only lovers left alive
Only Lovers Left Alive
Pandora/Start: 25.12.

Es bedarf keiner langen Vorrede, denn es sollte hinlänglich klar sein: Wenn Regisseur Jim Jarmusch sich den zuletzt breitenwirksam als Hämoglobin-Emos stilisierten Gruselgestalten der Vampire widmet, kommt dabei alles heraus, nur eben kein typischer Vampirfilm. Adam (Tom Hiddleston) und Eve (Tilda Swinton) leben als Vertreter ihrer lichtscheuen Spezies bereits seit einigen Jahrhunderten unter den Menschen, denen sie keine große Achtung entgegenbringen. Zu hektisch, zu kopflos, zu laut und ungestüm empfindet das Paar sämtliche Vertreter der Spezies, deren Leben nur einen Wimpernschlag lang dauert, aber ausreicht, um den Niedergang aller guten und schönen Dinge dieser Welt voranzutreiben. Das Verhältnis seiner beiden Figuren zu Unsterblichkeit und Zeit verpackt Jarmusch in einen entsprechend bedächtigen und mäandernden Erzählfluß, mit dem er den Zustand schwerelosen Stillstands inmitten einer sich beschleunigenden Welt stimmig einfängt. Denn Adam und Eve sind zwar elegante, androgyne Gestalten der Nacht, sie wirken mit ihren Anspielungen auf verstorbene Literaten, Komponisten und Künstler jedoch wie Relikte einer längst vergangenen Zeit. Da passt es vortrefflich, dass der introvertierte Adam seine Existenz als zurückgezogener und depressiver Rockmusiker fristet, während seine lebenshungrige Liebe Eve seine Einsamkeit spürt und zu ihm in die Staaten zurückkehrt. Gemächlich in seinem Erzähltempo, manchmal etwas platt in den augenzwinkernden Literaturreferenzen, dafür atmosphärisch in seinem lakonischen Jarmusch-Tonfall, entfaltet „Only Lovers left Alive“ besonders in der Dunkelheit eines Kinosaals seinen hypnotischen Reiz.

8

Blau ist eine warme Farbe
Alamode/Start: 19.12.

Die Gefahr, dass man beim Kinobesuch dieses von allen Seiten gepriesenen Liebesdramas bereits im Kassenbereich auf einige schamesgerötete Bildungsbürger trifft, ist gegeben. Schließlich fährt die Geschichte der beiden jungen Frauen Adèle und Emma einige explizite Liebesszenen auf, die prüdere Zeitgenossen tief im Kinosessel versinken lassen. Doch Schockfaktor und Freizügigkeit der Freizügigkeit willen sucht man hier vergebens, denn Regisseur Kechiche geht es weniger um körperliche Enthüllung als um einen Seelenstriptease: Die universelle Anatomie der Liebe von erstem Begehren über Gefühls-High bis tiefem Schmerz wird seziert. Dass die Zeit dabei trotz einer Filmlänge von knapp drei Stunden immer noch zu kurz scheint und „Blau ist eine warme Farbe“ berauscht in die Nacht entlässt, ist eines der untrüglichen Zeichen großen Kinos. Dank Kechiches Tieftauchgang in die emotionalen Welten seiner Figuren und seinen zwei superben Darstellerinnen, ein absoluter Tipp!
9

Beware Of Mr. Baker
NFP/Start: 19.12.

Sind die großen Mythen des Rock’n’Roll eben nur Mythen? Gut erfunden, lange ausgeschmückt und letztendlich nur eine aufgeblasene Version der tatsächlichen Ereignisse? Eric Clapton behauptet in der Dokumentation zum fabelhaften Mr. Baker, dass zumindest die Rocklegenden rund um den Ausnahmedrummer keinerlei Ausschmückungen bedürfen: Der gute Mann war halt einfach extremst auf der Trennlinie zwischen Genie und Wahnsinn geparkt. Diese Versprechungen eines Porträts des Skandalmusikers, der auf der Bühne und privat von unzügelbarer Energie getrieben schien, erfüllt die Dokumentation dann mit entsprechendem Verve. Zwischen künstlerischem Exzess bis privatem Scheitern reicht das umfassende Porträt des Cream-Schlagzeugers und zerrt dabei – wie so oft im Musik-Doku-Bereich – jede Menge Weggefährten für Kommentare vor die Kamera. Was schnell in einer ermüdenden Lobhudelei hätte münden können, zeigt sich erstaunlich intim und kritisch und fängt damit dessen bewegte Karriere packend ein, so dass selbst fachunkundige Zuschauer bestens unterhalten werden.

7

A Touch Of Sin
Rapid Eye Movies/Start: 16.01.

Das große chinesisches Experiment der Deregulierung und des Turbokapitalimus samt Tempomat sind – wenn man den Film von Regisseur Jiang Zhangke so deuten darf – grandios gescheitert: Korruption, Gewalt, Hoffnungslosigkeit und die wachsende Kluft zwischen Zentrum und Peripherie bilden die thematischen Mittelpunkte der hier gezeigten Schicksale. Elektrisierend in seinen Bildern, komplex bis gewollt widersprüchlich in seiner Bestandsaufnahme, ist Zhangkes Blick der bis dato unverblümteste auf die aktuellen Verwerfungen im modernen China. Die Deutlichkeit, mit der Zhangke seine Kritik an den Zuständen eben nicht in vage Metaphern und Allegorien packt, sondern reale Schlagzeilen aus den Zeitungen als Ausgangspunkt seines Episodendramas nimmt, überrascht dann aber doch. Denn die Empörung und Wut des Filmemachers sind deutlich zu spüren, wenn er seine scharfe Kritik am spirituellen Ausverkauf des Landes in die Form eines fulminanten, mitreißenden modernen Epos bringt.

10

Zusammengestellt von Gerhard Maier

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