Brian Fallon im Interview: Schlafwandler

Brian Fallon Interview SleepwalkersMit The Gaslight Anthem wurde er zum Star, jetzt erscheint sein zweites Soloalbum: Brian Fallon hat sich endgültig freigeschwommen. Wir sprachen mit dem Songwriter über Ruhm, Wahrheit, Träume, seine Kinder und Bruce Springsteen.

Du stammst aus New Jersey, deine neue Platte SLEEPWALKERS wurde allerdings in New Orleans aufgenommen. Wieso gerade dort?
Ganz einfach: Weil wir noch nie dort waren. Und weil es eine coole Stadt ist, einer der Orte, die man unbedingt besuchen sollte, wenn man noch nie in den USA war: Du musst New York sehen, Chicago, Los Angeles, und eben auch New Orleans.

Eine Stadt mit großer musikalischer Tradition.
Ja, es gibt dort das ganze Jazz-Ding, echt coole Sachen, dazu viele französische Einflüsse, ich liebe das sehr.

Wenn du mit der Arbeit an einem Album an­­fängst, hast du da bereits ein übergeordnetes thematisches Konzept vor Augen oder kommt das eher spontan während des Schreibens?
Bei mir läuft’s so, dass ich einfach mal anfange und dann erst sehe, welche Gedanken ich gerade habe. Mir fällt es davor immer schwer zu wissen, was wirklich in mir vorgeht. Im Kopf von uns allen passieren die ganze Zeit Dinge, aber manchmal ist es nicht leicht, diese zu identifizieren. Du beginnst einfach zu schreiben, vertraust auf dich selbst, und auf einmal siehst du ein Thema vor dir und erkennst: Ja, darum geht’s, davon wird die Platte handeln. Manch­­mal findet man das nicht heraus, bis man zehn Lieder zusammen hat. Für diese Platte etwa habe ich ganze 38 Songs ge­­schrieben, was verrückt ist.

Was haben SLEEPWALKERS und der Vorgänger PAINKILLERS gemein, wo liegen die Unterschiede?
PAINKILLERS ist im einfachen, akustischen Songwriting verwurzelt. Ich bin mit Folkmusik aufgewachsen, und da wollte ich starten, um zu sehen, wohin es mich führt. Es war die erste Platte nach The Gaslight An­­them und ich hatte das Gefühl, dass ich mich mir selbst gegenüber neu vorstellen musste, genau wie meinem Publikum. Es ging darum, eine Basis zu schaffen, einen Startpunkt. Alles hatte in meiner Jugend mit Folk angefangen, erst von da fand ich zu Soul und Punkrock. Die neue LP hat mehr mit den beiden letzteren zu tun, die Stücke sind schneller, viele Rhythmen klingen nach dem R&B und Soul der 60er, auch nach frühen britischen Bands wie den Animals und selbst nach Gruppen aus den späten 70ern wie The Jam, The Clash oder Elvis Costello. Hier liegen also die Unterschiede. Geblieben ist mein Songwriting-Stil. Davon kommt man nicht weg, egal wer man ist, ob Musiker, Künstler oder Autor, du hast immer deinen eigenen Stil. Manche suchen ihr Leben lang danach und vergessen, dass sie ihn längst haben. In allem ist etwas von dir selbst, deshalb klingen all meine Alben nach Brian Fallon, egal ob mit The Gaslight An­­them, The Horrible Crows oder solo. Der Unterschied liegt darin, ob die akustische oder elektrische Gitarre im Mittelpunkt steht, in den Rhythmen, den Sounds. Vielleicht mache ich ja als nächstes den größten Club-DJ-Megamix und veröffentliche ihn nächstes Jahr. (lacht)

Zu PAINKILLERS hast du damals gesagt, dass sich die Leute nach dem Hören der Tracks besser fühlen, dass sie wie, nun ja, Schmerzmittel wirken sollten. Gibt es eine ähnliche Idee zur neuen Platte?
Nun, jeder lebt sein Leben, geht in die Ar­­beit, hat seine Freunde und gibt Teile von sich selbst Preis. Doch dann gibt es da auch dieses andere Leben, mit deinen Träumen, deinen Hoffnungen. Und das teilt man nicht mit jedem, sondern nur mit denen, die einem sehr nahe stehen, denen man vertraut, mit der Familie etwa. Jeder hat seinen Job, ich bin Musiker, aber es gibt dennoch andere Träume in meinem Leben, die haben etwa mit meinen Kids zu tun. Es ist fast so, als würde man schlafwandeln, denn man träumt ja, es ist die Welt zwischen dem, der man ist, und dem, was man öffentlich von sich zeigt. Und darum geht’s auf SLEEPWALKERS. Um das hinzukriegen, war ich sehr offen, was die Dinge betrifft, vor denen ich Angst habe oder die ich liebe. Vielleicht hilft das einigen Leuten, vielleicht fühlen sie sich ähnlich, das wäre großartig. Denn da­­rum dreht sich letztendlich alles bei Musik: zu erkennen, dass wir, allen Unterschieden zum Trotz, gar nicht wirklich verschieden sind. Wir sind alle Menschen.

„Es ist fast so, als würde man schlafwandeln, denn man träumt ja, es ist die Welt zwischen dem, der man ist, und dem, was man öffentlich von sich zeigt. Und darum geht’s auf SLEEPWALKERS.“

Inwiefern hast du dich seit dem Ende von The Gaslight Anthem verändert? Du hast eine Scheidung hinter dir, hast ein zweites Kind…
Kids verändern dich, meine sind fünf und fast zwei Jahre alt. Du erkennst, egal wie er­­folgreich du auch sein magst, was für ein großer Star auch immer, dass das nicht dein richtiges Leben ist. Das echte Leben sind deine Kinder. Es funktioniert etwa so: „Hey Dad, ich weiß, du kennst Bruce Springsteen und so, aber ich hab Hunger und meine Spaghetti liegen auf dem Boden!“ Das lehrt dich, eine echte Person zu sein. Du lernst, dich nicht auf deine eigenen Probleme zu fokussieren und stattdessen darüber nachzudenken, wie du ein besserer Mensch sein kannst, um deine Kinder wiederum zu guten Menschen zu machen. Wie sonst bringt man ihnen bei, dass es eine Menge Leute gibt, die sehr unterschiedlich sind, und dass das okay ist? Dass man nett zu den Leuten sein sollte, dass man die Dinge besser machen sollte als die vorangegangene Generation? Wie erzieht man sie dazu, stark und unabhängig zu sein? Das alles verändert dich sehr, es nimmt den Fokus weg von dir selbst, man denkt nicht mehr: Klingt dieses Album gut, klingt jenes Album gut? Man wird nachdenklicher, ich hoffe wirklich, ich bin als Mensch gewachsen.

Wie schaut’s mit The Gaslight Anthem eigentlich aus, ihr macht immer noch Pause auf unbestimmte Zeit, ist das der aktuelle Stand?
Ja, genau, wir wollen herausfinden, was wir tun werden. Aber die Band ist nicht aufgelöst. Wir waren einfach an einem Punkt an­­gekommen, an dem wir nicht mehr wussten, was wir dem Vorhandenen noch hinzufügen könnten. AMERICAN SLANG, THE ’59 SOUND, all diese Platten machen uns stolz. Und wenn wir mal wieder einige Shows spielen, wäre das schon okay für mich. Die Sache ist halt: Man sollte nichts veröffentlichen, was nicht so gut ist wie die vorangegangene Platte. Aber wir treffen uns immer noch und hängen zusammen ab.

War es für dich anfangs schwer, mit dem Ruhm als Rockstar klarzukommen?
Ja, denn ich war wohl noch nicht bereit, emotional nicht erwachsen genug dafür. Alles passierte zu schnell, ich habe vieles zu ernst genommen und wusste nicht, was ich mit all dem anfangen sollte. Wir waren eine so große Band, aber innerlich fühlte ich mich nicht anders als damals in unseren An­­fangstagen. Auf einmal ging’s nur noch um Geld, Geld, Geld. Nicht für uns, aber für die ganzen Leute im Business. Dabei wollten wir einfach Musik machen für Leute, die uns sehen wollen. Wir fühlten uns wie die Beat­les, auch wenn wir nicht die Beatles waren. (lacht)

Du hast gesagt, dass dein neues Album sehr persönlich ist. Stellst du dir beim Schreiben eigentlich manchmal die Fra­ge: Kann ich das mit den Leuten teilen, kann ich mich so weit öffnen?
Ja, sicher. Man will die Dinge ab einem ge­­wissen Punkt immer persönlich halten, zugleich muss man ehrlich zu seinem Publikum sein. Niemand möchte, dass ich die ganze Zeit Zeug erfinde. Meinen Hörern zu vertrauen, habe ich übrigens von Bruce ge­­lernt. Sie sind Menschen genau wie du, es gibt keinen fundamentalen Unterschied, egal woher sie kommen. Es ist okay, deine Ängste mit ihnen zu teilen, denn sie fühlen womöglich genauso. Am Ende hat es eine therapeutische Wirkung, die Wahrheit zu sagen.

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