Angus Young
KONTROLLIERTE ENERGIE
ANGUS YOUNG
Von Joe Perry

Von den üblichen Verdächtigen – Page, Clapton, Beck, Hendrix und Peter Green – einmal abgesehen, ist er einer meiner Lieblingsgitarristen. Ich sah ihn zum ersten Mal in den siebzer Jahren, als AC/DC Support von Aerosmith waren. Ich erlebte ihn immerhin bei 25 Konzerten – und war jedesmal beeindruckt von seiner Energie und der Fähigkeit, seine Bühnenakrobatik durchzuziehen, ohne dabei je eine falsche Note zu treffen. Seine Soli ergaben einfach Sinn, und in diesem Punkt hat er mich definitiv beeinflusst. Statt ein oberflächliches Feuerwerk aus dem Zylinder zu zaubern, beschäftigte er sich mit den Details seiner Licks – er war in diesem Punkt wirklich innovativ. Ein guter Gitarrist manifestiert sich dadurch, dass er sich dem Song unterordnet. Viele Kollegen tendieren dazu, einfach zu viele Noten zu spielen – und in den Siebzigern war das sicher auch mein Fehler. Man muss die Musik in ihrer Gesamtheit hören können und dann entscheiden, welcher Beitrag sinnvoll ist. Manchmal sollte man sich auf das Notwendigste zu beschränken – womit wir wieder bei Angus Young wären.

 

EXPLOSIVE RIFFS
ALVIN LEE
Von Mick Mars

Manchmal denke ich, ich hätte meiner inneren Stimme folgen und als Gitarrist beim Blues bleiben sollen… Nein, Spaß beiseite! Ich weiß nur, dass die Platten von George Clinton, Bootsy Collins, Paul Butterfield, Mike Bloomfield, Alvin Lee und Jimi Hendrix damals für mich wie eine Erleuchtung waren. Alle haben mich in irgendeiner Form beeinflusst, und als Bloomfield zu sehr in Richtung Country abdriftete, entdeckte ich Alvin Lee und Ten Years After. Alvin brachte eine explosive Note in den Blues, die es vorher nie gegeben hatte. Einige Leute haben deshalb die Nase gerümpft. Ich fand das genial.

 

DISZIPLIN UND GESCHMACK
SCOTT GORHAM
Von Dan Hawkins

Thin Lizzy hatten eine Menge Gitarristen, aber wenn ich an die Band denke, kommt mir zuerst Scott Gorham in den Sinn. Zunächst war es sein Aussehen, das mich faszinierte. Das mag vielleicht schwul klingen, aber Scott besaß die coolsten Haare, die ich je gesehen hatte. Als Thin Lizzy-Fan habe ich jahrelang versucht, meine Haare glatt zu kämmen, damit sie so ähnlich aussahen wie Scotts. Als Gitarrist ist er ungemein diszipliniert. Er ist keiner dieser verspielten Player, die ich ohnehin nicht mag – Brian May mal ausgenommen. Scott hat einfach Geschmack. Alles, was er spielt, ist hochmusikalisch und makellos im Timing.

Auch wenn Thin Lizzy immer zwei Gitarristen hatten, wusste man sofort, wenn Scott die Leadaxt übernahm, weil er viel melodischer klang – ein Kontrast zu den sonst üblichen Blues-Riffs. Ein klassisches Beispiel ist die Melodieführung in ›The Boys Are Back In Town‹: Der Hörer konnte problemlos dazu mitsingen, und diese Simplizität ist ungemein wichtig. Es war ein großer Moment für mich, als ich Scott bei der Release-Party des The Darkness-Debüts persönlich kennenlernte. Und seine Haare waren noch immer so perfekt wie damals!

 

VERRÜCKTE ERINNERUNGEN
DANNY WHITTEN
Von Neil Young

Wir hatten gerade angefangen, bei Crazy Horse zusammen zu spielen – und ich habe wundervolle Erinnerungen an diese Zeit. Dann starb Danny, das war 1972. Als Poncho kam (Frank „Poncho“ Sampredo – Anmerkung der Redaktion), waren wir eine andere Band und verfolgten ein anderes Konzept. Dannys Ton war immer sauberer als meiner; seine Arbeit auf ›Down By The River‹ etwa ist ein Meisterstück. Die Position des Rhythmus-Gitarristen ist eminent wichtig: Du musst verstehen, dass du als Teil eines Orchesters fungierst, dass du das Rückgrat bist, dass du den Kontrast lieferst, dass du den Groove vorgibst. Wenn die Rhythmus-Gitarre den Groove ändert, muss die Leadgitarre folgen. Und mit Danny und mir funktionierte das einfach wie im Schlaf – wir mussten nicht einmal drüber reden.

 

BLUES MIT ECKEN
DAN AUERBACH
Von Mark Thomas

Für die, die ihn nicht kennen: Er ist die eine Hälfte der Black Keys – und er ist großartig, weil er einen radikal frischen Bezug zum Blues hat. Ich hörte ihn zum ersten Mal vor einigen Jahren, als das Black Keys-Debüt erschien.

Er hat ein herrliches, dreckiges Blues-Feeling, lässt sich aber gleichzeitig davon nicht limitieren. Dan Auerbach beschränkt sich zudem auch nicht nur auf 12-taktige Blues-Schemata, sondern mischt einfach munter unerwartete Akkorde und Song-Elemente dazwischen. Das beweist, dass er Musik wirklich liebt und sich ständig damit beschäftigt: Man muss nämlich schon jede Menge verschiedener Einflüsse verinnerlicht haben, um über den Tellerrand einer Nische hinwegsehen zu können – und darin ist Dan ganz groß.

 
Yngwie Malmsteen 100 beste gitarristen
SCHNELLER SCHWEDE
YNGWIE MALMSTEEN
Von George Lynch

Jede kleine Revolution, die in der Musik der Sechziger, Siebziger und Achtziger stattfand, hatte in irgendeiner Form ­Einfluss auf mich.

Als Eddie Van Halen auf die Szene stürmte und danach auch Yngwie Malmsteen, hinterließ das bei mir defini­tiv Spuren. Yngwie hatte – und hat noch immer – eine unglaubliche Energie. Und sein neo-klassischer Stil öffnete mir die Augen. Ich war Ende der Sechziger als Blues-Gitarrist groß geworden; Bands wie die Beatles galten damals als Maßstab. Insofern waren die Sachen, die ich durch Yngwie kennenlernte, völlig neu für mich. Allein sein Druck und das Tempo waren atemberaubend. Und gleichzeitig hatte ich bei ihm immer den Eindruck, dass er das alles einfach aus dem Ärmel schüttelt.

Am Ende des Tages hat sich vieles totgelaufen, was sich Gitarren-dominierter Musik in den achtziger Jahren angesagt war. Es endete in einem elitären Speed-Rennen, das die normalen Hörer nicht mehr erreichte. Aber Yngwie kreierte einen Trend. Und Musiker, die etwas erschaffen, das die Leute wirklich bewegt, werden immer ihre Daseinsberechtigung haben. Deshalb ist Yngwie auch noch immer da, während andere längst verschwunden sind.

 

DELTA-LEIDENSCHAFT
BUKKA WHITE
Von Rock Freebase

Ich spiele heute bevorzugt akustischen Blues und arbeite mit Bukka Whites Material, um zu kapieren, was er da eigentlich macht. Es ist eigentlich furchtbar simpel und trotzdem unglaublich schwer, das gleiche Feeling wie er zu erzeugen. Er spielt zudem auch einige Sachen, die ich von keinem anderen Gitarristen je gehört habe. Bukka entwickelte eine Technik, die er „Slapping The Baby“ nannte: Er schlug mit den Händen einen Rhythmus auf die Saiten – und es klingt unglaublich gut. White spielte in einer Liga für sich. MeinLieblings-Song von ihm? Klare Sache, ›Fixin‘ To Die‹.

 

BLUTRORE ÄRA
ROBERT FRIPP
Von Steven Wilson

In den Achtziger wollte alle so klingen wie Level 42, Simple Minds oder U2 – Ich hingegen liebte die Platten aus den Sechzigern und Siebzigern, die meine Eltern hörten. Es war die Mega-Album-Ära: von 1967 bis 1977, von SGT. PEPPER bis hin zum Punk. Es gab in jedem Genre wundervolle Scheiben, ob Disco-Sachen von Donna Summer, Soul von Marvin Gaye oder aber King Crimson und Pink Floyd, die großartige Art-Rock-Platten komponierten. Die Idee, dass ein Album eine musikalische Ent­deckungs­reise sein kann, faszinierte mich. Und von allen Acts waren King Crimson mit Robert Fripp am faszinierendsten. Fripp war immer im Fluss: Wann immer King Crimson auf dem Weg zum Erfolg waren, löste er die Band auf, verkroch sich und machte dann mit einer völlig anderen Besetzung weiter. Deshalb ist auch sein ganzer Backkatalog für mich so interessant. Die meisten Gitarristen haben ihre Basis im Blues, aber Fripp hat darum immer einen weiten Bogen gemacht. Und er ist ein Auteur: Er hat die genaue Vorstellung davon, wie die Band inklusive Optik klingen bzw. aussehen sollte. Beeindruckend.

 

EMOTIONALE KANTEN
JERRY CANTRELL
Von Andrew Hunt

Cantrell öffnete mir die Augen für die Naturgewalt, die von donnernden Riffs ausgehen kann – vor allem, wenn man sie dann noch so gekonnt mit düsteren Melodiebögen verwebt, wie er es getan hat. Seine Akkordfolgen sind einzig­artig, und er hat ein Gefühl in seinem Spiel, das wirklich bewegend ist. Beste Beispiele dafür sind etwa ›Whale & Wasp‹ und sein Gänsehaut-Solo auf ›Nutshell‹ (beide von JAR OF FLIES). Und Cantrell ist nicht nur ein begnadeter Riff-Meister, sondern auch ein ex­zellenter Songschreiber. Ich bin mir absolut sicher, dass das Alice In Chains-Vermächtnis noch viele künftige Gitarristen beeinflussen wird.

 

SHREDDER-KORYPHÄE
PAUL GILBERT
Von Jim Davies

Es mag vielleicht einige überraschen, dass sich der Gitarrist von Prodigy und Pitchshifter als Fan von Mr. Bigs Paul Gilbert outet. Ich arbeite heute viel mit Elektronik, war aber ursprünglich einer der Jungs, deren Horizont über Rock nicht hinausging. Als ich Gitarre lernte, hörte ich vor allem Iron Maiden und Pantera, aber auch Steve Vai und Joe Satriani. Daher hatte ich später häufig Streit mit Prodigy-Fans, die mir computerisierten Dance-Mist als Offenbarung verkaufen wollten.

Auf Paul Gilbert wurde ich durch den Meister-Shredder an meiner Schule aufmerksam. Es war ein großer Tag in meinem Leben, als er zu mir sagte: „Ich schenke dir mein Paul Gilbert-Gitarrentrainings-Video.“ Es fühlte sich fast so an, als würde er den Staffel­stab der Shredder an mich weitergeben.

Ich schätze Paul als begnadeten Gitarristen, aber auch deshalb, weil er hervorragend kommunizieren kann. Man findet problemlos einen Draht zu ihm. Und wer seine Videos studiert, kann viel lernen! Obwohl er natürlich mit riesigem Talent ins Rennen ging, hat er sein heutiges Niveau nur erreicht, weil er ständig geübt hat. Auch für Anfänger gibt es also Hoffnung!

 

Queen Brian May 100 beste gitarristenEIN-MANN-ORCHESTER
BRIAN MAY
Von Steve Vai

Er ist einer der wenigen Gitarristen, die man spontan identifizieren kann – schneller noch als Jeff Beck oder Page oder Clapton. Sie haben natürlich alle ihre eigene Handschrift, aber Brian May hat einen Klang in seinem Kopf und in seinen Fingern, der unnachahmlich ist. Vor ihm gab es niemanden, der seiner Gitarre das Flair eines kompletten Orchesters entlocken konnte. Das erinnert mich ein wenig an Eddie Van Halen, der ebenfalls den Sound der E-Gitarre neu erfand. Aber Brians Orchestrierung der Gitarre war ein Einschnitt. Der Mann ist ein Genie, und es wird noch immer viel zu wenig über seine Brillanz als Gitarrist gesprochen.

Ich erinnere mich, wie ich mit 21 Jahren meinen ersten Job bei Frank Zappa hatte. Ich war gerade nach Los Angeles gezogen, niemand kannte mich, und eines Tages ging ich zum „Rainbow Bar & Grill“, wo plötzlich Brian May neben mir stand. Ich nahm mir meinen ganzen Mut und sagte: „Brian May! Mein Gott, du bist es wirklich. Danke für alles, was du bisher getan hast. Ich spiele selbst Gitarre und habe gerade meinen ersten Job bei Frank Zappa.“ Er sagte: „Wirklich? Warum kommst du nicht mal bei unseren Proben vorbei?“ Ich ging hin, er holte mich auf die Bühne und ließ mich sogar seine Gitarre spielen – die Gitarre, die er mit seinem Vater gebaut hatte. Ich konnte nicht glauben, dass ich das Ding überhaupt berühren durfte.

Als ich sie dann spielte, klang alles wie immer, wie Steve Vai eben. Als er sie spielte, klang sie nach Brian May. Da wurde mir klar, dass er den Klang in seinem Kopf hat. Ich kann mir andere Gitarristen anhören und ihren Klang nachahmen, aber bei Brian May ist das völlig unmöglich.

 

DAS STIL-WUNDER
JEFF ›SKUNK‹ BAXTER
Von Luke Morley

Die meisten Rock-Gitarristen haben einen ausgeprägten Blues-Background. Was mich an Jeff Baxter faszinierte, war sein völlig unvoreingenommener Ansatz: Er konnte eine Prise Jazz einstreuen, gleichzeitig aber auch eine Pedal Steel einsetzen. Country, Blues, Jazz, Rock – alles verschmolz zu einer unverwechselbaren Handschrift. Ich entdeckte ihn erstmals auf dem Reading-Festival 1975: John Peel war der DJ und spielte Tracks von Steely Dans CAN’T BUY A THRILL. Und plötzlich kam ein Solo, und ich dachte nur: „Was  war das denn?“ Es klang wie eine Sitar und war anders als alles, was ich bis dahin gehört hatte: technisch brillant und gleichzeitig extrem musikalisch. Aber er ist kein Techniker wie Steve Vai oder Joe Satriani – obwohl er das auf Wunsch auch abrufen kann. Er hat einfach Soul! Was die wenigsten wissen: Er spielte auch zusammen mit Hendrix bei Jimmy James And The Blue Flames.

 

EDDIES LEHRMEISTER
ERIC CLAPTON
Von Edward Van Halen

Er ist mein Mann! Ich kannte früher jede Note, die er gespielt hat. Mammoth – ich, mein Bruder Alex und ein befreundeter Bassist – waren nämlich so etwas wie Cream für Anfänger. Aber weil ich kein Geld für das passende Equipment hatte, musste ich notgedrungen einen eigenen Stil entwickeln. Vor allem Claptons Live-Jams mit Cream auf WHEELS OF FIRE und GOODBYE waren eine Offenbarung, weil er damals nur mit der natürlichen Verzerrung spielte. Ich konnte mir Fuzzbox und Wah-Wah und Modulator und alles, was Hendrix noch in seinem Arsenal hatte, beim besten Willen nicht leisten. Also stöpselte ich die Gitarre ein, drehte meinen Verstärker auf 11 und versuchte meinen Sound zu finden, indem ich hemmungslos die Saiten traktierte. Ich hatte nie eine Gitarrenstunde – alles kam von Eric!

 
Jimmy Page 100 beste gitarristen
LEBENDE LEGENDE
JIMMY PAGE
Von Bruce Kulick

Alles, was mich inspirierte, kam aus dieser Ära: Clapton natürlich, Hendrix, Jeff Beck. Und Jimmy Page darf in dieser Aufzählung auf keinen Fall fehlen. Jimmy ist nicht nur ein Genie an der Gitarre, sondern auch im Studio. Manchmal spielte er abgehobene, verrückte Sachen, die in keinem Lehrbuch stehen, aber sie waren immer brillant. Ich konnte gut nachvollziehen, dass er schon vor Led Zeppelin einer der gefragtesten Session-Gitarristen war. Und Zeppelin waren dann die ideale Plattform, um seine Talente glänzen zu lassen, weil er elektrisch und akustisch spielen konnte und sogar ab und an ein paar Jazz-Riffs einbauen durfte. Was für eine perfekte Band für ihn! Jedes Bandmitglied war Spitzenklasse, genau wie ihr Material. Zeitlose Songs, die nie verschwinden werden.

Ich traf Jimmy während meiner Kiss-Jahre zweimal; es muss um 1985 gewesen sein. Jimmy saß allein in einem Club und gab sich die Kante. Ich bat ihn um ein Autogramm, warf es aber später weg, weil ich dachte, es sei nur Gekritzel. Aber in der nächsten Woche traf ich ihn nochmal, und diesmal war er nüchtern, smart gekleidet und erinnerte sich auch noch an unsere Begegnung zuvor. Er kannte Kiss, und ich erzählte ihm, dass wir ›Whole Lotta Love‹ manchmal beim Soundcheck spielten.

 

POWER UND MELODIE
WOLF HOFFMANN
Von Jürgen Blackmore

In meiner Jugend hatte ich eine Menge Vorbilder. Eines war – kaum überraschend – mein Vater. Ein anderer, vielleicht unerwarteter Kandidat dagegen Wolf Hoffmann von Accept. Viele Leute glauben, er sei nur eine Riff-Maschine, aber tatsächlich geht sein Horizont viel weiter. Er verschmilzt Power und Melodie wie kaum ein anderer.

Mein favorisierter Accept-Track ist ›Metal Heart‹, worin Wolf großartige Riffs mit klassischen Melodien paart. Und wenn man ihn live erlebt, mag man kaum glauben, mit welcher Leichtigkeit er das durchzieht. Sein Stil ist letztlich dem meines Vaters gar nicht mal so unähnlich: Sie lassen viel Raum und kleistern nicht alles mit überflüssigen Noten zu.

 

OHNE STUNTS
BILL FRISELL
Von Bill Nelson

Es ist fast ein Ding der Unmöglichkeit, nur einen Lieblings-Gitarristen zu nennen. Meine frühesten Inspirationen waren Duane Eddy, dann Hank Marvin und Chet Atkins. Danach kamen Django Reinhardt, Les Paul, Joe Pass, Wes Montgomery und viele andere große Jazzer. Und wie für die meisten Gitarristen meiner Generation waren Hendrix, Beck und Clapton ein nicht zu unterschätzender Einfluss; Jeff Beck ist für mich noch immer der ultimative Rock-Gitarrist. Und es gab auch einige Avantgarde-Gitarristen, die meiner Fantasie auf die Sprünge halfen. Wenn ich trotzdem einen heute noch lebenden Gitarristen herausheben soll, dann wäre es – im Moment zumindest –Bill Frisell. Von keinem anderen habe ich so viele Alben zu Hause wie von ihm. Man hält ihn gewöhnlich für einen Jazz-Gitarristen, aber Frisells Spektrum ist viel breiter. Er hat keine Probleme, die verschiedensten Stoffe miteinander zu verweben, und selbst wenn Jazz bei ihm im Vordergrund steht, so kann er jederzeit einen Abstecher zu Rock, Folk und Americana machen oder Weltmusik-Elemente und experimentelle Konzepte mit Hilfe von Loops integrieren. Sein Spiel ist hochgradig intelligent und hat gleichzeitig eine harmonische Sensibilität, die einfach wundervoll ist. Er ist zunächst immer Musiker – oder Künstler – und kein Stuntman auf der Gitarre. Die poetischen Qualitäten seiner Musik haben den Vortritt. In seinen Händen wird die Gitarre ein Werkzeug, um elegante und feinfühlige Musik zu kreieren. Ich spüre eine Verwandschaft zu seiner Neugier und Risikobereitschaft. Ich wollte, ich hätte die Hälfte seines kompositorischen und technischen Talents.

 

DJANGOS ENKEL
BIRELI LAGRENE  
Von Joe Bonamassa

Jenseits von Clapton, Beck oder Page ist Bireli mein Favorit. Wenn wir auf Tour sind, kaufen wir eine Menge DVDs, und da ich ein Al Di Meola-Fan bin, besorgte ich mir die DVD „Guitar Trio Live At Montreux“ mit Al und Larry Coryell. Und plötzlich kommt dieser Franzose auf die Bühne und stiehlt allen die Show. Er stand offensichtlich in der Django-Tradition, aber kombinierte Technik und Soul, wie ich es noch nie erlebt habe. Viele Gitarristen können eine Million Noten spielen, ohne dass es dich bewegt. Aber wenn Bireli Soli spielte oder mit seiner Gruppe kommunizierte, war das ungeheuer beeindruckend. Ich hatte vorher noch nie von dem Burschen gehört, dabei hat er schon 28 Alben gemacht und ist erst Anfang 40. Der Litmus-Test für Gitarristen ist der Ton – egal ob auf der E-Gitarre oder der Akustischen. Und ein großartiger Klang ist am Ende des Tages wichtiger als all die Noten, die du spielen kannst..