Anvil: Lips im Interview – Mehr, einfach mehr! | ungekürzt

30 Interview-Minuten mit Lips Kudlow von Anvil gleichen einer lustigen Achterbahnfahrt. Vom Hundertsten hüpft man flugs zum Tausendsten – bespricht die neue Platte, erörtert die Funktionalität von Vibratoren – und zack: Die Zeit ist um und man wird gewahr, dass nur vier von 12 Fragen diskutiert wurden und die nächsten Journalisten schon in der Skype-Warteschleife hängen. Was tut man da? Ablenken und so unauffällig wie möglich weitermachen…

Hey Lips, du bist gerade wieder zurück von deiner Tour durch China und Australien, oder?
Jawohl, das ist richtig.

Hat’s Spaß gemacht?
Oh ja, es war wirklich großartig.

Habt ihr schon Songs vom neuen Album gespielt?
Oh nein, nein, nein! Sowas machen wir nicht. Sowas kannst du nicht machen!

Ich meine, so als Teaser vielleicht.
Nein, das war ja jetzt noch unsere ANVIL IS ANVIL-Tournee.

Ah okay, gehörte also noch zu eurem Release von 2016. Anvil ist wahrscheinlich eine der am härtesten arbeitenden Metalbands, die ich kenne. Ich folge euch auf Facebook und ihr smasht und poundet ja wirklich überall! (lacht)
Klar, dafür sind wir ja schließlich da! (lacht)

Andere sind da nicht so eifrig.
Ja, weil das faule Hunde sind! (lacht)

Und ihr anscheinend nicht…
Nein, wir sind bereit, hart zu arbeiten. Wir wollen das ja nicht anders.

Wird das anstrengend?
Anstrengend? Nein, Mann! Niemals. Wie soll man denn seinen eigenen Urlaub anstrengend finden? Was ich sagen will: Mein Leben ist ein einziger Urlaub. Ich komme gerade aus China und Australien und hatte einfach nur eine tolle Zeit.

Welche Teile der Welt behandeln euch am besten? Gibt es irgendwelche Orte, wo die richtigen Die-Hard Anvil Fans sitzen?
Nein, ich meine, die gibt es überall. Weißt du, was ich einfach auf der ganzen Welt sehe: Menschen sind Menschen, das ist tatsächlich ziemlich interessant. Und dabei ist die Sprache oder das Herkunftsland völlig egal. Die meisten Leute haben mehr gemeinsam, als nicht…

Das sind weise Worte!
Ja, weißt du, Metal-Leute. Leute, die Anvil mögen. Du kannst ein Fan aus Brasilien sein oder aus China. Und es gibt einfach so viele Gemeinsamkeiten zwischen diesen Leuten. Die sind sich einfach eher ähnlich, als dass sie unterschiedlich sind. Weißt du, was ich meine? Es macht einfach total viel Sinn! (lacht)

Heavy Metal verbindet also?
Ja klar und das macht ja auch Sinn. Es ist egal, wo du herkommst. Musik bringt die Leute zusammen, weil einfach ein verbindendes Element darin enthalten ist. Musik ist etwas, das Menschen aus verschiedenen Ländern dazu bringt, das gleiche zu mögen.

Und in solch einem Milieu bist du dann so etwas wie ein Szene-Botschafter?
Ja, am Ende läuft es wohl darauf hinaus. Aber ich würde mich echt einfach mal gerne mit einem Typen aus Nordkorea zusammensetzen und plaudern. Wäre toll, das würde mir gefallen.

Was hier ja mitschwingt, dass ihr einfach unfassbar viel live spielt. Verdient man heute als Musiker nur mehr so sein Geld?
Ja, nur noch so.

Wie laufen die Plattenverkäufe?
Naja, nicht gut. Heute läuft es einfach nicht mehr über Tonträger. Einen Schritt nach dem anderen. Du gehst raus, spielst den Gig und verkaufst die Band vor Ort an die Leute. So, dass sie sich ein Shirt kaufen, ein CD, einen Patch, ein Ticket oder ein Meet & Greet. Irgendwas eben. Dass sie einfach die Band unterstützen. Dazu ist die Musik inzwischen einfach geworden. Und es geht nur mehr so, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Ziemlich hartes Pflaster.
Ja klar, also zu Hause rumsitzen und auf Tantiemen warten. Äh, Tantiemen von was? Vom Streaming? Wie bei… wie heißt der Typ, der für Bon Jovi und Kiss geschrieben hat?

Du meinst Desmond Child?
Ja genau, Desmond Child. Er hat mal darüber gesprochen: Meine Songs werden sechs Millionen mal gespielt und ich kriege dafür 300 Kröten. 300 Kröten!! Das bedeutet es, heute Musik zu machen. Es ist zu verzichtbarem Süßkram für die Ohren geworden. Also musst du dich fragen: Worin besteht dein Verkaufsargument? Wie gut bist du live? Bringst du es live, wenn du vor einem Publikum stehst? Was für ein Entertainer bist du? Welche Energie vermittelst du den Leuten? Da trennt sich die Spreu vom Weizen. Wenn du live scheiße bist, wirst du keine Shirts verkaufen und auch keine Folge-Gigs abkriegen.

Also ist harte Arbeit die einzige Lösung?
Ja, genau. Du musst hart arbeiten und die Zähne zusammenbeißen, bis sie knirschen. Weißt du, was ich meine? Es hört einfach nie auf, es ist endlos, du kannst nicht faul sein. Du musst an jeder Minute deiner Zukunft jetzt schon teilhaben. Ansonsten hast du keine! (lacht)

Und das tust du jetzt schon seit 40 Jahren…
Ja, das ist einfach Arbeitsethik. Das ist der Grund, warum ich hier bin. Ich bin hier, um Musik zu machen. Das ist der Inhalt meines Lebens, das soll ich machen und das will ich so oft machen wie möglich, weil die Zeit natürlich der wertvollste Faktor von allen ist. Wenn die Zeit vorbei ist… Du kannst Kohle haben ohne Ende, aber du kannst nicht Zeit haben ohne Ende.

Nochmal: Weise Worte!
Naja, sowas sagst du halt ab einem bestimmten Punkt im Leben. (lacht)

Klaro, ab einem gewissen Alter darf man sowas! (lacht) Wir haben ja schon kurz über ANVIL IS ANVIL von 2016 gesprochen, nur knapp ein Jahr später kommt jetzt schon POUNDING THE PAVEMENT raus. Da habt ihr euch ja nicht viel Zeit gelassen!
Naja, ich sehe das irgendwie anders. Früher, wenn du eine gewisse Eigendynamik am Start hattest – und genau das muss passieren – früher war das viel krasser. Ich meine, 81, 82, 83 haben wir Platten rausgebracht, alle nur circa ein Jahr voneinander entfernt. Also von dem her finde ich nicht, dass das besonders schnell ist.

Naja, verglichen zu anderen Bands schon ein guter Output.
Naja, wir holen halt viel verlorene Zeit auf. In gewisser Weise gibt es natürlich keine verlorene Zeit, weil wir ja nie aufgehört haben. Wir hauen seit 40 Jahren kontinuierlich Platten raus und das wird nie aufhören. Nicht, bis einer von uns geht. Und so sehen wir das eben.

POUNDING THE PAVEMENT ist ja jetzt Nummer 17. Ihr habt das Album in Deutschland aufgenommen…
Ja, genau. Deutschland ist einfach der Mittelpunkt für Metal und für uns sowieso, weil unser Management, unser Label, das Produktionsteam und einfach alles dort ist. Sogar unsere Backline wird in Deutschland aufbewahrt, also macht es einfach 100 % Sinn, dass wir dort auch aufgenommen haben. Wir hatten unser Equipment einfach vor Ort. Und das andere Argument war natürlich, dass unser Produktionstyp sein Studio dort hat und sowas kriegst du hier bei uns nicht wirklich. Einen Experten, der ein Studio besitzt, in dem man auch leben kann.

Okay, das habt ihr also gemacht während der Aufnahmen. Ihr habt dort gelebt?
Ja genau. Da gibt es alles. Schlafzimmer, die ganze Geschichte. Das war, als würde man in seinem eigenen Haus aufnehmen. Einfach nur super bequem.

Wie lange seid ihr geblieben?
Einen Monat.

War also durchaus eine intensive Phase?
Ja, wir hatten alle Zeit der Welt, um eine Platte zu machen, die nicht völlig überproduziert ist. Wir waren circa nach 20 Tagen fertig, aber naja. Es war halt ein bisschen anders dieses Mal. Wir waren super vorbereitet, also konnte vieles einfach schnell abgehakt werden. Aber wir wollten ein bisschen extra Zeit einplanen für den Notfall. Das ist das ganze Geheimnis.

Man kann ja nie wissen…
Ja genau. Es kann immer zu Komplikationen kommen, oder? Es ist immer besser, zu viel Zeit einzuplanen als zu wenig.

Für das letzte Album hattet ihr ja schon Geld via Crowdfunding gesammelt, bei POUNDING THE PAVEMENT habt ihr’s genau so gemacht.
Ja genau, weil das letztes Mal echt gut geklappt hat.

Also sind eure Fans durchaus gewillt, euch finanziell zu unterstützen?
Total. Ich meine, das ist für mich gar keine Frage, weil es ja einfach auch Sinn macht. Dass deine Fans dein Produkt direkt von dir kaufen. Und wir tun das Ganze ja auch nicht unter irgendwelchen lächerlichen Bedingungen. Es wäre schön, von großen Dimensionen träumen zu können, aber wir reden ja hier nicht von Millionen von Fans, am Ende des Tages geht es halt um 1000 Die-Hard-Fans.

Naja, immer noch eine stattliche Anzahl. Ihr bietet ja auch nette Sachen an. Man kann Robbos Schuhe kaufen, diese weißen Stiefel, die sind echt cool. Die gefallen mir, aber leider sind sie mir zu groß.
(lacht) Ja, total viel Zeug, Mann! Einiges ist natürlich irgendwie nur als Spaß gedacht, aber andererseits vielleicht auch nicht, weil einige Leute darin wirklich einen Wert sehen. Weißt du… das sind einfach auch Sachen, die mal was wert sein werden.

Mir gefällt eure Auswahl an Verkaufsgegenständen ganz gut und wenn man so sein neues Album finanzieren kann, warum nicht?
Wir versuchen echt, vernünftig zu bleiben.

Ja, ihr führt euch jetzt nicht wie irgendwelche abgehobenen Rockstars auf, die ihre benutzten Taschentücher für viel Geld verkaufen oder so.(lacht)
Nein, ich gebe zum Beispiel eine Gitarrenstunde. Via Skype, das wird bestimmt interessant. Ich habe alle Vorrichtungen, um sowas durchzuführen, also sollte es kein Problem sein. Ich frage mich nur, wie das wohl sein wird.

Du solltest das aufnehmen und irgendwann mal auf Youtube zeigen!
Ja, das wäre lustig. Ich frage mich nur, was mich der Typ wohl fragen wird. Was ich spielen soll.So nach dem Motto: Ohje, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. (lacht) Aber was es auch sein wird, ich krieg das schon hin! (lacht)

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