Die Frage, ob die Nordiren künftig Tomaten und Petersilie oder doch lieber ihren unverfälscht-bluesigen Hard Rock exportieren sollen, muss hier wohl nicht beantwortet werden. Dennoch steckt hinter Cormacs Vergleich mit der Gartenarbeit mehr als ein amüsantes Extrem: Ähnlich wie der Gärtner beim Säen und Jäten, braucht auch er eine gewisse Ruhe und Gelassenheit, um den The Answer-Trubel zu kontrastieren. „Wenn man aus Nordirland kommt, ist das aber überhaupt kein Problem“, weiß Bier- und Whisky-Fan Cormac. „Ich lebe noch immer in Belfast, unser Proberaum ist noch immer der, in dem die Band gegründet wurde. Das Leben hier ist langsam und gemächlich, und ich finde es essentiell, dass man weiß, wo man herkommt, wenn es einen in die Welt hinauszieht. Das bringt eine gewisse Ruhe in alles – eine Ruhe, die das Leben nicht einfach vorüberziehen lässt.“

Über den Tellerrandd

Hier scheint der Schlüssel zur Besonderheit von The Answer zu liegen. Auf der einen Seite Konzerte auf der ganzen Welt, weit über hunderttausend verkaufte Platten und eine Support-Tour für AC/DC, auf der anderen das beschauliche Leben in Nordirland. Entsprechend konnte die Band eine Menge Kraft tanken und auf NEW HORIZON abermals zum selbigen aufbrechen. „Unseren neuen Horizont fanden wir diesmal im Songwriting und bei den Aufnahmen“, führt die Stimme aus. „Wir schrieben die Stücke mit einigen alten Freunden und holten dafür erstmals auch unseren Produzenten Toby Jepson ins Boot. Er hat ein Talent dafür, unsere Konzentration am Laufen zu halten, damit wir mit diesem Album ein klares und aussagekräftiges Statement abliefern konnten. Außerdem bestand er darauf, dass wir so viel wie möglich live aufnehmen. Das bedeutete, dass wir jeden Song bis zu dreißig Mal spielen mussten und uns dann für die beste Aufnahme entschieden.“ Wie in der guten alten Zeit eben, als Led Zeppelin ebenfalls mit Storm Thorgerson zusammenarbeiteten und ihre Stücke live einzimmerten. Wie es der Zufall so will, ist Led Zeps früherer Gitarrist Jimmy Page ein großer Fan der Band, der sich zweifellos längst an den neuen Stücken erfreut.

Die erwähnte Zusammenarbeit mit einigen anderen Freunden führte The Answer auch dazu, den Song ›Baby Kill Me‹ gemeinsam mit Singer/Songwriter Cosmo Jarvis zu schreiben, der sonst eher im Indie-Bereich zwischen Röhrenjeans und Stofftasche zuhause ist. Cormac erinnert sich gern an diese Zusammenarbeit: „Das war ein interessanter Prozess. Cosmo ist das, was man einen Charaktertypen nennt, und außerdem ein wahnsinnig guter Songwriter. Er sorgte dafür, dass wir einen Song mal von einer ganz anderen Seite angingen – und genau danach haben wir gesucht.“ Nach kurzer Überlegung führt er an: „Außerdem ist er im Herzen genau so ein großer Rocker wie wir.“ Gekauft, spätestens der Song beweist es. Eben jene Vielfältigkeit zeichnet die Nordiren aus. Es scheint, als wollen die vier Musiker möglichst viele Einflüsse auf ihrem Weg aufschnappen, um sie in ihre Musik einfließen zu lassen. „Wir saugen jede Erfahrung auf und lassen alles, was wir lernen, direkt auf die Band wirken“, nickt er entschlossen. „Songs schreiben, live spielen, im Studio aufnehmen oder was auch immer: Sobald uns jemand inspiriert, werden wir besser in dem, was wir tun. Hoffen wir zumindest.“

Auch seine Herkunft selbst ist natürlich nicht ganz unschuldig an dem, was aus seiner Band geworden ist. Schippern The Answer aus musikalischer Sicht eher in amerikanischen Gefilden, schlägt sich der Einfluss des kleinen Landes insbesondere in seinen Texten nieder. „Meine Lyrics werden natürlich von meinem Leben in Nordirland und meinen Freunden hier geprägt“, kann er bestätigen, hat aber keineswegs eine rosarote Brille auf. „Dieses Land kann sehr farbenfroh, aber auch ein Labyrinth der Widersprüche sein. In welche Richtung ich also blicke, sehe ich Inspiration in Hülle und Fülle.“ Dennoch lebt er gern in dem Land mit kaum zwei Millionen Einwohnern, sieht es eher als Segen denn als Fluch, eine der wenigen bekannten Rockbands aus diesem Flecken Erde zu sein. „Ich bin überzeugt davon, dass uns als Nordiren gerade deswegen eine Ausnahmestellung in der Rockwelt zukommt. Die Szene hier in Belfast hat aber nichtsdestotrotz eine Menge talentierter Rockbands zu bieten.“ Und eine Menge schöner Pubs. In denen trifft man Cormac und seine Gang aber am ehesten abends an. Tagsüber verschanzen sie sich gern im Proberaum, um bei literweise Kaffee an neuen Stücken zu feilen oder der Improvisation freien Lauf zu lassen. Der Sänger über die Entstehung neuer Songs: „Manchmal hat jemand eine relativ weit entwickelte Songidee und braucht dafür nur noch ein paar Textzeilen und etwas Politur, bevor er fertig ist. Sehr oft haut uns aber auch in unseren Jams ein Killerriff derart vom Hocker, dass wir den Rest des Tages damit verbringen, daraus einen Song zu schmieden – und uns dann am Abend ein paar kühle Belohnungen zu genehmigen.“

Angriffslustig

Was in diesem Gespräch so harmonisch, so wolkenlos klingt, war nicht immer so. Tatsächlich stand es vor nicht allzu langer Zeit alles andere als rosig um die Band, Querelen mit Labels, Management und weiteren Parteien aus dem Musikbusiness verleideten es den Nordiren einige Zeit ganz gehörig. „Da war wirklich eine ganze Menge los.“ Cormac wirkt urplötzlich ernst, diese Periode hat eindeutig ihre Spuren hinterlassen. „Wir wechselten Labels, Management und Agenten – alles innerhalb von zwei Wochen! Das war eine wahrhaft traumatische Zeit. Jetzt sind wir aber am anderen Ende herausgekommen und gewillter denn je. Die Band war immer schon stark, und das wird sich nie ändern. Doch auf unserem künftigen Weg werden wir ab sofort keinerlei Kompromisse mehr eingehen.“ Ein unverbesserlicher Optimist, dieser Cormac. Selbst aus diesen schwierigen Zeiten konnte er Inspiration für NEW HORIZON schöpfen. „Das Beste, was einer Band passieren kann, ist, wenn sie beim Schreiben eines Albums mit persönlichen Schwierigkeiten oder sogar Kämpfen fertig werden muss. Ein besseres Energiereservoir kann es gar nicht geben.“

Entsprechend angriffslustig oder abrechnend sind einige der Texte auf der neuen Platte geworden, vieles musste gesagt werden, um verarbeitet zu werden. Für den Vokalisten mehr als purer Exorzismus: „Jeder Sänger glaubt doch daran, dass seine Worte wertvoll sind. Deshalb haben wir alle auch so große Egos.“ Nordirischer Humor, die nächste. Dann wird er wieder ernst: „Ich versuche mit meinen Texten eine Verbindung zu unseren Hörern herzustellen. Ich schreibe für mich, doch vielleicht erscheint manchem Zuhörer das, wovon ich singe, auch sinnvoll für sein Leben, weil er ähnliche Erfahrungen gemacht oder ähnlich gefühlt hat.“ Dessen kann sich Mister Neeson sicher sein. Das Gefühl, unverdient leer auszugehen, sitzengelassen zu werden oder sich freischwimmen zu müssen ist vielen mit Sicherheit nicht unbekannt. Dennoch transportiert NEW HORIZON noch ein anderes, ungleich wichtigeres Gefühl: Genau das Richtige getan und alles gegeben zu haben. Entsprechend euphorisch fällt Cormacs Antwort auf die abschließende Frage aus, was das Beste an seiner Rolle in The Answer ist. „Ich mache das, das ich wahrhaftig liebe. So einfach ist das.“

Text: Björn Springorum