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Crowbars neuntes Album SEVER THE WICKED HAND zeigt: Die Welt mag hart und ungerecht sein, doch Kapi­tulation kommt für die Doom-/Sludge-Vorreiter aus New Orleans partout nicht in Frage. Denn Chef Kirk Wind­stein braucht kein Ziel­was­ser mehr, um ins Schwar­ze zu treffen.

Exakt sechs Jahre nach LIFESBLOOD FOR THE DOWNTRODDEN gleicht SEVER THE WICKED HAND einer Rundreise durch seine acht Vorgänger: Aus tiefer gestimmten Gitarrenwänden, langsam brodelnden Rhythmen, pfeilschnellen Hardcore-Ausbrüchen, zwischen Leiden und Aufbruchstimmung pendelndem Wechselgesang und betörenden (Südstaaten-)Melodien errichten Crowbar tonnenschwere Groove-Doom-Fundamente. Wie in der Geschichte der 1989 entstandenen Formation üblich, reflektiert SEVER THE WICKED HAND Kirk Windsteins derzeitige Perspektiven: So rechnet der Komponist, Sänger, Gitarrist und Produzent in dem aggressiv eröffnenden ›Isolation (Desperation)‹ mit falschen Vertrauten und eigenen Fehlern ab, bestreitet in ›Cleanse Me, Heal Me‹ Brüllduette mit sich selbst („I’m all alone…“) oder zitiert in ›The Cemetery Angels‹ aus einem Buch der Anonymen Alkoholiker („You gave me wings and took the sky away…“). „Ich bin kein Verfechter solcher Programme“, betont der Mann, der seine Karriere 1987 als Gitarrist der Judas Priest-/Iron Maiden-Cover-Band Victorian Blitz begann. „Doch die Zeile drückt exakt aus, was Alkohol für mein Leben bedeutete: Er gab mir Flügel und raubte mir anschließend den Himmel. Mit Hilfe von Alkohol kann man sich gut fühlen, aber ebenso schnell verloren sein.“

Diese Erkenntnis führte im Sommer 2010 zu einem radikalen Lebenswandel: Kurz vor den SEVER THE WICKED HAND-Aufnahmen zog sich Windstein für einige Wochen in die Einsamkeit zurück und besiegte seine Dämonen. „Der Veränderungswille hatte mich schon lange Zeit beschäftigt“, erinnert sich der zum Interview-Zeitpunkt vier Monate trockene Musiker. „Dieser Weg führte letztlich zu der Entscheidung, Drogen und Alkohol aus meinem Alltag zu streichen, um eine neue Sicht auf die Dinge zu erlangen, die das Leben bereithält.“

Mit Erfolg: Der auch bei Down und Kingdom Of Sorrow aktive Kraftklotz bewies Kämpferwillen, kam von der Flasche los – und spielte das erste Album mit klarem Kopf ein. „SEVER THE WICKED HAND zu schreiben und aufzunehmen, war die beste aller denkbaren Therapieformen“, glaubt Windstein und gibt zu: „Ich hatte meine Gitarrenspuren schon immer nüchtern aufgenommen, mich während des Singens aber meist ziemlich volllaufen lassen. Gesangsaufnahmen markieren die emotionalste Phase einer Produktion. In dieser Hinsicht unterschied sich die Entstehung der neuen Scheibe deutlich von vorherigen. Und zwar im positiven Sinn: Es war eine sehr gute Erfahrung, die Songs nüchtern einzusingen.“

Im Vordergrund des Faszinosums Crowbar steht 2011 einmal mehr Windsteins eiserner Wille, den Schattenseiten des Lebens selbst aus tiefsten Seelenlöchern heraus provokant entgegenzulachen – angefangen bei dem zwischen Raserei und Schwere schwingenden SEVER THE WICKED HAND-Titelstück („Never let it drag you down, stay strong to the bitter end…“) bis hin zum Walzfinale ›Symbiosis‹ („I’ve never lost my will… I stand behind myself”). „Meine Beziehung zu Gott hat mir stets Hoffnung gegeben“, verrät der 45-Jährige sein persönliches Durchhalterezept. „Ich glaube aber nicht an Religion oder Prediger, sondern pflege eine eigene Beziehungsform zu meiner höheren Kraft. Sie hat mich in ihrer Rolle als Stärkespenderin noch nie im Stich gelassen.“