Seit mehr als 20 Jahren vermengt Ben Harper nun bereits mit leichter Hand und großem Erfolg Folk, Reggae, Soul und Rock. Auch der Blues in all seinen Schattierungen war dabei stets nur eine Armlänge entfernt. Auf seinem neuen Album, GET UP!, geht der charismatische Kalifornier nun mit dem traditionellsten aller Genres auf Tuchfühlung und macht auf seinem Debüt für das legendäre Stax-Label mit einem der ganz großen alten Männer des Chicago Blues gemeinsame Sache: Mundharmonika-Größe Charlie Musselwhite. Das Ergebnis ist ein Blick zurück nach vorn.

Für mich war die Zusammenarbeit mit Charlie ein echtes Privileg“, verrät Harper gleich zu Beginn unseres kurzen Gesprächs. Kein Wunder, schließlich verehrt der 43-jährige Amerikaner den Bluesharp-Virtuosen Musselwhite schon seit seiner Kindheit. Im Hause seiner Eltern liefen Platten wie STAND BACK! HERE COMES CHARLIE MUSSELWHITE’S SOUTHSIDE BAND oder MEMPHIS CHARLIE ebenso wie im Musikalienhandel seines Großvaters vor den Toren von Los Angeles. Als sich der junge Adept und der Altmeister des Chicago Blues Mitte der 90er bei Auftritten in San Francisco und im australischen Byron Bay persönlich begegneten, konnte Harper sein Glück kaum fassen. An ein gemeinsames Album dachte er damals aber noch nicht einmal im Traum. Dennoch ist GET UP! keinesfalls die erste Kollaboration der zwei. Wenige Jahre nach ihrem ersten Treffen führten die Aufnahmen für John Lee Hookers THE BEST OF FRIENDS Harper und Musselwhite auch im Tonstudio zusammen. Auf der Nummer ›Burnin’ Hell‹ waren sie erstmals gemeinsam zu hören. Obwohl sie nur für eine Nummer zusammenarbeiteten, war allen Beteiligten – sogar Hooker selbst – sofort klar, dass sich hier zwei Seelenverwandte gefunden hatten. Die Idee für ein gemeinsames Album wurde also bereits bei dieser Session vor 15 Jahren geboren. 2004 kollaborierten die beiden immerhin schon für zwei Songs auf Musselwhites Großtat SANCTUARY, die von der Harper-Coverversion ›Homeless Child‹ eröffnet wird, doch für ein komplettes Album fanden die beiden Vielbeschäftigten erst jetzt Zeit. „Diese Platte gemeinsam mit Charlie aufzunehmen, war etwas ganz, ganz Besonderes für mich“, unterstreicht Harper typisch kalifornisch. „Einen Song mit jemand anders aufzunehmen ist das eine, aber ein komplettes Werk zusammen zu erschaffen, das macht man nur sehr selten und lediglich mit ganz außergewöhnlichen Menschen.“

Das Timing hätte nicht besser sein können. Schließlich hat Harper bereits mit seinen letzten beiden Alben, WHITE LIES FOR DARK TIMES (2009) und GIVE TILL IT’S GONE (2011), sein (wieder-)erwachtes Interesse an traditionelleren Blues-Formen unterstrichen und sich mit den Relentless7 Musiker gesucht, die im texanischen Blues-Mekka Austin ihre Wurzeln haben. Mit ihnen wurde GET UP! praktisch komplett live im Studio eingespielt. Wo andere Künstler hochmoderne Studiotechnik einsetzen und sich am Ende über den sterilen Klang ihrer Alben wundern, besannen sich Harper und Musselwhite altgedienter Studiotricks der 60er und 70er Jahre. So sang Harper bei den Aufnahmen beispielsweise häufig fernab des Mikros und ließ den Raumklang des Studios für zusätzliche Atmosphäre sorgen. „Die Idee, dass der Sänger praktisch am Mikrofon klebt, ist eine Erfindung der modernen Popmusik“, ist er sich sicher. „An den alten Blues-Platten habe ich dagegen schon immer geschätzt, dass die Sänger immer weit weg vom Mikro gesungen haben.“ Auch wenn er Details wie dieses von vornherein im Kopf hatte – einen Masterplan gab es für GET UP! nicht. „Wir waren noch nicht einmal sicher, dass aus unserer Zusammenarbeit eine Platte werden würde“, betont Harper. „Wir wussten lediglich, dass wir gemeinsam eine Menge Musik zu machen hatten. Es hat zwar 15 Jahre gedauert, bis wir endlich zusammen ins Studio gegangen sind, aber durch unsere geteilte Leidenschaft für den Blues und unsere über die Jahre gewachsene Freundschaft waren wir in der Lage, eine Blues-Platte aufzunehmen, auf die womöglich sogar einige der ganz alten Haudegen des Genres stolz sein würden.“

In der Tat ergänzen sich Harper und Musselwhite auf GET UP! ganz ausgezeichnet. So profitiert der inzwischen fast 70-jährige Altmeister davon, dass das exzellente, auch textlich angemessen düstere Storytelling des „Jungspunds“ weit über übliche 12-Takt-Klischees hinausreicht, und haucht im Gegenzug dem Sound von Harper und den Relentless7 ungemeine Authentizität ein. „Ich wusste, dass er dieses ganz besondere Feuer, das in ihm brennt, mit ins Studio bringen würde. Ebenso diese tiefe seelische Empfindsamkeit, wie man sie nur bei Charlie findet“, erklärt Harper. „Er ist ja einer der letzten Aufrechten der Chicagoer Blues-Szene und hat mit allen gespielt, von Muddy Waters bis Howlin’ Wolf. Ich wusste, dass er seine gesamte Geschichte mit einbringen würde.“
Dass die zwei im Studio überhaupt zum Musikmachen kamen, grenzt da fast an ein Wunder. Schließlich war Harper die meiste Zeit damit beschäftigt, Musselwhite über die gute alte Zeit auszufragen. „Ich liebe die Geschichten von früher!“, gesteht er. „Es ging sogar so weit, dass Charlie es am Ende fast leid war, mir Geschichten von damals zu erzählen.“ Besonders die Anekdote von Musselwhites erstem Auftritt mit Muddy Waters blieb Harper im Gedächtnis, zumal diese Show so viel Beachtung fand, dass sie dem Mundharmonika-As als Karrieresprungbrett diente. Wünscht sich Harper da nicht auch manchmal die Zeiten zurück, in denen man um vier Uhr morgens in einen schummerigen Kellerclub stolpern konnte, um Muddy und Charlie jammen zu hören – ohne Hintergedanken, ohne Kamerateam, das für die Bonus-DVD zum nächsten Album mitfilmt, ohne Aufnahme fürs nächste iTunes-Special? Harper schüttelt den Kopf. „Die alten Zeiten sind lange vorbei, aber das Tolle ist, dass es eine neue Ära gibt“, sagt er bestimmt. „Ich kann in L.A. in jeden x-beliebigen Schuppen reingehen und finde großartige Bands, die dort zu jeder erdenklichen Tages- oder Nachtzeit spielen – und das oft sogar kostenlos! Vielleicht erwischt man dabei mal den nächsten Muddy Waters – vielleicht auch nicht! Es gibt jedenfalls eine Menge toller Musik da draußen.“

Keine Frage, für Harper ist der oft totgesagte Blues auch anno 2013 quicklebendig: „Natürlich hatte der Blues seine Blütezeit in der Vergangenheit, aber die gute Nachricht ist: Egal, wie es heute um den Blues bestellt ist – Charlie und mir ist es gelungen, ihn mit unserer Platte ins rechte Licht zu rücken!“