bob dylan writingSeit Jahren war darüber spekuliert worden, jetzt ist es so weit: Bob Dylan bekommt als erster Songschreiber den Nobelpreis für Literatur. Ist das nun gut oder schlecht – oder am Ende gar vollkommen egal?

Lange hat kein Literaturnobelpreisträger ein solches Echo ausgelöst wie Bob Dylan. Endlich mal einer, den man kennt, war zu hören. Und ja, die Leute diskutierten über die Wahl der Nobeljury, in der Arbeit, auf der Straße und vermutlich auch zuhause. Wann gab’s das zuletzt schon mal? Im Zug bemerkte eine Frau neben mir, sie habe bei Dylan ja eigentlich nie auf die Texte geachtet. Das mag bei einem Songwriter, der für seine Lyrics gefeiert wird, zunächst etwas kurios wirken – dabei ist es das gar nicht so sehr. Doch dazu später.

Ob Dylan nun die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt verdient, darüber jedenfalls herrschte Uneinigkeit. In den meisten Medien wurde die Entscheidung positiv aufgenommen, und auch viele Künstler waren begeistert. Salman Rushdie twitterte: „Dylan ist der geniale Erbe der Bardentradition. Großartige Wahl.“ Seit seiner Schul­­zeit sei er Fan. Wolf Biermann gestand seinem amerikanischen Kollegen zu, er sei der „Poet dieser Zeit“.

Etwas anders sah das zum Beispiel „Druckfrisch“-Moderator und Literaturkritiker Denis Scheck. Der nannte die Auszeichnung des Sängers ein „Späßken“ der Akademie und einen „Witz“. Gut, könnte man sagen, Scheck redet viel, wenn der Tag lang ist. Doch andere sahen es ähnlich. Der rumänische Autor Mircea Cărtărescu ge­­stand zwar zu, Dylan sei ein „großer Dichter“, doch tue es ihm leid um die „wahren Schriftsteller, Adonis, Ngugi, DeLillo, die den Preis beinahe in der Tasche hatten“. Autorin Sibylle Berg scherzte, ihre Chancen, den Nobelpreis in Physik zu bekommen, seien gerade dramatisch gestiegen. Ja was denn nun, möchte man sagen, verdient Dylan den Nobelpreis nun, oder verdient er ihn nicht?

Unstrittig dürfte seine Bedeutung für Ge­­sellschaft und Kultur des 20. Jahrhunderts sein: Der heute 75-Jährige ist der wichtigste Solokünstler der Rockmusik. Punkt. Als er Mitte der 60er seine Gitarre unter Strom setzte, änderte das alles – so wie Elvis’ erste TV-Auftritte gut zehn Jahre zuvor. Während Letztgenannter dem Rock’n’Roll Körperlichkeit, rohe Energie und Sex beigebracht hatte, lehrte Dylan ihn intellektuelle Durchschlagskraft. In­­dem er zur elektrischen Gitarre griff, verband er die Folktradition eines Woody Guthrie mit dem Mainstream-Appeal des Rock – und brachte das Ganze mit seiner ganz eigenen kreativen Energie des schillernd-hippen Pop-Bohemiens zum Fliegen. Die Entwicklung, die die Beatles und Stones bis Ende der 60er Jahre hinlegten: undenkbar ohne Dylan.

Ganz anders, als bis dahin in der Popmusik üblich, ließ er Ezra Pound und T. S. Eliot in seinen Stücken auftreten, baute Querverweise zu Verlaine und Rimbaud ein oder machte sich das Cut-up-Verfahren der Beat-Poeten zu eigen. High oder Low, Hoch- oder Popkultur – da machte er nie einen Unterschied. „Mona Lisa musta had the highway blues”, sang er denn auch.

„Poetische Neuschaffungen in der großen amerikanischen Songtradition“ habe er ge­­leistet, lobte das Nobelpreiskomitee jetzt. Dylan habe sich „immer wieder neu erfunden“. Man könnte auch sagen: Er hat sich nie vereinnahmen, nie festnageln lassen. „It is not he or she or them or it/That you belong to“, heißt es entsprechend im Song ›It’s Alright Ma‹. Über die Jahre war er Rebell, Rockstar, Countrysänger, enttäuschter Liebhaber, Verkünder der christlichen Botschaft und leicht wunderlicher Altrocker.

Um die Jahrtausendwende begann, was heute als Dylans Alterswerk gesehen wird. Darin hat er seine eklektische Kunst der Montage, der Verschmelzung fremder Texte im eigenen zur Vollendung gebracht. Scheinbar mühelos, schwer zu erkennen und ohne stilistische Brüche blendet er amerikanische Songtradition, Weltliteratur, biblische Motive, antike Dichtung und Popkultur ineinander. „Bei Dylan hat Ovid den Blues. Und der Blues hallt durch die Gewölbe der Antike, vernehmbar bis in die Gegenwart“, brachte das Literaturwissenschaftler Heinrich Detering in seinem Buch „Die Stimmen aus der Unterwelt“ auf eine markante Formel. Der Witz besteht darin, dass der Songschreiber Themen von Heute – auch ganz konkrete wie Finanzkrise und Globalisierung – verhandelt und dabei die Vergangenheit als tiefer liegende Ebene durchscheinen, die kulturelle Tradition vergangener Jahrhunderte mitschwingen lässt.

(Fortsetzung auf Seite 2)