Joey Tempest

In diesem Sommer feierten Europe auf dem Sweden Rock-Festival 30 Jahre Bandgeschichte. Anlass genug für CLASSIC ROCK, mit Sänger Joey Tempest auf weit mehr als nur ›The Final Countdown‹ zurück zu blicken. So erzählt der Frontmann über Dankbarkeit, Heimat und die große zweite Chance im Leben.

30 Jahre, Joey, das ist schon eine ganz schön lange Zeit oder?
Ha ja! Wenn du uns mit 16 oder 17 gefragt hättest, ob wir das 30 Jahre lang machen würden, hätten wir sicher geantwortet: „Auf keinen Fall! Wir machen Rock‘n‘Roll und leben das Leben auf der Überholspur. So alt wollen wir gar nicht werden!“ (lacht) Aber es ist wundervoll, mit meinen Kindheitsfreunden noch immer Musik machen zu dürfen. Es ist wirklich sehr befriedigend, nach so langer Zeit erneut so großes Ansehen in der Rock-Community zu genießen. Jetzt touren wir wieder durch die ganze Welt. Ich muss schon sagen, es ist großartig, eine zweite Chance zu bekommen!

Wenn du dir bewusst machst, wie lange das nun schon geht, fühlst du dich dann manchmal alt?
Nein, nicht wirklich. Wir sind Glückspilze. Es ist wahnsinnig schön einen solchen Job zu haben. Jeden Abend kann ich auf die Bühne gehen und wieder 18 Jahre jung sein. Natürlich liegt die Zeit weit zurück, als wir uns in Stockholm kennen gelernt haben. Aber die Jahre sind so schnell vorübergezogen.

Was bedeutete es dir, als Headliner auf Schwedens größtem Festival auftreten zu dürfen?
Es war eine Ehre, gefragt worden zu sein. Das war unser großes Heimkehr-Konzert. Sie wollten uns neben Kiss und Rush als dritte Hauptband! Es wurde schließlich eine fantastische Nacht. Vor dem Auftritt herrschte große Anspannung. Ich meine, denk mal darüber nach: Unsere Heimat, 14 laufende Kameras, 100 Pressepässe wurden vergeben, 30.000 Fans, all unsere Freunde und befreundeten Musiker im Publikum und dazu noch unsere Helden Scott Gorham und Michael Schenker, die bei uns in der Garderobe abhängen! Das ganze baute schon einen enormen, aber eben doch positiven Druck auf.

In den letzten drei Jahrzehnten warst du nie wirklich sesshaft. Für dich ist aber Schweden ganz klar deine Heimat,oder?
Ich habe zwei „Heimaten“. Tatsächlich habe ich mehr Zeit im Ausland als in Schweden verbracht. Heute lebe ich in London, was für mich neben Stockholm auch zu meinem Zuhause geworden ist. Aber mir gefällt ohnehin die Vorstellung vom Weltbürger am besten.

Gab es während eurer Jubiläums-Show einen speziellen Moment, in dem dir klar wurde, was ihr eigentlich alles erreicht habt?
Da gab es einige große Augenblicke. Zum Beispiel als wir die älteren Songs wie ›In The Future To Come‹ spielten. Ich blicke mich um und dann sind da meine alten Freunde. Wir sind immer noch zusammen und spielen tatsächlich einen Song, den wir vor 30 Jahren geschrieben haben. Das war sehr emotional.

Seit 1985 beteiligt ihr euch immer wieder an Wohltätigkeitsveranstaltungen. Ist das eure Art, eure Dankbarkeit für euer privilegiertes Leben zu zeigen?
Oh, ja. Wenn uns die Projekte gefallen, steuern wir gerne unseren Teil bei. Gerade führen wir eine Auktion durch. Man kann zehn Gitarren ersteigern, die von Air-Brush-Künstlern mit all unseren Cover-Artworks verziert wurden. Den Erlös werden wir den Opfern auf den Philippinen spenden. So etwas macht ja auch Spaß. Im Dezember beispielsweise fliegen John Norum und ich nach Las Vegas, um bei einem Benefiz-Konzert mit Kiss und Alice Cooper zu spielen. Und ja, natürlich haben wir die Verpflichtung etwas zurückzugeben. Auch im Kleinen ist das so. Jeden Abend müssen wir den Fans alles bieten, was wir haben. Sie sind es, die sich für unsere Show einen Babysitter organisieren, mit dem Zug oder dem Auto anreisen und Tickets kaufen müssen. Ich weiß noch sehr gut, wie viel Energie ich aufgebracht habe, um meine Lieblingsband zu sehen. Als wir 16 waren, fuhren ich und unser erster Drummer bei Europe 24 Stunden lang mit dem Schiff von Stockholm nach London, um Thin Lizzy live in Hammersmith zu sehen. Danach kamen wir zurück und meinten zu den Anderen: „Leute, wir müssen erfolgreich werden, damit wir auch durch Europa und Amerika touren können!“

Das habt ihr dann auch geschafft. Doch dann, Anfang der 90er, war alles vorbei. Hat es dich damals verletzt, dass die Leute deiner Musik plötzlich keine Aufmerksamkeit mehr schenken wollten?
Ach nein. Damals veränderte sich die Welt grundlegend. Ich ging zu unserer Plattenfirma und da lagen haufenweise Pearl-Jam-Alben auf dem Schreibtisch. Auf einmal wurden die größten Parties nur noch für Seattle-Bands geschmissen. Wir hatten schon zehn Jahre hinter uns. Wir hatten fünf Alben aufgenommen und sehr hart gearbeitet. Um ehrlich zu sein, war die Pause sogar ganz angenehm. Gut, die Unterbrechung geriet etwas zu lange. Wir hätten wohl ein wenig früher wieder beginnen können, doch wir wussten immer, dass wir zurück kommen würden. Mein Manager sagte immer: „Haltet einfach die Füße still! Jeder bekommt einen zweiten Anlauf!“ Und er hatte Recht! Genau da sind wir jetzt!

Paul Schmitz