David Crosby im Interview: Keine Lust auf Rumsitzen

David Crosby InterviewEr sieht die Demokratie in Gefahr, hasst Donald Trump, hat ein Faible für Angela Merkel und gönnt sich jeden Abend seine Marihuana-Ration. Dazu veröffentlicht Folkrock-Meister David Crosby mit HERE IF YOU LISTEN sein viertes Album in den vergangenen fünf Jahren. Ein Gespräch mit einem Idealisten unter Zeitdruck.

Interview: David Numberger

Deine jüngsten Platten waren allesamt Solowerke. Diesmal stehen die Namen deiner Mitmusiker Becca Stevens, Mi­­chelle Willis und Michael League mit auf dem Cover. Warum?
Weil es diese Art von Album ist. Wir haben ja schon für LIGHTHOUSE (von 2016, Red.) zusammengearbeitet. Diesmal sagte ich: Hört zu, ich will kein Soloding machen, sondern in einer Band sein. Ich will diese Platte gemeinsam schreiben und singen. Darauf sie: Bist du sicher? Und ja, das war ich. Es gibt diese besondere Chemie zwischen uns und der wollte ich folgen. Sie waren sofort dabei, und das Ergebnis könnte mich nicht glücklicher machen.

Wenn ihr zusammen im Studio seid, bist du da der Boss?
Es ist ein Ideenaustausch, ganz klar. Wenn, dann ist Michael der Chef, denn er ist ein viel besserer Bandleader als ich und hat HERE IF YOU LISTEN auch produziert.

Du hast seit 2014 vier Alben veröffentlicht: Passiert das rein aus Freude an der Musik oder bist du von irgendetwas ge­­trieben?
Nun, das ist kompliziert, da kommen verschiedene Dinge zusammen. Zunächst einmal bleibt mir nicht mehr viel Zeit, ich stehe am Ende meines Lebens. Was noch übrig ist, muss ich weise nutzen. Ich möchte nicht auf meinem Hintern rumsitzen und warten. Mir macht es Spaß, zu arbeiten, Musik zu machen. Der Grund, warum es so gut läuft zurzeit, sind vor allem die Leute, die mir beistehen, extrem gute Songschreiber, ex­­trem nette Menschen, wir haben einen Mordsspaß zusammen. Schon komisch, dass wir noch so viel Zeit fürs Plattenmachen aufbringen, wo man doch mit Streaming heute kaum mehr was verdient. Aber es ist das, was du der Welt hinterlässt.

Hörst du dir die Sachen deiner früheren Kollegen an, Neil Young ist ja beispielsweise sehr produktiv?
Ja, das verfolge ich. Was Monsanto betrifft, liegt er sicher nicht falsch, denn das ist ein furchtbarer Konzern und er hat Recht, wenn er ihn bekämpft. Was man nun aber für eine gute LP hält und was nicht, darüber muss sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Mir gefallen die vier, die ich zuletzt gemacht habe, und die Arbeit an der fünften läuft.

Ja, davon habe ich gelesen. Ist es wahr, dass dein Sohn James Raymond und Country-Star Jason Isbell dabei sein werden?
James wird es produzieren, wir schreiben aktuell gemeinsam an neuem Material. Was Jason Isbell betrifft: Er ist ein echt guter Songwriter und ich versuche, auch mit ihm zusammen was zu schreiben. Die Art wie er singt, seine Band, seine Frau, ich mag alles an ihm.

„Ich gehe abends mit Marihuana ins Bett, es ist mir lieber als Schlaftabletten oder solches Zeugs.“

Kann seine Musik einen politischen Effekt haben – und kann das Musik allgemein heutzutage?
Wie das funktioniert, Mann, ist so: Songwriter haben sich aus den mittelalterlichen Wandersängern entwickelt, die die Neuigkeiten von Stadt zu Stadt getragen haben. Es ist Teil unseres Jobs, Zeugen zu sein von dem, was um uns passiert, politisch und ge­­sellschaftlich. Nun sollte auch niemand denken, dass es seine einzige Aufgabe ist, zu jedem zu predigen – aber immer mal wieder siehst du etwas, wovon du einfach Zeugnis ablegen musst. Und das ist eine gute Sache.

Aber ganz konkret: Kann Musik Dinge verändern?
Absolut, wir haben das ja auch schon bewiesen.

Ja, in den 60ern und 70ern vielleicht, aber heutzutage?
Wir haben einfach noch nicht das richtige Lied für heute, ein ›Ohio‹, ein ›We Shall Overcome‹, einen Protest-Song für diese Generation. Aber wir arbeiten daran.

Hast du jemanden im Kopf, der das leisten könnte?
Jeder Songwriter in den Vereinigten Staaten.

Du unterstützt seit Kurzem eine Organisation, die sich für die Legalisierung von Marihuana einsetzt. Warum?
Weil es nicht verboten sein sollte, es schadet dir viel weniger als Alkohol, die Leute lieben es und es wird sogar zu medizinischen Zwecken eingesetzt.

Konsumierst du selber?
Ja, ich gehe abends damit ins Bett, es ist mir lieber als Schlaftabletten oder solches Zeugs.

Echt jeden Tag?
Ja, ein paar Blüten jeden Abend, mit dem Vaporizer.

Letztes Jahr nanntest du Donald Trump im Interview mit uns ein „Arschloch“. Hat sich deine Meinung irgendwie geändert?
Es ist schlimmer geworden, Trump ist eine furchtbare Person, die unserem Land viel Schaden zufügt.

Angenommen, er würde aus irgendeinem Grund seines Amtes enthoben werden. Wäre das die Rettung?
Nun, der nächste in der Reihe ist Pence, und der ist, wenn irgendwas, dann sogar noch schlimmer als Trump. Die Dinge stehen ge­­rade ziemlich schlecht in den USA, wir laufen Gefahr, unsere Demokratie zu verlieren. Aber dann wiederum ist das bei euch nicht viel anders.

Du spielst auf die rechtspopulistische…
Ich habe gehört, dass sich Angela Merkel aus der Politik zurückziehen will. Sie ist ein sehr verantwortungsvolles menschliches Wesen.

Das Gute an der aktuellen Situation ist vielleicht, dass es ein wachsendes Protestpotenzial in der jungen Generation gibt, ein wachsendes politisches Bewusstsein.
Nicht nur ein Potenzial. Die „March For Our Lives“-Kids mobilisieren die Jugend, rauszugehen, zu wählen. Vielleicht werden wir die Dinge so wieder in Ordnung bringen, aber das wird viel Arbeit sein.

Verfolgst du die politische Lage in Deutschland und Europa?
Ein bisschen.

Was hältst du von der Situation in Großbritannien?
Der Brexit war eine dumme Entscheidung. Dass so viele Länder in Europa zurzeit nach rechts driften, Polen, Jugoslawien, sogar England und jetzt möglicherweise auch Deutschland, ist eine traurige Sache.

Unabhängig, wo es passiert: Was könnte denn die Lösung sein, die richtige Reaktion auf die Gefahr von rechts?
Man muss ganz weit zurückgehen. Der Schlüssel liegt in der Erziehung. Wenn die Leute gebildet und klug sind, wählen sie anders, als wenn sie dumm und voller Vorurteile sind. Wir brauchen eine Demokratie, die auf Teilnahme durch Menschen beruht, die interessiert sind und wissen, wovon sie sprechen. Dafür brauchst du Bildung. Wir in Amerika waren darin mal die Nummer eins der Welt, jetzt sind wir auf Position 26 oder 28, hinter jeder anderen entwickelten Nation der Welt, inklusive euch. Wenn du eine gebildete Bevölkerung hast, kannst du ihr die Fakten zeigen und sie wird korrekt wählen.

Wie entdeckst du heute neue Songs?
Die Leute senden mir eine Menge davon auf Twitter, denn sie haben herausgefunden, dass ich mir ihre Bands oder den Track, an dem sie gerade arbeiten, tatsächlich anhöre. Ich gebe ihnen eine Chance und bin ehrlich in meinem Urteil. Damit können sie was an­­fangen, und ich hab so schon einige Sachen entdeckt.

Cameron Crowe arbeitet an einer Doku über dich. Was kannst du mir darüber sagen?
Sie ist gerade fertig geworden, kommt nächstes Jahr raus.

Du wurdest dafür sicher interviewt, sprichst du gern über alte Zeiten?
Es geht nicht um alte Zeiten. Du musst sie sehen, eine sehr ehrliche, eine brutal ehrliche Dokumentation. Keine Ahnung, ob alle sie mögen werden, denn sie ist wirklich ungeschminkt und mutig, aber mir gefällt das. Der Film handelt von meinem ganzen Leben.

Besteht die Chance, dass wir dich demnächst auch mal wieder in Deutschland sehen?
Bei unserer letzten Tour haben wir das versucht, aber keine Angebote bekommen. Oder doch, eines, aber dort hätten wir weniger Geld gekriegt als überall sonst in Europa, also konnten wir es nicht annehmen. Vielleicht hilft’s ja, wenn man die deutschen Promoter hier darauf aufmerksam macht.

2 KOMMENTARE

  1. David Crosby…was für ein Künstler! Würde ihn sehr gerne nochmals hier in Deutschland spielen sehen.Tolle Alben die er jetzt veröffentlicht.

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