Gilmour_2015Ein fest der Sinne.

Polly Samson ist heute die Erste an ihrem Arbeitsplatz. Noch bevor sich einer der Musiker auf der Bühne sehen lässt, setzt sich die Gilmour-Gattin an einen kleinen Tisch hinter dem Mischpult am Ende der restlos ausverkauften König-Pilsener-Arena. Sie klappt ihren Laptop auf und beginnt, sich Notizen zu machen. Samson ist mehr als nur die bessere Hälfte des früheren Pink Floyd-Gitarristen. Sie ist seine Texterin, Beraterin, Supervisorin, sozusagen der wichtigste Kommunikationsknotenpunkt zwischen der Kunst des 69-Jährigen und dem Begehren der Öffentlichkeit. Heute überwacht sie die Show aus der Zuschauerperspektive. Man weiß ja nie.
Das Publikum in Oberhausen ist natürlich bis in die Haarspitzen gespannt und will keinen einzigen Moment dieses denkwürdigen Abends verpassen. Denn Gilmour kommt nur alle Jubeljahre auf Tour, und in diesem Fall gastiert er überhaupt nur einmal in Deutschland. Anlass ist sein neues Soloalbum RATTLE THAT LOCK, das am Vortag der Show veröffentlicht wurde und dennoch den meisten Anwesenden bereits vertraut zu sein scheint. Klar, als Fan des Briten und seiner einzigartigen Karriere ist man natürlich gleich am Veröffentlichungstag losgerannt, um die neue Scheibe zu kaufen.
Eine Investition, die sich ebenso lohnt wie der – zugegeben – üppige Eintrittspreis der Show. Denn Gilmour liefert auf höchstem Niveau ab. Der Mann ist ruhiger geworden, bevorzugt zunehmend leisere, intimere Töne. Auf RATTLE THAT LOCK findet man gerade mal zwei rockige Stücke, der Rest ist Wohlklang zwischen Tiefgang und Schwere.
Analog dazu ist auch die Show durchsetzt mit zarter Melancholie, mit Gilmours berühmtem Gitarrenspiel, das sich sphärisch über alle Songs legt. Vom neuen Werk gibt es unter anderem den Titeltrack, ›A Boat Lies Waiting‹ und ›In Any Tongue‹, dazu die Jazz-Nummer ›The Girl In The Yellow Dress‹, der Vorgänger glänzt mit ›On An Island‹ und ›The Blue‹. Der rote Faden ist unüberhörbar.
Der Bühnenaufbau erinnert an die Siebziger. Die Band häufig in grelles Gegenlicht oder in schummeriges Blau getaucht, gelegentlich aber auch in einen Pupillenrausch aus Gelb und Orange.
Natürlich geht auch in Oberhausen nichts ohne Pink Floyd. ›Run Like Hell‹, ›Astronomy Domine‹ und ›Wish You Were Here‹ erklingen ebenso wie ›Shine On You Crazy Diamond‹, ›Money‹ oder ›Us And Them‹, in der Zugabe dann ›Time‹ und – natürlich mit dem gewohnt orgiastischen Solo endend – ›Comfortably Numb‹. Der Höhepunkt aber: das stoische ›High Hopes‹ von THE DIVISION BELL, eigentlich mehr Gilmour-Solo-Werk als Pink-Floyd-Opus. Der Mann kann es eben auch allein.