Bruce Springsteen The RiverBereits in den 70ern hatte sich Bruce Springsteen mit Großtaten wie ›Born To Run‹ und ›Badlands‹ in die Rockgeschichte eingeschrieben. Doch es war das folgende Jahrzehnt, das ihn zum Superstar machte. Der Mann aus New Jersey veröffentlichte vier Alben voller Songs, in denen er die Seele Amerikas und die Abgründe der Liebe erkundete. Hier sind ein paar besonders gelungene Exemplare.

15. Valentine’s Day

Springsteens religiös aufgeladener, von Naturmystik beseelter Abschied von den 80ern. Zu hypnotischer, akustischer Gitarrenbegleitung fährt der Erzähler allein auf einem gespenstischen Highway durch die Nacht. Er denkt an einen Freund, der gerade Vater geworden ist, und an das Leuchten in dessen Stimme, als er zuletzt mit ihm gesprochen hat. Sein Herz droht zu zerspringen, wie er da so unterwegs ist, er ist getrieben von der Angst davor, einsam zu sein, „and it ain’t gonna stop till I’m alone again with you“. Der Verlust seiner Geliebten wäre der Tod für ihn. Am Ende steht die alles entscheidende romantische Bitte: „So hold me close, honey, say you’re forever mine/And tell me you’ll be my lonely valentine.“
Erschienen auf: TUNNEL OF LOVE (1987)

14. Bobby Jean

Ob nun als Abschiedsbotschaft an den damals scheidenden, heute längst zurückgekehrten E-Street-Band-Gitarristen Steven Van Zandt gemeint oder nicht: Auf jeden Fall ist ›Bobby Jean‹ eine wunderbar sentimentale, nostalgische Hymne auf die Freundschaft, mit Glockenspiel, Synthesizer-Fanfaren und Max Weinbergs wuchtigen Drums. „Now you hung with me when all the others/Turned away, turned up their noses/We liked the same music, we liked the same bands/We liked the same clothes.“ Gern hätte der Held noch ein letztes Mal mit dem verschwundenen Freund beziehungsweise der Freundin gesprochen, da ihm das nicht mehr vergönnt war, hat er eben einen Song geschrieben, „not to change your mind, but just to say I miss you baby/Good luck, goodbye, Bobby Jean“. Wenn Clarence Clemons am Ende zu seinem Saxofonsolo ansetzt, möchte man weinen.
Erschienen auf: BORN IN THE U.S.A. (1984)

13. Tunnel Of Love

Der musikalisch ambitionierteste Track der gleichnamigen LP – dank Synthesizern und Soundeffekten, darunter die realen Geräusche einer Achterbahn in Pt. Pleasant Beach, New Jersey. Der Sänger nutzt ein Jahrmarkts-Spiegelkabinett als Metapher für die Ehe. Ein Mann und eine Frau kaufen Tickets für eine Fahrt in den „Tunnel Of Love“. Auf einmal gehen die Lichter aus, und dann sind da nur noch „you, me and all that stuff we’re so scared of“. Die beiden lachen einander an, doch ihr Lachen wird durch einen Zerrspiegel reflektiert. „There’s a room of shadows that gets so dark brother/It’s easy for to people to lose each other/In this tunnel of love.” Es gehe darum, „was es bedeutet, eine andere Person wirklich in sein Leben zu lassen und zu versuchen, Teil des Lebens eines anderen zu sein“, so Springsteen.
Erschienen auf: TUNNEL OF LOVE (1987)

12. My Hometown

Ein ruhiges, nachdenkliches, autobiografisch gefärbtes Stück. Zu Beginn denkt der Erzähler daran zurück, als er acht Jahre alt war und auf dem Schoß des Vaters sitzend einen alten Buick durch die Straßen seiner Heimat lenkte. Stolz schwingt mit, als sein Vater ihm erklärt: „Son take a good look around/This is your hometown.“ Drei Strophen später ist es dann der Erzähler selbst, der seinen Sohn durch die Stadt kutschiert – unter veränderten Vorzeichen. Wie in Springsteens eigenem Herkunftsort Freehold hat es Rassenunruhen gegeben, Fabriken mussten dichtmachen, die Geschäfte an der ehemals belebten Hauptstraße stehen leer. Es herrscht Tristesse. Am Ende der Platte stehend, ist ›My Hometown‹ der letzte Pinselstrich im Bild eines verwundeten Amerika inmitten der Reagan-Ära, das Springsteen in BORN IN THE U.S.A. zeichnet.
Erschienen auf BORN IN THE U.S.A. (1984)

11. Nebraska

Springsteen nahm das gleichnamige Album auf einem Kassettenrekorder in seinem eigenen Schlafzimmer auf. Die gespenstische akustische Atmosphäre der Heimaufnahmen passt perfekt zu den lakonischen Songs. „Auf der Platte ging es um Leute, die von ihrer Arbeit isoliert sind, von ihren Freunden, ihrer Familie, ihren Vätern und Müttern, die zu nichts eine wirkliche Beziehung haben“, erklärte Springsteen einmal in einem Interview. Wenn man diesen Gemeinschaftssinn verliere, „katapultiert es dich irgendwohin, wo nichts mehr zählt“. Dieser Nihilismus drückt sich nirgends so sehr aus wie in ›Nebraska‹. Erzählt wird die wahre Geschichte von Charles Starkweather, der Ende der 50er zehn Menschen ermordete. Die Ausdruckslosigkeit in Springsteens Stimme, verbunden mit der ruhigen Gitarre und dem Glockenspiel, verstärkt das Grauen. Auf die Frage, warum er all das getan habe, antwortet Starkweather: „Well Sir, I guess there’s just a meanness in this world.“
Erschienen auf NEBRASKA (1982)

10. State Trooper


„New Jersey Turnpike ridin‘ on a wet night ’neath the refinery’s glow, out where the great black rivers flow.“ Zack, man hat ein Bild im Kopf. Ein Musterbeispiel für Springsteens Talent, aus wenigen Pinselstrichen ein Panorama entstehen zu lassen. Der Songtext ist hier denkbar reduziert, die Strophen wirken wie hingeworfene Fetzen. Klar ist: Es geht um Paranoia. Ein Mann, verloren, in einer regnerischen Nacht, inmitten industriellen Ödlands. Er fleht darum, nicht von der Polizei angehalten zu werden, denn er wisse um die Dinge, die er getan habe. Dazu spielt eine düstere, monotone Gitarre, die immer wieder anschwellt, als würde etwas Unheimliches auf einen zukommen, um kurz davor noch seitlich abzubiegen. Die Spannung steigert sich, bis zum Gebet in die dunkle Nacht hinein: „Hey somebody out there, listen to my last prayer/Hi ho silver-o deliver me from nowhere.“ Dann dieser eine markerschütternde, verstörte Schrei.
Erschienen auf: NEBRASKA (1982)

09. Walk Like A Man

Der zentrale Song des famosen Beziehungsalbums TUNNEL OF LOVE von 1987, das verglichen mit den Vorgängern im moderneren 80er-Klanggewand daherkommt und in dem es erstmals explizit um verheiratete Charaktere geht. Springsteen selbst hatte damals kurz zuvor das Model Julianne Phillips geehelicht. Zu schöner, unaufdringlicher Melodie singt er aus der Position des Sohnes an seinem Hochzeitstag. Der erinnert sich daran, wie er als Fünfjähriger versuchte, in den Fußspuren seines Vaters zu gehen, „to walk like a man“. Jetzt ist er selbst erwachsen, dabei, eine Familie zu gründen, und nicht sicher, ob er dem allem gewachsen ist. Er denkt über sein eigenes Leben nach und das seines Vaters, liebevoll und mitfühlend. Als Kind, so fällt ihm ein, schleppte ihn seine Mutter immer mit zu den Hochzeiten in der örtlichen Kirche. Und die große Frage lautet: „Well would they ever look so happy again?/The handsome groom and his bride/As they stepped into that long black limousine/For their mystery ride.“
Erschienen auf TUNNEL OF LOVE (1987)

08. Stolen Car

Eine meisterhafte kleine Erzählung, in der kein Wort zu viel gesagt wird. Ein Mann fährt nachts in einem gestohlenen Wagen durch die Gegend und wartet darauf, gefasst zu werden. Doch das wird nie passieren, denn er ist längst nur noch ein Schatten. Seine Ehe ist zerbrochen und die guten Zeiten blitzen lediglich als Erinnerung auf. „And I’m driving a stolen car/On a pitch-black night/And I’m telling myself I’m gonna be alright/But I ride by night and I travel in fear/That in this darkness I will disappear.“ Totale Finsternis, Americana noir. Roy Bittans verlorene Pianoklänge und Danny Federicis geisterhafte Orgel setzen den Ton. Auf der Songsammlung TRACKS findet sich eine ebenfalls brillante, weniger düstere Fassung, in der das Stück zu einer großen Ballade im Stil von ›The River‹ oder ›Independence Day‹ wird.
Erschienen auf: THE RIVER (1980)

07. My Father’s House

Der Vater-Sohn-Konflikt ist ein konstantes Motiv im Werk des Mannes aus New Jersey. Im religiös aufgeladenen Song von NEBRASKA bedient er sich ebenso der Folktradition eines Hank Williams wie biblischer Bildersprache. Der Protagonist kehrt im Traum in seine Kindheit zurück, dort rennt er durch einen finsteren Wald heimwärts, bis er zitternd in die Arme seines Vaters fällt. Als er erwacht, macht er sich auf zum Haus seiner Kindheit, um sich mit seinem alten Herrn auszusöhnen. Dort angekommen erwartet ihn eine unbekannte Frau, die ihm erklärt, der, nach dem er suche, lebe hier nicht mehr. Die akustische Atmosphäre ist gespenstisch, Springsteens Stimme bebt, ein wunderschönes Mundharmonikasolo, dann die letzte Strophe: „My father’s house shines hard and bright it stands like a beacon calling me in the night/Calling and calling so cold and alone/Shining cross this dark highway where our sins lie unatoned.“ Magisch.
Erschienen auf NEBRASKA (1982)

06. Born In The U.S.A.

„›Born In The U.S.A.‹ war mein erster Versuch, einen Song über den Vietnamkrieg zu schreiben“, erinnert sich Springsteen. Er sei so unsicher gewesen, dass er das Lied zunächst gar nicht habe veröffentlichen wollen. Letztlich tat er es doch – und die gleichnamige Platte machte ihn zum Weltstar. Wegen seines martialischen Sounds wurde der Track oft als patriotisch missverstanden. Schwer verständlich bei Zeilen wie: „Ten years burning down the road/Nowhere to run, ain’t got nowhere to go.“ Das Motiv des Veteranen, der nach seiner Heimkehr nicht mehr in sein altes Leben zurückfindet, teilt sich der Song mit Michael Ciminos Kriegsdrama „The Deer Hunter“. Auf der Outtakes-Sammlung TRACKS von 1998 gibt es eine gehetzte akustische Fassung des Stücks, die dessen Aussage, dass es ein Fluch ist, in den USA geboren zu sein, noch klarer rüberbringt. Dafür fehlt dort die Spannung zwischen triumphaler Rockmusik und düsteren Texten, die das Album BORN IN THE U.S.A. ausmacht.
Erschienen auf: BORN IN THE U.S.A. (1984)

05. Independence Day

In dieser feierlichen Ballade finden zwei von Springsteens zentralen Themen zusammen: der Ausbruch aus einem als erdrückend empfundenen Umfeld und der Vater-Sohn-Konflikt. Ein junger Mann erklärt seinem Vater, er werde am nächsten Morgen die Stadt verlassen, endgültig. Es hat oft Streit gegeben zwischen ihnen, jetzt sucht er keine Eskalation, sondern zeigt Verständnis für den Älteren: „Papa now I know the things you wanted that you could not say.“ Doch sein Entschluss ist unverrückbar, denn: „There was just no way this house could hold the two of us/I guess that we were just too much of the same kind.“ Sein „Independence Day“ ist gekommen, jede Generation muss sich von Neuem mit ihren eigenen Visionen in der Welt beweisen. Die raue Stimme und der Kontrast zwischen der fast kindlichen Orgel und Clarence Clemons‘ mondänem Saxofon sind genial.
Erschienen auf: THE RIVER (1980)

04. Highway Patrolman

Ein introspektiver, ruhiger Triumph des Songschreibers als Geschichtenerzähler. Das Stück überträgt das biblische Kain-und-Abel-Motiv auf die USA zur Zeit des Vietnamkriegs und handelt von familiären Verpflichtungen und den moralischen und gesellschaftlichen Konflikten, die daraus erwachsen. Erzählt wird aus der Perspektive des rechtschaffenen Polizeisergeanten Joe Roberts, dessen Bruder Frank, ein notorischer Unruhestifter, ihm ständig Ärger macht. Aus der Armee entlassen, verletzt Frank einen jungen Mann im Streit schwer und flieht. Joe nimmt die Verfolgung auf: „Well I chased him through them county roads till a sign said Canadian border 5 miles from here/I pulled over the side of the highway and watched his taillights disappear.“ Seine Begründung: Man fällt seiner Familie nicht in den Rücken.
Erschienen auf: NEBRASKA (1982)

03. Point Blank

„Auf THE RIVER standen fröhliche, lebensbejahende Songs neben eher dunkleren“, sagte Springsteen einmal über sein fünftes Album. ›Point Blank‹ gehört klar zu letzteren. Nach dem ebenfalls fantastischen ›Drive All Night‹ ist es das längste Stück der Platte, eine sechsminütige Meditation über verlorene Hoffnung und gebrochene Existenzen, getragen von Roy Bittans Piano. Der Protagonist erzählt die Geschichte seiner ehemaligen Geliebten, deren Träume an der Realität zerschellt sind: „You wake up and you’re dying/You don’t even know what from.“ Die Romantik von BORN TO RUN ist gebrochen, taugt nurmehr als Erinnerung: „I was gonna be your Romeo, you were gonna be my Juliet/These days you don’t wait on Romeos, you wait on that welfare check.” Springsteens Stimme changiert zwischen Verletzlichkeit, Wut und letztendlicher Resignation, wenn er singt: „Did you forget how to love/Girl, did you forget how to fight.“
Erschienen auf: THE RIVER (1980)

02. ATLANTIC CITY

Der eingängigste Track auf NEBRASKA. Zu Mundharmonika und Akustikgitarre singt Springsteen im Ton verzweifelter Hoffnung aus der Sicht eines jungen Mannes, der einen Job hatte, fleißig Geld beiseite legte und jetzt dennoch mit Schulden dasteht, „that no honest man can pay“. Das amerikanische Urversprechen: Arbeite hart und du wirst es zu etwas bringen, es ist eine Illusion. In seiner Not hebt er all sein Geld von der Bank ab und kauft zwei Bustickets, für sich und seine Freundin, in die Spielerstadt Atlantic City. Die ist zwar von Mafiagewalt und Korruption beherrscht – für den Erzähler ist sie ein letzter Versuch, nicht mehr auf der Seite der ewigen Verlierer zu stehen. Schließlich lässt er sich selbst mit dem organisierten Verbrechen ein, wenn er diesem einen Typen einen kleinen Gefallen tun will. Der Re­­frain bündelt die ganze Verzweiflung und die trügerische Hoffnung in den legendären Zeilen: „Everything dies baby that’s a fact/But maybe everything that dies someday comes back/Put your makeup on fix your hair up pretty and meet me tonight in Atlantic City.“
Erschienen auf: NEBRASKA (1982)

01. The River

Die klassische Springsteen-Ballade von verlorener Hoffnung und unerfüllten Träumen. Schon im Mundharmonika-Intro steckt die ganze Desillusion, von der das Stück handelt. In der ersten Strophe ist noch alles gut. Der Ich-Erzähler fährt mit seiner Highschool-Liebe Mary runter zum Fluss, in den sie sich übermütig hineinstürzen. Doch dann wird Mary schwanger, das schreibt sie ihm in einem Brief, und wie es dort, wo sie herkommen, Sitte ist, wird auf die Schnelle geheiratet: „No wedding day smiles, no walk down the aisle/No flowers, no wedding dress.“ Der Protagonist sucht sich einen Job, doch wegen der schlechten Wirtschaftslage ist kaum Arbeit da. Das einzige, was jetzt noch bleibt, sind Erinnerungen an bessere Zeiten, an die unschuldig-romantischen Verheißungen der Jugend. „Now those memories come back to haunt me/They haunt me like a curse/Is a dream a lie if it don’t come true/Or is it somethig worse.“ Noch immer fahren die beiden zum Fluss runter – dabei ist der schon lange ausgetrocknet. Springsteen singt mit einer Stimme, die einem das Herz bricht.
Erschienen auf: THE RIVER (1980)