Ian Anderson.(Jethro Tull)Der 63-jährige Frontmann von Jethro Tull spricht mit CLASSIC ROCK über den Tod, Geschlechtsumwandlungen und die Vorzüge eines nüchternen Lebens.

Ian, du hattest nie Musikunterricht, sondern hast dir alles selbst beigebracht. Warum wolltest du nie ein klassisches Rock-Instrument spielen, sondern hast dich stattdessen für die Flöte entschieden?
Nun, anfangs habe ich mich tatsächlich als Gitarrist versucht, aber als ich das erste Mal Eric Clapton spielen hörte, gab ich sofort auf. So wie andere Leute Tennis aufgeben, wenn sie im Fernsehen ein Match mit Roger Federer sehen… Die Flöte hingegen hat mich fasziniert, insbesondere wegen der Möglichkeiten, Melodien neu zu interpretieren.

Was kannst du eigentlich noch alles auf einem Bein – außer Flöte zu spielen?
Ich bin ganz gut darin, auf eine spezielle Art und Weise zu schweben… Nein, im Ernst. Wenn man auf einem Fuß steht und dabei ein Instrument spielt, konzentriert man sich stark darauf, die Balance nicht zu verlieren – und zwar so­wohl in körperlicher als auch in geistiger Hinsicht. Aber natürlich ist das Ganze auch zu meinem Markenzeichen geworden, ein besonderer Moment für das Publikum.

Glaubst du eigentlich an Gott?
Ich bin kein praktizierender Christ, nein. Jesus zu verehren ist nichts für mich. Das Christentum an sich ist jedoch, genau wie die meisten Weltreligionen, ein wunderbarer moralischer Leitfaden für das reibungslose Zusammenleben der Menschen. Aber natürlich stehen auch jede Menge fiese Botschaften in der Bibel. Dieser Moses ist vielleicht ein krasser Typ, vor dem man sich in Acht nehmen sollte…

Wie hast du reagiert, als sich dein ehemaliger Keyboarder David Palmer zu einer Geschlechtsumwandlung entschlossen hat?
Ehrlich gesagt war ich ziemlich sauer. Aber nicht wegen der Geschlechtsumwandlung, sondern deswegen, weil er es mir frühzeitig hätte erzählen sollen. Ich habe es von ner-vigen Journalisten erfahren, die vor meiner Haustür darauf gewartet haben, dass ich etwas Weltbewegendes von mir gebe.

Du hast des Öfteren mit etwas seltsamen Zeitgenossen zu tun. So auch mit Ritchie Blackmore, auf dessen SHADOW OF THE MOON-Album du mitwirken durftest. Sag mal, ganz ehrlich: Hat er eigentlich noch alle Tassen im Schrank?
Ich kenne ihn nicht besonders gut, aber eines weiß ich mit Sicherheit: Er ist in natura kein so schrulliger Kerl, wie man es vielleicht erwarten würde. Er hat einmal gesagt, dass er 1974 erstmals auf Jethro Tull gestoßen ist und ihm unsere Songs viel gegeben hätten. Ritchie interessiert sich seit langer Zeit für mittelalterliche Musik – und er hat auch eine Vorliebe für Kleidung aus dieser Ära. Er nennt sie „Gewand“. Ritchie ist jedoch niemand, der sich auf eine platte, offensichtliche Art und Weise über etwas lustig macht. Sein Humor ist anders, allerdings kann er sogar richtig fies sein, wenn er will. Aber um die Frage abschließend zu beantworten: Nein, er ist nicht verrückt.

Gut, dann kommen wir zu einer anderen indiskreten Frage: Warum hast du eigentlich niemals Drogen genommen?
Die Stimmungsschwankungen von Menschen, die unter Alkohol- oder Drogeneinfluss stehen, kann ich nicht leiden. Es fällt mir schwer, eine Beziehung zu jemandem aufzubauen, der nicht ganz klar im Kopf ist.

Gab es in deiner bisherigen Karriere einen Moment, den du im Nachhinein als absoluten Tiefpunkt bezeichnen würdest?
Ja, im Jahr 1972, direkt nach dem Ende unserer THICK AS A BRICK-US-Tour, war ist fest entschlossen, Jethro Tull zu verlassen und das Live-Spielen komplett aufzugeben. Ich kam mir nämlich ziemlich verarscht vor. Die Leute kauften zwar unsere Platten und kamen auch zu den Shows, doch dann benahmen sie sich so, als hätten sie gar kein Interesse daran, der Musik zu lauschen. Sie husteten, flüsterten, kreischten, johlten und so weiter. Wir konnten unsere eigene Musik kaum mehr hören! Es war extrem frustierend für mich, vor einem Publikum zu stehen, das nur darauf aus war, sich von einer Monster-P.A. zudröhnen zu lassen und bei ein paar netten Refrains mitzusingen…

Gibt es etwas, das du bereust?
Ich hätte mich mehr für andere Dinge abseits der Musik interessieren sollen. Es gibt einige Sachen, die ich gerne noch erleben möchte, aber rein körperlich nicht durchhalten würde. Dafür bin ich inzwischen einfach zu alt. Neben den verpassten physischen Herausforderungen ärgere ich mich auch darüber, dass ich einige intellektuelle Aufgaben unerledigt gelassen habe. Ich hätte mich mehr reinhängen sollen. Aber so ist das nun mal. Als Musiker führt man eben kein einfaches, geordnetes Leben, sondern wirbelt einfach so herum.

Was ist deiner Meinung nach der Sinn des Lebens?
Um diese Frage beantworten zu können, müsste ich erst wissen, was der Sinn des Todes ist. Ich bin mir nicht sicher, ob ich wirklich daran glauben soll, dass wir nach unserem irdischen Ende irgendwie weiterexistieren. Das Leben ist meiner Ansicht nach eine Chance, aber auch ein Test. Aber im Grunde bereiten wir uns die ganze Zeit nur auf den Tod vor, dieses große Mysterium, das uns alle erwartet. Für Menschen wie mich, die sich nicht damit abfinden wollen, eines Tages nur noch im Sessel zu sitzen und auf die hundertste Wiederholung derselben TV-Serie zu warten, ist das eine ziemlich gruselige Vorstellung.

Paul Elliott

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