Black Sabbath 07Sie verlieren zwar Ozzy, gewinnen aber Ronnie James Dio. Mit ihm veröffentlichen Black Sabbath im Jahr 1980 eines der herausragendsten Heavy Metal-Alben aller Zeiten: HEAVEN AND HELL.

Es passiert im Sommer 1979: Black Sabbath feuern ihren Frontmann Ozzy Osbourne. Der Sänger muss fortan eigene Wege gehen. Zunächst will er es nicht wahrhaben. Schließlich hatte er schon zwei Jahre zuvor eine heftige Auseinandersetzung mit seinen Kollegen, in deren Folge er Black Sabbath den Rücken kehrte. Damals ging er aus freien Stücken – nur um zwei Monate später reumütig zurückzukehren.

Das funkioniert nun nicht mehr. Er kann den Rauswurf nicht verhindern, die Entscheidung der verbliebenen Musiker steht fest: Sie wollen endgültig Fakten schaffen. Osbourne darf nicht wiederkommen – zumindest nicht bis zum Sommer 1997, als die wiedervereinte Band (minus Drummer Bill Ward) als Headliner beim Ozzfest antritt.

1979 jedoch kann der Geschasste noch nicht ahnen, dass er je wieder eine Bühne mit Tony Iommi, Geezer Butler und Bill Ward teilen wird. Er ist verletzt und deprimiert. Und er tut das, was man in dieser Situation von ihm erwarten würde. Ozzy schließt sich in einem Zimmer des „Le Parc“-Hotels in Los Angeles ein, dröhnt sich hemmungslos zu und wagt sich nur noch sporadisch ans Tages­licht. Monate ziehen so ins Land. Schließlich nimmt sich Sharon Arden seiner an – sie begleicht einen Teil seiner Schulden, übernimmt sein Management und überredet ihn dazu, eine Solokarriere zu starten. Ohne sie, seine spätere Frau, wäre Osbourne heute wahrscheinlich tot, zumindest aber in Vergessenheit geraten.

Während Ozzy seinen Schmerz betäubt und in Selbstmitleid versinkt, suchen seine früheren Kameraden nach einem neuen Frontmann. Im Grunde ist schnell klar, dass nur ein Kandidat in Frage kommt: der ehemalige Rainbow-Sänger Ronnie James Dio.

Mit ihm spielt die Band HEAVEN AND HELL ein, eine der wichtigsten Heavy Metal-Platten aller Zeiten. Sie scheint im April 1980, fünf Monate vor Ozzys Solo-Debüt BLIZZARD OF OZ.

HEAVEN AND HELL überrascht die Fans und Kritiker gleichermaßen. Niemand hätte der Band ein derart fulminantes Comeback zugetraut, die meisten rechnen mit einem unrühmlichen Niedergang. Doch Black Sabbath gelingt es, aus der Asche ihres Siebziger-Ruhms eine neue Band zu formen, die zwar nach wie vor denselben Namen trägt, im Inneren aber gänzlich anders funktioniert als zuvor. Black Sabbath mit Dio – das ist Wiedergeburt in ihrer reinsten Form.

Wie die Musiker selbst die damalige Zeit erlebt haben und welche bizarren Erlebnisse ihnen in ihren Anfangstagen als „neue Sabbath“ widerfahren sind, erklären Tony Iommi, Ronnie James Dio, Geezer Butler und Vinny Appice im CLASSIC ROCK-Gespräch.

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Geezer Butler: Mit Ozzy gab es schon seit Ewigkeiten Probleme. Uns war allen klar, dass er die Band verlassen musste, um wieder klar denken zu können und sein Leben auf die Reihe zu kriegen. Das hatte er 1977 bereits versucht, dann aber nicht durchgehalten. Doch so ging es nicht weiter – Black Sabbath starben einen langsamen Tod.

Tony Iommi: Wir haben es gerade mal so geschafft, NEVER SAY DIE fertig zu stellen. Aber was heißt fertig stellen… Im Grunde mussten wir die Songs buchstäblich zusammenkratzen. Sie klangen alle völlig orientierungslos und beliebig.

Geezer Butler: Ozzy hatte keinerlei Interesse an den Songs. Tony, Bill und ich mussten die gesamte Arbeit allein erledigen. Es blieb uns gar nichts anders übrig, denn die Plattenfirma hatte Geld investiert und saß uns im Nacken. Also machten wir weiter.

Tony Iommi: Die Label-Leute saßen mir ständig im Nacken, da ich der Einzige war, der überhaupt mit ihnen redete. Sie fragten mich immer und immer wieder, wie wir denn mit den Aufnahmen vorankommen würden. Ich vertröstete sie von einer Woche auf die nächste. Und natürlich konnte dort niemand verstehen, dass wir nicht mehr mit Ozzy zusammenarbeiten wollten. Sie sagten zu mir: „Warum macht ihr nicht einfach weiter wie bisher und sackt die Kohle ein?“ Dass das Ganze musikalisch überhaupt keinen Sinn mehr ergab, verstand kein Mensch.
Geezer Butler: Als wir uns endlich dazu durchgerungen hatten, Ozzy vor die Tür zu setzen, erzählte uns Tony, dass er mit diesem großartigen Sänger namens Ronnie James Dio gesprochen und ihn zu einem Jam eingeladen hätte. Ronnie kam vorbei, und wir stimmten ›Children Of The Sea‹ an, ein Blues-Cover, mit dem wir uns öfter warm spielten. Es war unglaublich! Da hatten wir sechs Monate lang untätig herumgesessen, und plötzlich tauchte dieser Kerl auf, der innerhalb von Sekunden alles veränderte.

Tony Iommi: Es war, als hätten wir unser Leben zurückbekommen.

Ronnie James Dio: Eigentlich bin ich kein Typ, der zu einem klassischen Vorsingen antritt. Aber das war eine andere Situation: Black Sabbath haben mich auf Herz und Nieren geprüft, doch ich stand nicht einfach nur tatenlos daneben, sondern habe getestet, ob ich wirklich in diese Band passen würde. Doch eigentlich war mir schon im ersten Moment intuitiv klar, dass die Chemie zwischen uns stimmt. Und das, obwohl ich ganz anders bin als Ozzy. Ich denke in anderen musikalischen Kategorien, und das hat auch dazu geführt, dass Black Sabbath nicht mehr klangen wie früher – das liegt natürlich am Gesang, aber eben nicht nur. Es war mir enorm wichtig, Ozzy nicht zu kopieren, sondern etwas Eigenes in die Band einzubringen. Doch da er sich in der Zeit vor meinem Einstieg ohnehin nicht mehr um Black Sabbath gekümmert hatte, war das kein Problem.

Tony Iommi: Als ich die Rainbow-Platten mit Ronnie gehört hatte, war mir sofort klar, dass er unser Mann sein würde.

Ronnie James Dio: Ich will ja nichts schlecht über Ritchie Blackmore reden, aber ich muss schon sagen, dass es oft alles andere als einfach war, mit ihm zu arbeiten. Wir haben zusammen einige wirklich wundervolle Songs komponiert, und Ritchie ist wirklich ein musikalisches Genie. Aber wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, ist er nur schwer wieder davon abzubringen. Ich war oft gezwungen, einfach über seine Riffs hinwegzusingen, weil er mir keinerlei Raum geben wollte. Bei Black Sabbath lief das ganz anders. Tony ist auch ein Genie an der Gitarre, aber er und Geezer waren viel entspannter und haben mir die Freiheit gegeben, die ich brauchte, um meine Ideen umzusetzen. Ein wunderbares Gefühl! Außerdem haben wir uns auch auf einer menschlichen Ebene sofort gut verstanden. Ich bin zwar kein Brite, stamme aber ebenfalls aus einer Arbeiterfamilie. Wir sprechen also dieselbe Sprache, und zwar in jeglicher Hinsicht. Und uns ging es allen nur um eines: die Musik.

Tony Iommi: Während der Aufnahmen zu HEAVEN AND HELL mussten wir vom Studio „Criteria“ in Miami in ein Haus in Bel Air umziehen. Dort haben wir zunächst die Garage in ein Studio umfunktioniert, doch es war da drin so verdammt heiß, dass wir es nicht lange ausgehalten haben und schließlich ins Haus umgezogen sind. Dort saßen wir dann im Wohnzimmer und haben gejammt – dabei ist der Song ›Heaven And Hell‹ entstanden. Und das ist nur einer von vielen Stücken, die wir einfach so nebenbei komponiert haben.

Ronnie James Dio: Schließlich waren wir fast fertig. Es gab eine Menge toller Tracks, ›Heaven And Hell‹, ›Children Of The Sea‹, ›Lonely Is The Word‹, ›Die Young‹ und so weiter. Doch wir hatten alle das Gefühl, dass noch ein Stück fehlte. Eines, das die Platte abrunden und komplettieren würde. Aber uns fehlte eine zündende Idee. Schließlich sind Geezer, Tony und ich nach Jersey gefahren, wo schließlich ›Neon Knights‹ entstanden ist. Bill konnte nicht bei uns kommen – er blieb in Großbritannien, da sein Vater verstorben war.

Wir haben den Track im Studio „Ferber“ in Paris aufgenommen. Es war surreal: Kaum jemand sprach Englisch, und unser Produzent Martin Birch musste sich mit Händen und Füßen verständigen. Zudem waren wir alles andere als gut vorbereitet… Also marschierten wir einfach ins Studio, kloppten den Song ein und verschwanden schnell wieder. Wir waren unendlich froh, dass wir die an-strengenden Wochen endlich hinter uns hatten und die Platte fertig war. Es gab nämlich eine Menge Widerstand von Seiten der Plattenfirma. Die Verantwortlichen dort glaubten damals offensichtlich nicht, dass Sabbath ohne Ozzy Osbourne funktionieren würden. Bill war in dieser Zeit unsere große Stütze. Er lieh uns Geld und freundete sich außerdem mit einem Mädchen an, das uns ab und an aushalf, wenn mal wieder gar nichts ging.

Black Sabbath Cover Heaven and HellTony Iommi: Bill hat sich damals in einen richtigen Geschäftsmann verwandelt. Das war auch notwendig, denn wir hatten uns mit unserem Management überworfen und waren völlig auf uns allein gestellt.

Ronnie James Dio: Der Erfolg des Albums ist daher allein auf die Qualität unserer Musik zurückzuführen, denn die Plattenfirma hat sich nicht gerade ins Zeug gelegt: Anfangs war Mundpropaganda die einzige Promotion für HEAVEN AND HELL. Doch dann, als es gut lief, wendete sich das Blatt, und wir bekamen alle erdenkliche Unterstützung. Da war die eigentliche Arbeit aber schon getan.

Während der anschließenden Tour kam dann der Schock: Bill verließ die Band. Wir waren gerade in Denver und aßen etwas. Am nächsten Tag sollten wir im Stadion gegenüber auftreten – der Vorverkauf lief super, genau wie in den anderen Städten auch. Plötzlich klingelte das Telefon, Bill war dran, und er wollte mit mir sprechen. Weshalb ausgerechnet mit mir, ist mir heute noch ein Rätsel. Jedenfalls sagte er: „Ich gehe. Ich muss nach Hause, denn ich ertrage das alles nicht mehr. Keine Shows mehr für mich.“ Ich antwortete: „Aber Bill, du kannst nicht heimfahren! Wir haben morgen einen Gig!“ Er sagte nur: „Ich bin schon auf dem Weg.“ Dann war er weg. Also waren wir gezwungen, uns schnell aus der Stadt zu verpissen, nach Los Angeles zurückzufahren und die Leute in Denver auf einen späteren Termin zu vertrösten. Wenige Tage später rief mich Tony an und berichtete begeistert, dass er ein tolles Album von einer Band namens Axis gehört hätte. Deren Drummer hieß Vinny Appice. . .

Vinny Appice: Ich habe die Jungs getroffen, und wir spielten einen Song zusammen. Es lief wohl ganz gut, denn alle machten sich auf den Weg zur nächsten Bar…

Tony Iommi: …während er noch trommelte!

Vinny Appice: Ich habe einfach weitergemacht. Zwei Stunden später waren schließlich alle wieder da!

Ronnie James Dio: Da war uns klar, dass Vinny der Richtige für uns ist. Ich habe mich wahnsinnig gefreut! Doch das ist mir nicht gut bekommen, denn ich habe ordentlich einen getankt und war schließlich so voll, dass ich zum Ausnüchtern in den Knast gesteckt wurde. Also musste ich eine Nacht im Gefängnis von San Fernando verbringen – zusammen mit einer Horde Mexikaner. Alle saßen zunächst ruhig auf ihren Pritschen, doch plötzlich stand ein riesiger Kerl auf, ging zu einem anderen Typen rüber und pampte ihn an: „Gib mir eine Zigarette!“

Der antwortete: „Ich rauche nicht.“ Bumm, schon hatte er die Faust im Gesicht! Dann drehte sich der Hüne um und kam zu mir. Ich bibberte innerlich, denn ich hatte ebenfalls keine Kippen. Doch der Mexikaner sah mich nur lange an und meinte: „Ich kenne dich.“ Ich dachte nur: „Bitte, bitte, hoffentlich weiß er wirklich, wer ich bin!“ Seine Miene hellte sich auf und er rief: „Du singst bei Black Sabbath!“ Puh.… Er hatte mich im Los Angeles Coliseum live gesehen und freute sich so sehr, mich zu treffen, dass er den Mexikaner neben mir anrauzte, er solle mir sofort eine Fluppe geben. Ich nahm sie und steckte sie ohne zu zögern an…

Tony Iommi: Nach Ronnies nächtlicher Knast-Episode musste alles ganz schnell gehen. Wir hatten nur drei oder vier Tage Zeit, um mit Vinny zu proben, dann stand schon unsere nächste Stadion-Show auf Hawaii an.
Geezer Butler: Die Fans drehten bei diesem Gig total durch. Sie zündeten die Stände an, und irgendjemand feuerte im Publikum eine Rakete ab, die hinter der Bühne landete. Außerdem hatte sich vor dem Eingang ein Heckenschütze in Position gebracht, der die Leute beschoss, als sie das Stadion verließen…

Vinny Appice: Um die erste Show zu überstehen, hatte ich mir ein Buch mit Notizen neben das Drumkit gelegt. Da stand drin, wann ich in welchem Song Gas geben musste, wie oft ich welchen Takt wiederholen sollte und so weiter. Während des Gig fing es jedoch an zu regnen, Wasser tropfte auf die Seiten, und ich konnte nichts mehr lesen. Plötzlich hatte ich keinen blassen Schimmer mehr, wo im Stück ich mich gerade befand. Nun ja, ich spielte einfach weiter, das ging schon. Allerdings wusste ich nicht, wann der Song zu Ende sein sollte, daher ist er ein bisschen zu lang geraten…

Tony Iommi: Das Konzert hat mir wirklich den letzten Nerv geraubt! Ein Desaster! Zum Glück lief es später besser. Die Tour war trotz allem ein großer Erfolg für uns, und auch das Album hat sich gut verkauft. Ich kenne inzwischen auch viele Leute, die Black Sabbath erst mit HEAVEN AND HELL für sich entdeckt haben, darunter übrigens auch etliche Musiker.

Ronnie James Dio: Dave Grohl zum Beispiel. Er ist ein toller Typ, sehr aufrichtig und bodenständig. Jedes Mal, wenn wir uns treffen, sagt er zu mir: „Oh, HEAVEN AND HELL ist so ein wundervolles Album!“ Wir sind alle sehr stolz auf die Platte. Sie enthält tolle Stücke, und wir haben sie auch live gut rübergebracht. Black ­Sabbath mit Ozzy gab es zwar nicht mehr, dafür jedoch Black ­Sabbath mit Dio. Das war etwas anderes, etwas Neues – und es hat funktioniert.