ASIA BAND SHOT TWO-2 MONOAnfang der 80er Jahre schrieben sie mit ihren Alben ASIA und ALPHA Musikgeschichte. Nach diesem kometenhaften Aufstieg ging es für Asia jedoch erst einmal bergab. Erst 2008 konnten sie mit PHOENIX ihren Siegeszug fortsetzen – mit XXX soll der nun auch weitergehen. Und Gitarrist Steve Howe weiß ganz genau warum.

Hybris und Un-vernunft, Gigantomanie und der Verlust von Realität: Diese teuflische Mischung hat schon so manch anderer Rockgruppe die Karriere verhagelt. Heute kann Steve Howe jedoch darüber lachen, dass seine Band Asia in den Jahren 1983/84 innerhalb weniger Monate all das vor den Baum fuhr, was sich ihr durch den immensen Erfolg des Debütalbums plötzlich an Erfolgen, Möglichkeiten und glänzenden Perspektiven eröffnet hatte. „Jeder kennt das Phänomen: Nach einem exzessiven Champagner-Frühstück kommt ziemlich schnell der Kater“, schmunzelt der 65-jährige Gitarrist und verweist damit unverhohlen auf die massiven Alkoholprobleme seines Mitstreiters John Wetton, der sich und die Band innerhalb kürzester Zeit um eine glänzende Zukunft soff. Aber Howe ist Gentleman, ganz Brite, und spart auch sich selbst nicht aus dem Fokus vergangener Verfehlungen aus: „Wir waren dumm und unerfahren, anders kann man die damaligen Exzesse nicht erklären. Der Erfolg machte uns alle kirre, wir konnten mit all dem Geld, dem Ruhm nicht umgehen.“

Die Originalbesetzung der Band hielt gerade mal drei Jahre und zwei Alben. Erschreckend wenig, bedenkt man das grandiose Talent der vier Einzelkönner Howe, Bassist Wetton, Schlagzeuger Carl Palmer und Keyboarder Geoff Downes. Die Presse sprach seinerzeit von einer Supergroup und stellte sie direkt in den Kontext von Blind Faith. Mit Recht: Howe und Downes ka-men von der Prog-Elite Yes, John Wetton von den Kult-Avantgardisten King Crimson und Carl Palmer von den genialen Emerson, Lake & Palmer. Asias Debüt kletterte aufgrund des alles überragenden Singlehits ›Heat Of The Moment‹ binnen dreier Wochen auf Platz 1 der amerikanischen Charts und konnte sich bis heute mehr als sieben Millionen Mal verkaufen. Doch bereits auf dem dritten Album ASTRA war Howe gefeuert, fortan verkümmerten Asia zum Durchlauferhitzer mit wechselnden Besetzungen.

Anno 2012 ist die Situation diametral entgegengesetzt: Seit sechs Jahren haben sich die vier Originalmitglieder wieder zusammengerauft und legen mit XXX (gesprochen: Triple X) nun bereits das dritte gemeinsame Werk seit der Wiedervereinigung vor. „Sechs Jahre bedeutet: dreimal so lange wie damals“, rechnet Howe nach und genießt, dass die mittlerweile ergrauten Herren an Vernunft und Professionalität gewonnen haben. „Natürlich sind wir reifer geworden. Wir respektieren einander und freuen uns, dass es diese unvergleichliche Besetzung wieder gibt.“

Howe bezeichnet Asia 2012 im Vergleich zu vor 30 Jahren als „deutlich besser organisiertes Schiff.“ Vor allem respektiere man die Privatsphäre des jeweils Anderen und hocke während der Tourneen nicht permanent zusammen. „Ich kann mich noch gut an die 83er Tour erinnern, als es hieß, das gemeinsame Reisen per Flugzeug sei alternativlos. Ich aber wollte das nicht, also kaufte ich mir ein Auto und ließ mich von einem Fahrer von Auftrittsort zu Auftrittsort fahren. Die anderen schüttelten nur den Kopf und erklärten mich für verrückt, ich aber nahm mir die Freiheit so zu reisen, wie es für mich am angenehmsten ist. Damals gab es viel Streit darüber, heute dagegen zählt nur, dass jeder zum vereinbarten Zeitpunkt am abgesprochenen Ort ist. Egal, wie er dorthin gekommen ist.“

Aber es sind nicht nur diese neuen Freiheiten, die sich die vier Musiker mittlerweile nehmen (dürfen) und die das ehemalige Flaggschiff des Radio-Rocks seit nunmehr sechs Jahren auf Kurs halten. Es ist auch der geänderte Zeitgeist, der Asia auf einer warmen Woge der Zustimmung schwimmen lässt, sprich: die Rückkehr der melodischen Rockmusik. „Natürlich waren wir mit PHOENIX zur richtigen Zeit am richtigen Ort“, blickt Howe auf den Zeitpunkt der Reunion zurück. „Alle freuten sich, dass es Asia wieder gab, niemand sagte: Ihr nervt, haut ab! So macht ein Comeback natürlich Spaß.“

Und es gibt noch ein weiteres schlagendes Ar-gument, das Asia aus der Flut ähnlich gearteter Comeback-Versuche herausstechen ließ: Dieses hier ist tatsächlich die komplette – in Worten: KOMPLETTE! – Originalbesetzung. Asia füllen den großen Namen tatsächlich mit sämtlichen Gründungsmitgliedern. „Das unterscheidet uns von fast allen anderen Wiedervereinigungen“, findet Howe, um gleich mit dem krassesten Gegenbeispiel aufzuwarten: „Bei Foreigner steht phasenweise kein einziges Originalmitglied auf der Bühne. Kein einziges! Das muss man sich mal vorstellen!“

Dass dieser Gesichtspunkt keineswegs eine Marginalie ist, erklärt sich dann auch sofort am neuen Album: XXX klingt genauso wie ASIA (1982) oder ALPHA (1983), nur halt mit neuen Songs versehen. Es gehört zum vereinbarten Konzept, dass diese Band ihre signifikanten Stil-mittel keinen Deut einem vermeintlich geänderten Zeitgeist geopfert hat. Geschweige denn den Gelüsten einzelner Bandmitglieder, sich als individuelle Künstler neu erfinden zu wollen. Für Howe ist der typische Asia-Sound auf XXX allerdings selbstverständlich: „Die Frage wäre vielmehr gewesen: Wie hätten wir ihn verhindern sollen? Denn wenn man unser 82er Debüt als Startpunkt betrachtet und weiß, dass man damit etwas ganz Eigenes, Unverwechselbares geschaffen hat, kann die Konsequenz daraus nur lauten: nichts ändern, sondern mit neuen Ideen weiterführen. Und genau das haben wir mit XXX nun auch getan.“
Wobei Howe gar nicht verschweigen möchte, dass hinter den Kulissen mitunter noch immer erhebliche Anspannung herrscht. Bei Asia wird auch nach 30 Jahren heftig gerungen, um Ideen, Arrangements, Songs, Sounds. Aber: Die Band akzeptiert wieder einen – wie Howe es nennt – Schiedsrichter.

Sein Name ist Mike Paxman, er legt die stilistischen Grundregeln fest. Howe: „Mit Mike Stone war es 1982 durchaus ähnlich. Damals vertrauten wir unserem Produzenten und legten die finale Entscheidung in seine Hände. Auch Mike Paxman füllt diese Funktion perfekt aus. Er hat unsere Regeln verstanden, seine eigenen Bedingungen klar dargelegt – und immer dann, wenn sich sowieso alle einig waren, noch brauchbare Ideen zur Sache beigetragen. Besser kann es mit einem Produzenten nicht laufen.“

Das neue Album soll jetzt also wieder das ty-pische AOR-Klientel bedienen, mit eingängigen Melodien, starken Hooks und handzahmen Tex-ten. Und warum, so fragt sich Howe, könnten nicht auch noch einmal hohe Charts-Notierungen wie Anfang der Achtziger dabei rausspringen?

Das Argument eines brach darniederliegenden Musikmarktes will er jedenfalls nicht als Ausrede gelten lassen: „Skeptiker behaupten ja ständig, dass es von nun an immer nur schlechter werden wird. Ich sehe das nicht so pessimistisch. Ich vermute, es ist wie in jedem anderen Wirtschaftszweig ein ständiges Auf und Ab. CDs verschwinden zwar zunehmend, dafür er-lebt das Vinyl ein Comeback. Soll man sich darüber die wenigen Haare raufen, die man in un-serem Alter noch hat? Nein, denn ich denke, dass die Menschen immer noch Musik lieben und bereit sind, dafür Geld auszugeben. Sie wollen es heute nur in einem für sie attraktiven Format geliefert bekommen.“