deer-tick-negativity-4830

Die letzten Jahre waren so etwas wie ein einziges langes „Lost weekend“ für Deer Tick. Als das für seine wilden Live-Shows berühmte Indie-Folk-Quintett dann nach einer mörderisch langen Tournee endlich ins heimische Rhode Island zurückkehrte, stand vor allem Mastermind John McCauley vor einem Scherbenhaufen: Hochzeit abgesagt, Vater mit einem Fuß im Knast, Drogengebrauch außer Kontrolle.

 

Kein Wunder also, dass Deer Tick ihr nun erscheinendes fünftes Album NEGATIVITY getauft haben. Mit den neuen Songs blicken die Amerikaner zurück auf die vergangenen Jahre und schildern das böse Erwachen am „Morgen danach“ – ungeschminkt und ungeschönt. „John brauchte diese Platte auf jeden Fall, um seinen rauen Lebensstil der letzten ein, zwei Jahre zu verarbeiten“, erklärt McCauleys Co-Songwriter und Gitarrist Ian O’Neil im Gespräch mit CLASSIC ROCK. Tatsächlich geht der Frontmann auf der neuen Platte so offen und selbstkritisch mit sich ins Gericht wie nie zuvor. Egal, ob er seine in die Brüche gegangene Beziehung zu seiner Verlobten hinterfragt, über all die Familienfeste sinniert, die sein inzwischen verurteilter Vater im Gefängnis verpassen wird, die Eheprobleme seiner Eltern thematisiert oder sogar mit einem Song den dissonanten Soundtrack seiner Crack-Sucht abliefert – nie versteckt er sich hinter Metaphern. Anstatt Geschichten zu erzählen, die lediglich auf wahren Erlebnissen basieren, schildert er lieber gleich die ganze, reine Wahrheit. „Es ist immer besser, die Dinge offen auszusprechen, als sie unter den Teppich zu kehren“, ist O’Neil überzeugt. „Die letzten zwei Jahre waren gewissermaßen eine Realitätsflucht. Deshalb gefiel John die Idee, in den neuen Songs sehr ehrlich zu sein und die Probleme direkt anzusprechen.“ So düster viele Songs auch sind: Dass McCauleys Umfeld sehr positiv auf die Offenheit des Musikers reagierte, trug fraglos zur therapeutischen Wirkung bei, die das neue Album für die gesamte Band hatte. „Ich schaue jetzt viel zuversichtlicher in die Zukunft als vor den Aufnahmen“, bestätigt O’Neil.

Doch nicht nur textlich machen Deer Tick auf NEGATIVITY reinen Tisch. Nach dem viel gescholtenen Vorgängeralbum DIVINE PROVIDENCE aus dem Jahre 2010 positionieren sich die Amerikaner nun auch klanglich neu. Hatten sie zuletzt ihre wilde Seite und einen ausgelassenen, ungehobelten Country-Rock-Sound in den Mittelpunkt gerückt, klingt vieles auf der neuen Platte deutlich gedämpfter. Dennoch ging es der Band nicht ausschließlich um Reduktion. Gemeinsam mit Los-Lobos-Saxofonist Steve Berlin auf dem Produzentenstuhl wurden einzelne Songs durch Streicher und Bläser in unerwartete neue Richtungen geschubst. Weil McCauley das Piano als Instrument für sich entdeckte, rückt ›Just Friends‹ in die Nähe von Billy Joels 70s-Piano-Pop, während ›Trash‹ in Richtung Memphis-Soul schielt und ›The Dream’s In The Ditch‹ mit seiner hymnischen Hemdsärmeligkeit sogar etwas von Bruce Springsteen hat. Überhaupt scheint es bisweilen, als hätten Deer Tick den Übermut des letzten Albums mit der zerbrechlichen Intimität ihrer Frühwerke zusammengebracht. McCauley bezeichnete NEGATIVITY sogar bereits als „bösen Zwilling“ des hochgelobten Debütalbums WAR ELEPHANT von 2007. „Die Arrangements sollten dieses Mal fokussierter sein“, erklärt O’Neil. „Wir wollten nur noch dann spielen, wenn es wirklich nötig war. Wenn ein Song nicht dringend nach einem großspurigen Gitarrensolo verlangte, dann haben wir darauf verzichtet. Das heben wir uns für die Live-Shows auf. Die dürfen ruhig ein bisschen protziger sein, schließlich geht es da ums Entertainment!“

Carsten Wohlfeld