Rick AllenDer 46-jährige Schlagzeuger von Def Leppard spricht mit CLASSIC ROCK über seinen 1984er Unfall und dessen Folgen für sein weiteres (Rocker-)Leben.

Text: Paul Elliott

Der 24. Juni 2009 war ein besonderer Tag für Rick Allen. An diesem Tag spielte der Drummer von Def Leppard als Headliner beim Download-Festival im britischen Donington. Der Ort Donington ist für Allens Karriere von immenser Bedeutung: Nach seinem Autounfall an Weihnachten 1984, durch den er seinen linken Arm verloren hatte, konnte er anderthalb Jahre später hier seinen ersten großen Auftritt nach dem Crash absolvieren. Daher blickt der heute 46-Jährige naturgemäß gerne auf seine Donington-Shows zurück, ist sich aber auch nicht zu schade, freimütig über seine Verletzung, deren Folgen für sein Leben und seine neue Rolle als Vorbild für Behinderte zu sprechen.

Rick, welche Erinnerungen hast du an Donington?
Ich denke bis zum heutigen Tag an meinen ersten Auftritt dort zurück, immer und immer wie-der. Es war eine fantastische Show, aber ich weiß noch, dass ich sehr nervös gewesen bin, bevor ich auf die Bühne musste. Und dann hörte ich, dass irgendein anderer Musiker den Leuten etwas darüber erzählt hatte, dass gleich eine „Freakshow“ ablaufen würde…

Das war Ozzy Osbourne, nicht wahr?
Ja. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich komplett in meiner eigenen Welt gelebt. Nun kehrte ich langsam zur Erde zurück und dachte: „Mensch, vielleicht bin ich wirklich ein Freak…“. Doch dann verzogen sich all diese Gedankenwolken, und ich sagte mir: „Hey, du musst jetzt einfach da rausmarschieren und rocken!“ Und genau das habe ich schließlich getan: Ich bin auf die Bühne gegangen und habe mein Bestes gegeben – und es war großartig!

Hast du je Frieden mit Ozzy geschlossen?
Er hat mich später angerufen und gesagt: „Rick, du weißt, was Fairplay bedeutet – ich nicht. Tut mir leid.“ Das ist okay, denn ganz ehrlich: Jeder von uns sagt mal Dinge, die er anschließend bereut.

Dein Unfall ist jetzt über 25 Jahre her. Weißt du noch genau, was sich in jener Nacht zugetragen hat?
Ich würde es so beschreiben: Mein Körper hat sich selbst in eine Art „Überlebensmodus“ versetzt, so dass ich nichts mehr normal wahrgenommen habe. Es ist so, als wäre ein sehr, sehr alter Teil des menschlichen Gehirns plötzlich reaktiviert worden und hätte die Kontrolle übernommen. Ich befand mich an einem Ort ohne Schmerzen, ohne jegliche negativen Empfindungen – einige Menschen bezeichnen diesen Zustand auch als Nahtod-Erfahrung. Jedenfalls ist es tatsächlich so, dass man entscheiden kann, ob man weiterleben oder sterben möchte, aber es ist keine Entscheidung, die man alleine trifft. Klingt merkwürdig, aber das Gefühl ist wirklich schwer zu beschreiben…

Hast du eine höhere Macht wahrgenommen?
In diesem Zustand hatte ich das Gefühl, mit Menschen vereint zu sein, die ich kenne oder vor ihrem Tod kannte. Ich war quasi körperlos, ganz so, als wären mein Geist und mein Fleisch zwei voneinander losgelöste Dinge.
Glaubst du an Gott?

Die meisten Leute sind skeptisch, bevor sie etwas erleben, das unerklärlich ist und ihnen unlogisch erscheint…

Ist das ein Ja?
Weißt du was? Manchmal ist es besser, sich nicht ständig selbst Fragen zu stellen und alles ergründen zu wollen, sondern mit dem Ungewissen zu leben.

Wie würdest du dein Leben nach dem Unfall beschreiben?
Als Wiedergeburt. Wir Menschen tendieren dazu, alles als selbstverständlich anzusehen. Das liegt in unserer Natur. Außerdem schieben wir oft genau die Menschen oder Dinge, die uns am wichtigsten sind und am meisten Spaß machen, von uns weg und wollen stattdessen immer höher und höher hinaus. Und im Nachhinein bereuen wir es dann.

Bist du nach dem Unfall eigentlich auch in Selbstmitleid versunken?
Natürlich. Auch heute gibt es noch Momente, in denen ich schwach bin und leicht verletzbar bin. Doch das ist normal, würde ich sagen. Das Wichtigste ist dann, dass ich nicht allein bin, sondern mich mit meiner Familie und Freunden beschäftige. Man sollte sich nicht in seiner eigenen kleinen Welt abschotten, sondern stattdessen lieber die Bindungen zu anderen Menschen stärken.

Wenn du mit Def Leppard unterwegs bist, nimmst du dir oft Zeit, um mit behinderten Kindern zu sprechen. Hilft dir das auch selbst bei der Bewältigung deines Traumas?
Es bringt mir sehr viel. Denn das Ganze ist nicht einseitig, sondern gut für alle Beteiligten. Die Teenager inspirieren mich sehr und machen mir Mut, meinen Weg weiterzugehen.

Von welcher Person hast du in deinem Leben am meisten gelernt?
Mutt Lange, unser früherer Produzent, hat mir viel beigebracht – in musikalischer Hinsicht, aber auch in menschlicher. Ich weiß jetzt, wie wichtig Hingabe und Leidenschaft ist, und ich weiß auch, dass man sich immer weiter verbessern kann, denn niemand ist perfekt. Das Interessanteste an der Sache: Ich habe von Mutt, der kein Drummer ist, mehr übers Schlagzeugspielen gelernt als von jeder anderen Person. Jedes Mitglied von Def Leppard schätzt Mutt Langes Arbeit und liebt ihn für seine Freundlichkeit und Freundschaft. Wenn wir je wieder die Chance bekommen, mit ihm zu arbeiten, werden wir sofort zusagen.

Wie lautet deine Formel zum Glück?
Das Leben ist ein Geschenk. Ich war kurz davor, alles zu verlieren – daher ist es für mich ein noch größeres Geschenk als für die meisten Menschen, heute noch hier zu sein und Musik zu machen. Die Achtziger waren hart, und ich habe alles mitgenommen, bis zum Exzess. Nun möchte ich einfach nur ein guter Ehemann, ein guter Vater und auch selbst ein guter Sohn sein. Es ist mein Ziel, all die Dinge zu genießen, die ich vernachlässigt habe, als ich noch auf der Suche nach meiner wahren Bestimmung war.