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Spannungen, Egos, Heroin – wie das epische, unveröffentlichte Doppelalbum RAT PATROL FROM FORT BRAGG von The Clash sie fast zerstörte.

Text: Kris Needs

COMBAT ROCK (Kampfrock), das vierte Album von The Clash, war passend betitelt. Entstanden vor dem Hintergrund wachsen- der Spannungen, Strippenzieherei hinter den Kulissen und eskalierendes Drogen- missbrauchs, schenkte es der Band ihre größten Singles, trug aber auch zu ihrer Trennung bei. COMBAT ROCK war jedoch nur Teil eines größeren, ambitionierteren Mutterschiffs – dem Doppelalbum RAT PATROL FROM FORT BRAGG.

Anfang 1981 machten sich bei The Clash Auflösungserscheinungen bemerkbar. SANDINISTA! aus dem Jahr zuvor hatte die Fans polarisiert und nun hatten Sänger/Gitarrist Joe Strummer und Bassist Paul Simonon in dem Versuch, ihren alten Schwung wiederzufinden, beschlossen, den ursprünglichen Manager Bernie Rhodes zurückzuholen. Damit hatten sie Gitarrist Mick Jones überstimmt, der einen Großteil seiner Zeit mit seiner Freundin Ellen Foley in New York verbrachte. „Ich wollte die alte Firma wieder anwerfen, wie im Film ‚The Wild Bunch’“, sagte Strummer 1999. „Die alte Gang wieder versammeln und losreiten.“

Strummer wollte ein weiteres SANDINISTA! vermeiden und die neuen Stücke im alten Stil machen. Es fing gut an: Die Band nahm im April 1981 bei Marcus Music in der Westbourne Grove in London eine Handvoll Stücke auf, inklusive ›Sean Flynn‹, ›Car Jamming‹ und der Single ›This Is Radio Clash‹, bevor sie wieder auf Tour ging. Als sie sich im August und September 1981 jedoch wieder in den Ear Studios in West-London trafen, um an dem Album weiterzuarbeiten, das nun den Arbeitstitel RAT PATROL FROM FORT BRAGG trug – eine Referenz sowohl auf die Wüstenkommandoeinheit aus dem Zweiten Weltkrieg, die eine Fernsehserie der 60er inspirierte, als auch eine Armeebasis in North Carolina –, zogen dunkle Wolken auf. Sie nahmen die gutgelaunten Rocksongs ›Know Your Rights‹, ›Inoculated City‹ und ›Should I Stay Or Should I Go‹ auf, aber Jones bestand darauf, dass die Band in die Electric-Ladyland-Studios in New York umzog, wo sie mit neuer Studiotechnologie experimentieren konnte. „Mick war immer auf der Suche nach etwas Neuem“, erinnerte sich Strummer.

In New York blühte die Kreativität auf und der Stil wurde wilder. Gleichzeitig wurden existierende Spannungen jedoch schlimmer. Strummer und Jones fingen an, zu verschiedenen Zeiten zu arbeiten, um einander zu meiden, während Schlagzeuger Topper Headon mit einer schweren Heroinsucht zu kämpfen hatte. „Wir liefen uns nur gelegentlich im Studio über den Weg“, sagte Headon. „Mick und Joe stritten über alles. Ich war total high auf Heroin. Wir waren alle vier total im Arsch. Trotz alledem stellten sie RAT PATROL letztlich fertig, nur um dann festzustellen, dass ihre Probleme erst begonnen hatten.

Nach Jones‘ Auffassung war es ein „modern klingendes“ Doppelalbum mit 17 Tracks. Neben dem Material, das sie aus London mitgebracht hatten, waren das die Calypso-Disco-Nummer ›The Beautiful People Are Ugly Too‹, das Ska- Stück ›Cool Confusion‹ (beide inspiriert von Strummers Besuch im legendären New Yorker Studio 54), das funkige ›First Night Back In London‹ und das karibisch anmutende ›Kangaroo Court (Kill Time)‹. Dazu zeigte Headon auf dem siebenminütigen Instrumental ›Walk Evil Talk‹ zu spärlichen Keyboard-Akzenten seine Jazz-Fähigkeiten.

Die anderen waren jedoch strikt dagegen, vor allem Strummer, der Jones sagte, er könne diese Lieder nicht mischen. Ein Versuch, das Album auf Tour in Australien als Band gemeinsam abzumischen, führte nur zu noch mehr Spannungen. Bernie Rhodes holte den erfahrenen Produzenten Glyn Johns ins Boot, um das Werk auf ein fanfreundliches Einzelalbum zurückzustutzen.

Während Jones schmollte, dampften Strummer und Johns die Songs auf zwölf Stück ein. Mehrere der Tracks aus New York flogen raus (›Cool Confusion‹ und ›First Night Back In London‹ erschienen allerdings als B-Seiten), andere wurden grundlegend überarbeitet – der desolate Dub von ›Ghetto Defendant‹ (mit Gastauftritt von Allen Ginsberg) wurde einer Strophe beraubt, die Vietnam-Klagelieder ›Straight To Hell‹ und ›Sean Flynn‹ verloren Strophen und Codas (letzteres Stück war ursprünglich 15 Minuten lang).

„Micks Haltung war, dass ich seine Musik ruinierte“, sagte Strummer. „50 Prozent waren großartiger Rock, aber die anderen 50 Prozent waren das, was Phil Spector als ‚wiggy‘, also ausgeflippt bezeichnet hätte.“

Das gekürzte Album wurde von Strummer in COMBAT ROCK umbenannt und erschien im April 1982. In Großbritannien erreichte es Platz 2 und enthielt die Hits ›Rock The Casbah‹ und ›Should I Stay Or Should I Go‹. Die Originalver- sion existierte jahrelang nur als Gerücht, bis in den 90ern eine Kassette gefunden und ins Inter- net geleakt wurde.

Viele der RAT PATROL-Stücke finden sich auf dem jüngst erschienenen SOUND SYSTEM- Boxset und suggerieren, dass die Band den Rock’n’Roll in neue Gefilde führen und die Blau- pausen für die Musik des 21. Jahrhunderts erschaffen wollte. COMBAT ROCK wird für immer das erfolgreichste Album von The Clash sein – und RAT PATROL FROM FORT BRAGG sein lang verschollener großer Bruder.

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