Das letzte Wort: Chris Rea

Chris Rea Pressefoto 2011Chris Rea, 66, hat im Lauf seiner Karriere nicht nur erfolgreich sämtlichen Modeerscheinungen im Musikgeschäft getrotzt, er musste auch immer wieder gegen lebensbedrohliche Krankheiten ankämpfen. In dem Moment, wo ihm seine eigene Sterblichkeit gewahr wurde, begann er, das einfache Leben zu schätzen und Tomaten anzubauen. Sein aktuelles Album ROAD SONGS FOR LO­­VERS nahm er nach einem Schlag­anfall auf. Es enthält bluesinfizierte Rocksongs mit starken Gesangsdarbietungen.

Chris, in deinem Album erzählst du Liebesgeschichten, die sich in Autos abspielen. Wie kamst du auf diese Idee?
Der Hauptgrund dafür ist, dass ich die ganze Zeit schreibe. Und dass ein Mensch wie ich viel Zeit in Staus verbringt. Das ist eine noch recht junge Entwicklung und diese Unfreiheit macht es mir manchmal schwer, meiner Leidenschaft für Autos weiter nachzugehen. Wir sind eigentlich fast mehr im Auto als zuhause. Man muss nur nach rechts und links schauen: überall sind Geschichten. Faszinierend!

Fühlst du dich als Menschenbeobachter?
Das tue ich, ja. Ich beobachte Menschen, die im Stau in ihren Fahrzeugen herumsitzen und lasse dabei meiner Fantasie freien Lauf. Ich stelle mir vor, es seien Liebende mit einem Geheimnis. Ich weiß zwar nicht, warum, aber ich beobachte dauernd andere Leute. Vielleicht sollte ich mal zum Psychiater gehen.

Was ist der Grund deiner scheinbar ungebrochenen Kreativität?
Kreativität ist für mich ein Zustand und kein Talent. Ich glaube, Autismus und Kreativität liegen nah beieinander. Mir ging es in letzter Zeit oft nicht gut und ich musste ins Krankenhaus. Man liegt da in einem kleinen Raum voller Schläuche und am liebsten würde man ganz wo­­anders sein. Ich kann dann aber nicht aufhören, kreativ zu sein, selbst wenn ich es wollte.

Was ist für dich ein gelungenes Liebeslied?
Ich finde, John Lennons ›In My Life‹ ist das beste Liebeslied aller Zeiten. Es ist ein Klassiker: einfach und extrem gefühlvoll, aber überhaupt nicht kitschig. Gerade deshalb berührt es Menschen.

In Stücken wie ›The Road Ahead‹, ›Happy On The Road‹, ›Last Train‹ und ›Road Songs For Lovers‹ besingst du deine große Leidenschaft, das Reisen. Warum wirst du des Tourens niemals müde?
Für mich ist Reisen nichts Schlechtes. Ich bin kein Rockstar, ich war auch niemals einer. Die Leute fangen langsam an, das zu akzeptieren. Mir geht es nur um die Musik. Selbst mit meinen gesundheitlichen Problemen fällt es mir leicht, zu touren. Für Rockstars ist es viel an­­strengender, weil sie im Showbusiness ständig unter Druck stehen. Das Haar muss perfekt sitzen und so weiter. Diese Paranoia kenne ich nicht. Deshalb bin ich auch so gerne unterwegs. Und ganz nebenbei sehe ich auch noch viele interessante Orte.

Studierst du die Gewohnheiten der Menschen, die dir unterwegs be­­gegnen?
Ich versuche das manchmal, aber unterwegs hat man eigentlich nicht viel Zeit, sich die Städte genauer an­­zuschauen, in denen man spielt.

Machst du zwischen Tourneen und Plattenaufnahmen eigentlich Urlaub?
Ja, und zwar mit meiner Familie. Wenn ich mit meiner Frau Joan und meinen Töchtern Josephine und Ju­­lia unterwegs bin, bin ich 25 Prozent einer Einheit und nicht 100 Prozent Chris Rea.

Voriges Jahr hattest du einen Schlaganfall. Wie schlimm hat es dich erwischt?
Seit meinem Schlaganfall muss ich regelmäßig Gleichgewichtsübungen machen. Es fällt mir ziemlich schwer, meinen alten Zustand wieder herzustellen. Auf der Bühne muss ich jetzt aufpassen, nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Das hört sich vielleicht lustig an, aber für einen Betroffenen ist dieser Zustand alles anders als spaßig. Ich kann den Schlaganfall aber nicht rückgängig machen. Ich musste mit sowas rechnen, nachdem mir vor 16 Jahren die Bauchspeicheldrüse entfernt worden war. Diese Operation hatte viele Nebeneffekte. Ich versuche, nicht so viel daran zu denken, ich kann es ja ohnehin nicht ändern. Und die Ärzte sagen mir, ich hätte noch Glück gehabt (lacht). Mick Ralphs von Bad Company sitzt seit seinem Schlaganfall im Rollstuhl. Für mich ist das Glas aber noch halb voll.

Hilft dir die Musik, mit deinem Schicksal fertig zu werden?
Die Musik hilft mir auf jeden Fall. Wenn ich spiele, verschwinde ich im Gitarrenhals. Komplett. Ich habe Probleme mit zwei Fingern und kann nicht mehr so gut greifen wie früher. Zum Glück spiele ich Slide-Gitarre, das macht vieles leichter. Ich darf aber nicht mit den Übungen aufhören, ich will, dass meine Finger irgendwann wieder funktionieren. Das ist nicht leicht und es betrübt mich, aber ich mache trotzdem weiter Musik.

Ist Reisen gut für deine Gesundheit?
Ja, weil ich auf einem hohen Level reise. Mein Glück ist, das alles durchgeplant ist und ich unterwegs viel schlafen kann. Zuhause schlafe ich jedenfalls weniger. Meine Tochter kommt oft zu mir und dann werde ich immer von ihrem Hund geweckt.

Hast du deine Gewohnheiten geändert?
Ich habe mit dem Rauchen aufgehört. Ich vermisse es sehr. Dafür habe ich das Gefühl, dass meine Stimme immer besser klingt.

Interview: Olaf Neumann

2 KOMMENTARE

  1. Moinmoin, Chris!
    In deinen Liedern findet man deine Seele und die Liebe zu deiner Frau und deinen Töchtern Josephine und Julia.
    Darüber hinaus bremst du in deinen Songs die Hektik unserer Zeit ein wenig aus, lässt uns innehalten und ein wenig nachdenklich werden.
    Ich wünsche dir die Kraft, noch lange im Kreise deiner Familie zu leben, zu reisen und, wenn möglich, hin und wieder eine neue Erkenntnis in einen Song zu packen und uns, deinen Fans seit vielen Jahren, mitzuteilen.
    Du warst und bist für mich einer der genialsten Gitarristen der Welt und ich hoffe für dich, dass du die volle Beweglichkeit deiner Finger wiedererlangst.
    Gibt nie auf!
    Herzlichst – Heinz W.O. Schmidt

  2. Ich schließe mich den Worten des Kommentars an und wünsche dir alles erdenklich Gute.
    Dein Konzert letztes Jahr in der Jahrhunderthalle war enorm gut und deine Stimme sehr stark.
    Kämpfe weiter, damit du für deine Lieben und deine Fans und in erster Linie für dich noch lange da bist.

    god bless you

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