Bon Jovi Bild 2010 @ Kevin Westenberg (1)Wer zwölf Abende in der Londoner O2-Arena spielt, seine zweiten GREATEST HITS veröffentlicht und seit 27 Jahren im Geschäft ist, muss sich fragen lassen, wann er als Casino-Band in der Wüste von Nevada endet. Worauf Jon Bon, wortgewaltiger Chef der Jersey-Rocker, nur eine Antwort hat: niemals!

New York City, September 2010. Die Stadt am Hudson wird von der alljährlichen Fashion Week heimgesucht. Was bedeutet: volle Flieger, überteuerte Hotels und ganze Heerscharen an Models, Stars und Sternchen. Mitten in dieses Szenario platzt dann auch noch Jon Bon Jovi mit einem internationalen Pressetag in der Penthouse-Suite des Soho Grand Hotels (Kostenpunkt: 5.050 US-Dollar), zu dem Journalisten aus aller Welt anreisen, um im 20-Minuten-Takt mit den weißesten Zähnen der Rockmusik zu sprechen. Natürlich auf der Dachterrasse, wo der Selfmade-Millionär und vierfache Familienvater mit Sonnenbrille, Cowboystiefeln und Lederweste residiert, wässerigen amerikanischen Kaffee schlürft und über das spricht, was eigentlich keiner Erklärung bedarf: die zweite GREATEST HITS-Kopplung der Bandgeschichte. Diese enthält 24 Hits der Jahre 1986 bis 2009 sowie vier neue Stücken, die auf Titel wie ›What You Do You Got?‹, ›This Is Love, This Is Life‹, ›The More Things Change‹ und ›No Apologies‹ hören – und dem typischen Bon Jovi-Song seit der Jahrtausendwende entsprechen: hymnischer Stadion-Rock mit hohem Airplay-Appeal, politisch ambitionierten Texten, aber auch nicht wirklich vielen Ecken und Kanten. Mainstream pur, wovon sich Jon – so Kollege Richie Sambora – „fast täglich einen aus der Nase oder einer anderen Körperöffnung zieht“.

Was der Chef, der Jon Bon nun einmal ist, natürlich ganz anders sieht: „In der letzten Dekade sind wir unglaublich kreativ gewesen. Und mit Ende 40 bzw. Anfang 50 haben wir natürlich einen ganz anderen Anspruch und Sound als früher – aber auch ein völlig anderes Publikum. Es sind nicht mehr die Metal-Kids in der Kutte, die zu unseren Konzerten kommen, um Bier zu trinken, Frauen abzuschleppen und die Sau rauszulassen. Wir machen Musik für die ganze Familie. Und dabei geht es auch nicht mehr darum, rebellisch, wild und wer-weiß-wie cool zu sein, sondern wir wollen etwas Zeitloses schaffen – etwas mit Massentauglichkeit, aber auch Klasse. Wie diese vier neuen Stücke, die ich für sehr, sehr stark halte – und die uns zudem nicht besonders schwer gefallen sind. Wir wissen mittlerweile einfach, was wir am besten können. Und wir versuchen auch nicht, unsere Fans auf die Probe zu stellen. Das haben wir nicht nötig. Wir haben unseren Weg gefunden, und dabei bleiben wir.“

Weshalb das Frühwerk um BON JOVI und 7800° FAHRENHEIT auch keine Berücksichtigung auf den aktuellen GREATEST HITS findet. Denn Stücke wie ›Runaway‹ – so der 48-Jährige grinsend – gehörten schließlich längst ins Altenheim, während ›Livin’ On A Prayer‹ nur deshalb am Start sei, weil es eben nicht ohne gehe. „Das ist die Nummer, die überall laufen wird, wenn wir bei einem Flugzeugabsturz umkommen – so etwas wie unsere Nationalhymne.“ Die Jon Bon und seine Getreuen auch auf der laufenden THE CIRCLE-Tour präsentieren, die mit 51 ausverkauften US-Gigs zu den erfolgreichsten des Jahres zählt – und zu den ambitioniertesten sowieso.

Denn die Band wandelt inzwischen ganz klar auf den Spuren von Springsteen und seiner E-Street-Band: dreistündige Shows mit nicht weniger als 72 Songs, die jeden Abend variieren, dazu Jam-Sessions mit Vorgruppen wie Kid Rock und auch schon mal ganze Studio-Epen in kompletter Länge. „Wir haben momentan wahnsinnig viel Spaß am Live-Spielen und bekommen zum ersten Mal in unserer Karriere durchweg positive Kritiken. Außerdem ist es heute nicht mehr ganz so schlimm, um die Welt zu reisen: Wir fliegen im Privatjet, übernachten in guten Hotels, ernähren uns gesünder und bekommen genug Schlaf. Insofern freue ich mich auf die Termine im nächsten Sommer, wenn wir nach Deutschland kommen und hoffentlich eine richtig gute Performance hinlegen werden.“

Und das, daran lässt er keine Zweifel, will er auch noch ein paar Jahre und ein paar Alben lang durchziehen. Einfach, weil er seine übrigen Aktivitäten inzwischen deutlich eingeschränkt hat. Etwa die Schauspielerei, die an „hundsmiserablen Skripten“ und „beschämenden Auditions“ scheitert, der Gang in die Politik, aus dem nichts wird aufgrund der resignierenden Erkenntnis, dass „sich in diesem Land eh nichts ändern lässt“. Ebenso wenig wie aus dem Nebenjob als Sportmäzen, wo er mit „The Philadelphia Soul“ zwar die Amateur-Meisterschaft in US-Football gewonnen hat, dabei „aber eine schöne Stange Geld und viele Nerven verloren hat“. All das, so sagt er, sei Schnee von gestern. Er möchte sich ganz auf sein mexikanisches Restaurant in den East-Hamptons („The Blue Parrot“) und eben die Musik konzentrieren. Weshalb ein langwieriges Engagement in Las Vegas, über das die britische Boulevard-Presse spekuliert, vorerst nicht in Frage kommt: „Das ist nur ein Gerücht. Denn ich sehe mich nicht in der Wüste, und ich habe unserem Management und unseren Label-Leuten immer gesagt: Der Tag, an dem das passiert, ist unser letzter, weil es da nur ums Geld geht. Ich hasse Vegas. Selbst wenn Richie davon schwärmt. Ich glaube, das liegt daran, dass Cher dort auftritt – auf die steht er immer noch“, lacht er.

Und weil er gerade so locker und entspannt ist, scheint die Gelegenheit günstig, ihn mit den Spätfolgen seines eigenen Rock’n’ Roll-Lifestyles zu konfrontieren: Ein Buch namens SEX, DRUGS AND BON JOVI, in dem Ex-Tourmanager Rich Bozzett die exzessiven Höhepunkte der 7800° FAHRENHEIT-Tour beschreibt – inklusive eines Fotos, das Jon Bon mit vier Groupies zeigt. „Das war gestellt“, wehrt der ab. „Und zwar für eine Playboy-Fotosession, die nie erschienen ist. Rich hat die Negative 25 Jahre aufgehoben, weil er dachte, er könne damit irgendwann seine Rente aufbessern. Was er nicht bedacht hat: Diese Bilder sind heute allenfalls amüsant, aber nicht skandalös. Selbst mein Sohn Jesse, der 15 ist, meinte nur: ,Das ist doch cool!‘ Und darauf ich: ,Ja, ich war mal in einer Rock’n’Roll-Band.‘“ Ein Anfall von Selbst­ironie, mit dem die Audienz denn auch beendet ist.