Die Top 50 Alben des Jahres: Platz 5-1

Die 50 besten Alben 2018

Zwölf Monate, hunderte von neuen Alben, tausende von Songs – gute, schlechte, grandiose Stücke. Wer kann da den Überblick bewahren? Gut, dass es die CLASSIC ROCK-Redaktion gibt. Wir sind in der Zeit herumgereist, haben uns für euch angestrengt erinnert, haben gesammelt, recherchiert, diskutiert, bewertet, und auch gekämpft. Das ist dabei herausgekommen: die 50 besten Alben des Jahres 2018, Platz fünf bis eins!

Platz 5: Neil Young: ROXY: TONIGHT’S THE NIGHT LIVE + SONGS FOR JUDY (REPRISE/WARNER)

Auf „Onkel Neil“ ist Verlass. Nicht nur bringt er verlässlich gefühlt alle paar Monate ein neues Album heraus – er öffnet auch regelmäßig sein Archiv und zaubert dabei immer wieder wahrhaft Großartiges hervor. Dieses Jahr passierte das gleich zweimal. ROXY: TONIGHT’S THE NIGHT LIVE versammelt Aufnahmen aus dem September 1973, Young und Crazy Horse spielten damals eine Reihe von Konzerten im Roxy-Club in Los Angeles. Die meisten der zehn aufgezeichneten Tracks landeten zwei Jahre später auf der Studio-Platte TONIGHT’S THE NIGHT, der famose Titelsong etwa, ein bedrückender Nachruf auf den an einer Überdosis verstorbenen Roadie Bruce Berry – oder auch ›Mellow My Mind‹, ›Roll Another Number (For The Road)‹ und der epische Drogensong ›Tired Eyes‹. Die Stücke sind lakonisch, unheilschwanger, roh und zugleich ganz zart und herzerweichend. Eine Mischung, die niemand besser hinbekommt als der Kanadier. Als Rausschmeißer gibt’s das federnde ›Walk On‹ von ON THE BEACH.
Nun ist bekannt, dass Young bei seinen Auftritten in den 70ern gern eine Hälfte akustisch und eine mit Band absolvierte. Deshalb ist SONGS FOR JUDY die perfekte Ergänzung zum elektrischen ROXY-Mitschnitt. Hier begleitet sich der Sänger selbst abwechselnd an Klavier und akustischer Gitarre. Die Aufnahmen stammen aus mehreren Konzerten von Youngs Solo-Tour im November 1976. Dort setzte es jede Menge Klassiker: ›Heart Of Gold‹, ›After The Gold Rush‹, ›Harvest‹, ›The Needle And The Damage Done‹ – um nur ein paar zu nennen. Einmal wird’s richtig laut, zum dramatischen ›A Man Needs A Maid‹ dröhnt eine Orgel, ansonsten klimpert und zupft sich der große Songschreiber perfekt unperfekt durchs Repertoire. Was er manchen Liedern damit an melodischer Lieblichkeit nimmt, fügt er ihnen an aufgekratzter Unmittelbarkeit wieder hinzu. Einiges sollte danach lange nicht mehr live aufgeführt werden – ›White Line‹ oder ›Give Me Strength‹ etwa –, und mit der wehmütigen Pianoballade ›No One Seems To Know‹ findet sich sogar ein bisher unveröffentlichtes Stück. Essenzieller Stoff also.
Anspieltipp: ›Tonight’s The Night‹
David Numberger

Platz 4: Greta Van Fleet: ANTHEM OF THE PEACEFUL ARMY (UNIVERSAL)

Man denkt ange-strengt zurück, wann zuletzt ein derartiges Brimborium um ein Debütalbum ver­anstaltet wurde und kann sich nicht erinnern. Seit Greta Van Fleet auf der Bildfläche erschienen sind, versetzen sie die Musikwelt in Staunen, verwickeln den Hörer in Interessenskonflikte. „Die klingen doch exakt wie Led Zeppelin!“, schwappen die Meinungen von allen Seiten herbei und ja, diesen Vergleich werden sich die vier jungen Buben wohl noch lange anhören müssen. Denn natürlich rührt selbiger nicht von ungefähr: Das Drumkit, die Instrumente, die hippieske Optik und vor allem die Posen und unmissverständliche Stimmfarbe von Sänger Josh sind klar Led Zeppelin, so sehr die Jungs auch betonen, Plant und Co. nicht als vordergründigen Einfluss bezeichnen zu wollen. Auch wenn die eindeutig lasziven „Oh Mama“-Rufe wie noch in ihrem ersten Hit ›Highway Tune‹ von der EP FROM THE FIRES auf dem Debüt-Longplayer weniger und subtiler geworden sind, gibt es da dennoch diese markanten Passagen: Im wundervoll ruhigen Opener ›Age Of Man‹ beispielsweise wird sogar vom „land of the ice and snow“ gesprochen, also bitte… Doch sei es drum. Die Gretas haben mit ANTHEM OF THE PEACEFUL ARMY ein überaus stimmiges Erstlingswerk geschaffen, ein reifes, ausgewogenes und selbstbewusstes Statement, das der vorherigen Aufregung durchaus gerecht wird. Und drückt man mal großmütterlich ein Auge zu, kann man ihnen für den Beginn eines vielleicht noch langen und aufschlussreichen Weges die Inspirationsquelle ja erst mal nachsehen und abwarten, wohin einen das Quartett aus Frankenmuth in Zukunft führen wird. Neben ihrer unbekümmerten und lebenshungrigen Herangehensweise an den Rock’n’Roll ist an Greta Van Fleet nämlich noch etwas anderes wichtig: Sie stellen ein interessantes Fallbeispiel dar und werden demonstrieren, was in der zeitgenössischen, alternativen Musiklandschaft erfolgstechnisch noch möglich ist, wo die Grenzen und Optionen des Nachwuchses liegen, ob man sich heute mit echtem Labelrückenwind noch zu einer langlebigen Weltband mausern kann oder der Platz an der Ruhmessonne nurmehr als begrenztes Erlebnis erfahrbar ist. Es bleibt also spannend!
Anspieltipp: ›The Age Of Man‹
Jacqueline Floßmann

Platz 3: Paul McCartney: EGYPT STATION (CAPITOL/UNIVERSAL)

Ein Beatles-Album ist es natürlich nicht geworden, doch dieser ungebändigt kreative Paul McCartney, wie er sich in diesem Jahr auf EGYPT STATION mit seinen 76 Jahren präsentiert, kommt schon sehr nahe an den Beatles-Paule von damals ran – und das war wirklich nicht immer der Fall. Den Drang, irgendeinem Zeitgeist hinterher zu jagen, hat Macca abgelegt, stattdessen treibt er seinen früheren, ureigenen Entdeckerstil einfach weiter, der dadurch modern, aber vor allem das wird, was er in seinem Kern wie kein zweiter schon immer war: zeitlos. Elemente der späteren Studio-Beatles tauchen an jeder Ecke auf. Man stellt sich Paul vor, wie er von Cembalo, zu Piano, zu Rhodes, zu Orgel zu Höfner-Bass zu Gitarre spurtet, ein Streich-Quartett und Bläser dirigiert, sein Fußtappen als Taktgeber mikrofoniert, Handtücher auf die TomToms des Drummers legt, Gitarrenspuren rückwärts abspielt, Vogelgezwitscher in der Natur aufnimmt (aufnehmen lässt) – eben all diese Schönheiten, die er uns schon vor Jahrzehnten schenkte. Doch nicht falsch verstehen! Er hat es nicht nötig, sich selbst zu kopieren. Denn zugleich probiert er so einiges aus, ach, spinnt ganz schön rum: Ganz nebenbei, quasi im Vorbeigehen weist er all die kontemporären Popkünstler auf ihre Plätze, indem er diese seit ungefähr zwei Jahren scheinbar standardisierte Radio-Hit-Schablone nimmt, mit ›Fuh You‹ perfektioniert und zum ersten Mal sympathisch klingen lässt. Jugendliche Springerei (›Come On To Me‹), kleine Balladen (›Hand In Hand‹), geschmackliche Verrücktheiten (›Back In Brazil‹), textliche Spinnereien wie in ›Confidante‹ („In our imaginary world; Where butterflies wear army boots; And stomp around the forest; Chanting long lost anthems“), ausladende Kompositionen, die mehrere Songs in einem vereinen (›Despite Repeated Warnings‹) und Intermezzi, die einzelne Nummern Sgt. Pepper-ig miteinander verbinden, treffen hier aufeinander und sind in 14-facher Ausführung allesamt brandneu.
Anspieltipp: ›Happy With You‹/›I Don’t Know‹/›Despite Repeated Warnings‹
Paul Schmitz

Platz 2: Israel Nash: LIFTED (LOOSE MUSIC/ROUGH TRADE)

Es gibt viele langweilige Americana-Bands: Da werden dann ein paar musikalische Zutaten und Einflüsse zu­­sammengeworfen und am Ende kommt hoffentlich was Interessantes dabei raus. Nur passiert das nicht oft. Anders bei Israel Nash. Warum? Weil der hünenhafte Sänger weiß, wie man Songs schreibt, weil er ein wirklich großartiges Gespür für Melodien hat, und weil er sich vorsichtig aber stetig weiter entwickelt. Waren die Stücke auf dem Vorgänger SILVER SEASON episch und raumgreifend, dafür manchmal aber ein bisschen behäbig, so geht’s auf LIFTED poppiger, bunter, üppiger zu. Die Songs haben mehr Punch, dank Bläsern und Streichern auch mehr Schmalz (was Puristen vielleicht ärgern wird), sie sind leichtfüßiger und klingen durch die dezenten Synthesizer moderner. Geblieben ist die weite texanische Landschaft als Hallraum, das frei Fließende ist nicht verschwunden – Nash ging sogar so weit, die Geräusche von Klapperschlangen, von Grillen, Fröschen und rauschendem Wasser nahe seiner Ranch aufzunehmen und in die Musik einzuflechten.
Am eingängigsten ist ›Rolling On‹ geraten, das mit hymnischen Background-Vocals und Handclaps daherkommt, ›Looking Glass‹ klingt ein bisschen nach Neil Young mit Zuckerguss, ›Sweet Springs‹ erinnert mit seinen Harmoniegesängen an die Beach Boys. In Richtung klassischen Americana-Rock geht’s mit ›Lucky Ones‹, ›Northwest Stars‹ wiederum ist schwelgerisch und verträumt. Die Eagles stehen Pate, CSN&Y und ja, in den verspielteren Momenten auch die Beatles. Mit konkreten Bezügen auf die aktuell ja eher düstere Lage der US-Politik hält Nash sich zurück. Dafür lenkt er unseren Blick auf das Schöne am Dasein, er schafft gewissermaßen eine kosmische Gegenrealität, in der die Liebe regiert, in der wir alle Teil des großen Ganzen sind, Farben in der Luft liegen und die Sonne auf die Hügel scheint. Schmerz gibt es auch, klar, aber der hat keine Chance gegen den Optimismus, gegen den Hippie-Traum, der dieses Album ist. Und so fühlt man sich, wenn die rund 45 Minuten um sind, tatsächlich: lifted.
Anspieltipp: ›Rolling On‹
David Numberger

Platz 1: Ghost: PREQUELLE (SPINEFARM/UNIVERSAL)

Tiefschwarze Wolkentürme, eine dysfunktionale Umgebung, der Geruch von Unheil und Verderben in der Luft. „Ring around the Rosies, a pocket full of posies, Ashes, Ashes, we all fall down“ hört man zerbrechliche Kinderstimmen in der Ferne schwingen. Ein eigentlich unschuldig scheinendes Liedlein, dessen Ursprung man jedoch inoffiziell auf die Zeiten der Pest zurückdatiert und das in diesem Kontext dann doch schaudern lässt. Gerötete Kreise auf der Haut, Blumen, um den bestialischen Gestank zu übertönen, Asche von verbrannten Leichen. Wie einen auditiven History-Horror lässt Tobias Forge sein viertes langes Werk beginnen und tut wieder einmal das, was er am besten kann: Den Hörer fesseln, in eine andere Welt entführen, dieses Mal in die des Mittelalters. Und wie könnte man den schwarzen Tod besser einleiten, als mit einem Song über die Hauptüberträger? ›Rats‹ schneidet messerscharf in den anfänglichen Mäd­chengesang und leitet 37 brillante Minuten ein: Knallharte Metalriffs treffen auf Kaugummi-klebrigen 80er-Pop, großartige Melodien wölben sich über pompöse Synthesizer, türmen sich zu kompositorischen Meis­terwerken mit perlglatter Produktion auf und kulminieren vielleicht sogar schon knapp in der Mitte des Albums. ›Miasma‹ ist wahrscheinlich das gewaltigste Instrumental der letzten Dekaden, eine vertonte Geschichte mit unfassbarem Spannungsbogen, deren peripetierende Klimax in Form eines Saxophon-Solos in Erscheinung tritt, welches nicht von dieser Erde zu sein scheint. Wie ein versessener Musikwissenschaftler zementiert Forge hier feingliedrig Baustein an Baustein, überlässt nichts dem Zufall, hält hundert Fäden gleichzeitig in der Hand und dirigiert alles mit größter Perfektion, grande Virtuoso, zu dem er sich nun mal entwickelt hat. Viele meckerten natürlich trotzdem, denn wie immer, wenn sich der Pop in die Rockmusik schleicht, fühlen sich einige vor den Kopf gestoßen. Dazu kommt die bombastische Show, die Ghost live aufziehen, die Masken, der Mummenschanz und das okkulte Gespiele. Da beißt es bei vielen aus – „Trueness“ und so – die ewige Leier eben… Dass hier ein unfassbar talentierter Könner, Komponist und Arrangeur am Werke ist, geht bei diesen Diskussionen leider meist unter. Und wenn es schon nicht gefällt, dann muss man Tobias Forge am Ende des Tages trotzdem eines zugestehen: Mit Ghost hat er nicht nur eine Band, sondern ein Universum geschaffen, die Grenzen alternativer Musik ausgelotet, einen Diskurs erneut angestoßen. Und immer, wenn man sich die Frage stellt, was Rockmusik eigentlich darf, dann muss die Antwort lauten: alles.
Anspieltipp: ›Miasma‹
Jacqueline Floßmann

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