Scott Ian Anthrax video stillScott Ian ist im Stress: Der Gitarrist befindet sich auf Pressetour durch die USA, um das neue Anthrax-Album FOR ALL KINGS zu promoten. Dennoch findet er Zeit für einen Plausch mit CLASSIC ROCK. Ein Gespräch über runde Geburtstage, die Stürme des Lebens, verstorbene Legenden und leidenschaftliche Persönlichkeiten.

Momentan wütet in deiner Heimatstadt New York der Blizzard „Jonas“, der alles lahmlegt und weltweit für Furore sorgt. Wie hast du ihn erlebt?
Ich war das Wochenende über in New York. Aber ich kenne solche Blizzards bereits – für mich sind sie keine welt­bewegende Besonderheit, weil das bei uns in der Gegend durchaus öfter mal vorkommt. Das Angenehme am vielen Schnee ist, dass alles so ruhig wird, weil sich viel weniger Menschen auf die Straßen wagen. Ich mag Schnee, weil ich ein leidenschaftlicher Snow­boarder bin.

Apropos Leidenschaft: Das neue Anthrax-Album FOR ALL KINGS ist eine ganz schön emotionale Dampfwalze geworden. Wie schafft ihr es, euch nach bald 35 Jahren Bandgeschichte immer wieder derart zu motivieren?
Dass ich in dieser Band sein darf, ist Motivation genug. Ich liebe es, Gitarre zu spielen, Musik zu machen, Konzerte zu geben und Platten aufzunehmen. Das wollte ich immer tun, das war mein Lebensentwurf seit meinem 13. Geburtstag. Und hey, ich habe es geschafft, das gibt mir ein gutes Gefühl und macht mich stolz. Ich spüre auch gar nicht das Verlangen, irgendetwas anderes zu tun. Es existieren nicht viele Bands, die es geschafft haben, so lange durchzuhalten – zumindest nicht auf dem Niveau, auf dem wir uns stets bewegt haben.

Eine dieser Bands waren mit Sicherheit Motörhead – die haben es bis zu Lemmys Tod sogar auf 40 Jahre gebracht. Welche Gefühle kommen in dir auf, wenn du an Lemmy denkst?
Ich denke dann an einen Freund, den ich verloren habe. Einen Freund, den ich 30 Jahre lang persönlich gekannt habe. Ich durfte viel Zeit mit ihm verbringen im Laufe der Jahre. Es ist verrückt, wenn ich bedenke, dass ich mit meinem Jugendidol irgendwann befreundet war – ich traf ihn zum ersten Mal im Jahr 1985 und zum letzten Mal im Dezember 2015. Auch wenn er nicht mehr lebt: Meine Erinnerungen an ihn kann mir niemand nehmen. Und in der Musik von Motörhead lebt Lemmys Vermächtnis ewig weiter.

Anthrax wurden 1981 gegründet und gelten als Thrash-Metal-Legende. Wollt ihr dieses Jahr das 35-jährige Jubiläum in irgendeiner Form feiern?
Wir haben noch nichts Spezielles im Hinterkopf, da wir momentan stark mit der Promotion fürs neue Album beschäftigt sind und bald auf Tour gehen werden. Das erfordert momentan unsere gesamte Konzentration. Aber wir kennen den Bandgeburtstag ganz genau – der 18. Juli. Ich kann mir zum Beispiel gut vorstellen, dass wir ein besonderes T-­Shirt mit der 35 herausbringen werden.

2011 bist du zum ersten Mal Vater geworden. Was hat sich seit der Geburt deines Sohnes in deinem Leben verändert?
Vieles. Wie könnte es sich auch nicht ändern? Wenn sich durch ein Kind nichts an deinem Denken verschiebt, dann solltest du keinen Nachwuchs in die Welt setzen! Die Geburt meines Sohnes war der größte Einschnitt, der je in meinem Leben stattgefunden hat. Jede Emotion wird stärker, das Kind beeinflusst so gut wie alles, was du tust, und avanciert zur Priorität Num­mer eins. Auch die Sorgen wachsen, ich empfinde die Welt jetzt oft als düs­terer und bedrohlicher – als etwas, vor dem ein Kind beschützt werden muss. Das schlägt sich natürlich auch in den Texten nieder, die ich schreibe.

Welche Könige meinst du im Plattentitel FOR ALL KINGS genau?
Jeder innerhalb der Band interpretiert diese Worte ein bisschen anders. Ich persönlich denke, dass ich versuchen sollte, mein eigener König zu werden. Also ein verantwortungsvoller Erwachsener, der für die Konsequenzen seines Handelns geradesteht – ein menschliches Individuum, das sich anständig auf dem Planeten Erde benimmt. Wenn du mich fragst, dann sollte man das mit den Königen nicht allzu wörtlich nehmen. Du musst nicht zum König gekrönt werden, aber du solltest wenigstens zu einer Persönlichkeit heranreifen.

So eine Persönlichkeit scheint auch euer Produzent Jay Ruston zu sein, über den ihr immer nur Lobeshymnen singt.
Jay ist in der Tat sehr wichtig für uns. Er schafft es immer wieder, uns voranzutreiben – als Individuen, aber auch als Kollektiv. In der Vergangenheit, als wir ihn noch nicht kannten, lief es oft so, dass wir abbrachen, wenn wir bei einem Stück nicht weiterkamen. Dann bestellten wir uns was zum Essen und legten eine Pause ein, die auch mal einen Tag oder länger dauern konnte. Jay hält den Fokus hingegen aufrecht – 20 Minuten später beschäftigen wir uns wieder mit dem Song. Er kreiert einerseits eine sehr, sehr relaxte Arbeitsat­mosphäre, schafft es aber gleichzeitig, dass wir uns den Arsch auf­reißen und die beste Performance aus uns herausholen. Diese Leis­tung kann ich gar nicht stark genug würdigen, da man bei ihm nie das Gefühl bekommt, zu hart oder zu verbissen zu arbeiten. Viel­leicht liegt es daran, dass er Kanadier ist …