o_o_05_Dick-Brave_Foto_MLKMit ganz viel Patina.

Wie das Leben so spielt: Sasha, 39 Jahre alter Ex-Teenstar, der sich trotz Ausnahmetalents als Entertainer schwer tat, den Schritt vom BRAVO-Pin-Up zum gereiften Künstler zu vollziehen, verzeichnete erstaunlich hohe Absatzzahlen, als er sich 2003 in einen kanadischen Rockabilly-Recken namens Dick Brave verwandelte. Mit tadellosem Hüftschwung, schiefer Schnute, ondulierter Haartolle und kanadisch-deutschem Akzent inszenierte er sich im Geiste von Elvis Presley. Unbegreiflicherweise ad acta legte Sasha die Kunstfigur allerdings schon ein Jahr später: Dick Brave verschwand bei einem Flugzeugabsturz in Kanada. Weil in den vergangenen Jahren Trittbrettfahrer wie The Baseballs und The Boss Hoss sogar im Ausland funktionierten, fand sich 2011 ein Dreh, das Alter Ego zu reanimieren. Eine TV-Doku illustriert die angebliche Suche, bei der sich ausgerechnet der nervige Moderatorengrünschnabel Klaas Heufer-Umlauf als Retter aufspielt. Da leistet der ausverkaufte Tourstart wesentlich kompetentere Überzeugungsarbeit. Und das, obwohl der perfekt im 50s-Look gekleidete Dick wegen grippalen Infekts eigentlich ungeeignet erscheint, ordentlich das Motto des ersten Songs zu vermitteln: Johnny Burnettes ›Rock Therapy‹. Dass das vom ersten Takt an auf Vollgas geeichte Spektakel dann doch gelingt, liegt an Unmengen bereitgestellten Tees, aber auch an der Energie, die die Musiker vom Stapel lassen. Wirkte das Konzept, neue wie alte Rockklassiker auf halbstarken Rockabilly zu trimmen, beim Start vor acht Jahren noch wie satirische Parodie, sorgt ausgerechnet Sashas Erfolglosigkeit für einen gewissen Echtheitseffekt. Außerdem darf das Quintett sich rühmen, hierzulande als erste verstanden zu haben, dass Patina nichts schlechtes sein muss. Gegenwart lässt sich eben nur schwer mystifizieren. Für stilistische Authentizität beim Comeback sorgen die Backbeats mit Gretsch-Gitarren-Twang, Fats-Domino-Piano, Stehbassläufen und Schlagzeugbumms. Perfekt in seiner Rolle als potenter Nierentisch-betörer und Leithengst geht der smarte Dick auf, wenn er der Damen­welt im tadellosen Vortrag feuchte Träume für den Nachhauseweg garantiert. Als ausbaufähig erweist sich das stringente Konzept auch dank Braves famoser Blues-Impressionen auf der Mundharmonika. Bleibt zu hoffen, dass der in Karriere-schritten eher unentschlossene Sasha nicht wieder vorzeitig die Reißleine zieht.