amplifier 2010

Amplifier zeigen, wie man mit kleinem Kontostand große Alben erschaffen kann. Das eigenständige Trio aus Manchester zählt zu den Aufsteigern der europäischen Rockszene.

Die Grippewelle rollt, Sel Balamir ist sichtlich angeschlagen. Er hat seine Magen-und-Darmgrippe kaum auskuriert. Dennoch streckt er mir freundlich lächelnd die Hand entgegen, die ich zögernd ergreife. Wir sitzen in einem Restaurant in Berlin-Mitte, wo der Frontmann von Amplifier sich löffelweise Tomatensuppe einflößt. „Inzwischen gibt es uns siebzehn Jahre“, blickt Sel schniefend zurück. „Matt (Brobin, Schlagzeug) und ich begannen 1996. Bei uns in Manchester regierten damals Oasis, daneben war die Hacienda ein Zentrum der Popmusik.“ Der Sänger und Gitarrist bezieht sich auf den ersten Electro House Club Europas, der überall Nachahmer fand. „Außerdem gab es akustische Acts wie Badly Drawn Boy und Elbow. Wir passten in keinen der Trends, unsere Musik war forschend, wir haben keine fertigen Songs gespielt.“ Amplifier guckten eher nach Seattle als nach Manchester, experimenteller Grunge stand ihnen näher als wehleidiger Brit-Pop. „Einige der Titel, die wir bei unserem allerersten Gig spielten – im Vorprogramm von Elbow – haben wir heute noch im Set. Und ich finde sie immer noch aufregend.“

Balamir teilt die Entwicklung seiner Band in drei Phasen. „Es gab die goldene Zeit, bevor wir einen Plattenvertrag hatten. Alles war Spaß und Liebe. Wir hatten große Ambitionen und Träume, aber keine Erwartungen. Das war eine produktive Phase. Die dunkle Periode fing mit unserem Record Deal an. Unser erstes Label wurde verkauft in der Woche, in der unser Debütalbum AMPLIFIER herauskam. Dann hatten wir eine deutsche Plattenfirma, die recht distanziert war. Sie wollte unbedingt ein zweites Album, wir gaben ihnen INSIDER, aber sie mochten es nicht“, berichtet Sel stockend. Daraufhin hatte das Trio die Nase voll von Plattenfirmen. Ihr Opus Magnum THE OCTOPUS (2011) vermarkteten sie selbst. „Niemand gab uns Anweisungen, niemand redete uns drein, keiner wollte Singles. Wir brachten ein Doppelalbum heraus und konnten 20.000 Stück davon verkaufen“, gluckst der Brite mit türkischen Wurzeln vor Vergnügen. „Alles machten wir selbst, wir haben die CDs quasi aus der Garage unseres Drummers verkauft – mit Hilfe von Vertrieben. Jede einzelne Kopie enthält Sticker und Infos, die meine Frau und ich persönlich hinein gesteckt haben.“ Diese Garagen-Rock-Vermarktung hatte zwei große Vorteile: Zum einen musste die Band das verdiente Geld mit niemandem teilen; zum zweiten lernte die Band gründlich, wie das Musikgeschäft funktioniert.

Der aktuelle Dreher ECHO STREET erscheint auf K Scope, dem Label von Steven Wilson. Der Prog-Papst ist momentan in aller Munde, er ziert Titelblätter der Musikpresse, alles, was er anfasst, kann sich der Aufmerksamkeit der Medien sicher sein. „Prog-Fans mögen alles, was auf diesem Label erscheint“, wundert sich Sel. Er berichtet, dass sie 2011 neben THE OCTOPUS noch eine dritte Platte eingespielt hätten, „mit völlig anderem Charakter, euphorisch und erhaben, voller Regenbögen und UFOs. Aber an der Scheibe müssen wir noch arbeiten, sie wird „Mystoria“ heißen.“ Im Gegensatz zu dem geheimnisvollen, zukünftigen Album ist das vorliegende ECHO STREET sehr bodenständig, fließend und melancholisch. „Unsere Platten haben immer mit den Umständen zu tun, in denen sich die Band befindet. Wir hatten schlicht kein Geld, „Mystoria“ zu beenden. So nutzten wir für ECHO STREET alte Ideen, die im letzten Jahrzehnt liegen geblieben waren. Deshalb haben die Songs etwas Nostalgisches, Nachdenkliches und Melancholisches,“ sagt Sel zum Ende des Gesprächs. Die Interviewzeit ist abgelaufen. Ich winke, zum Abschied gibt´s kein Händeschütteln.