Dass sich Duncan Evans in den letzten Jahren als Gitarrist der Avantgarde-Black-Metal-Band A Forest Of Stars einen Namen erspielt hat, hört man seinem Einstand als Solist nicht an. Auf LODESTONE wandelt der Brite in erster Linie auf düsteren Akustik-Pfaden und knüpft textlich wie musikalisch an den britischen Folk der späten 60er Jahre an, ohne sich allerdings als traditioneller Fackelträger zu verstehen. Für das spätabendliche Interview mit CLASSIC ROCK hat sich Evans in sein spärlich beleuchtetes Wohnzimmer zurückgezogen, und im Hintergrund läuft leise die Musik der deutschen Jazz-Größe Eberhard Weber.

DuncanEvans_Lodestone_Promo_03Soundmäßig ist LODESTONE ziemlich genau das Gegenteil von A Forest Of Stars. War diese musikalische Kehrtwende von Anfang an beabsichtigt?
Die Idee für ein akustisches Soloprojekt hatte ich schon, lange bevor A Forest Of Stars überhauüt existieren. Erst jetzt war allerdings der richtige Zeitpunkt dafür gekommen. Ich empfinde es als musikalisch sehr befruchtend, sich einer ganzen Reihe unterschiedlicher, eklektischer Stile zu widmen. Die wichtigste Frage ist doch nicht, wie ein Genre heißt, sondern ob die Musik gut ist oder nicht!

Dein Album besticht durch natürliches „Live”-Feeling. War das im Studio schwer zu erreichen?
Die Platte wurde ohne Click-Tracks aufgenommen, und das hatte spürbar Einfluss auf das Gefühl, das die Aufnahmen vermitteln. Das Tempo der Songs variiert dadurch auf, so hoffe ich, natürlich fließende Art und Weise. Ich finde, Musik sollte, wo immer möglich, „atmen“ können und ihr eigenes Tempo, ihren eigenen Groove ohne die Hilfe eines Metronoms finden.

Das Zusammenspiel von akustischen und elektrischen Gitarren verleiht LODESTONE eine sehr markante Klangfarbe. Steckte ein vorgefertigter Plan dahinter?
Ich wollte für das Album einen „akustisch” gefärbten Sound haben, doch im Laufe der Produktion wurde mir klar, dass ich den Songs mit Stromgitarren-Overdubs und einigen weiblichen Backing Vocals noch etwas Licht und Schatten hinzufügen konnte, um sie melodisch und harmonisch interessanter zu gestalten. Die Akustikgitarre sorgt so für das Hauptgerüst der Musik, das von der elektrischen Gitarre durchbrochen wird, wodurch Spannung und Atmosphäre entstehen.

Folk hat in den letzten Jahren in verschiedenen Formen ein Comeback erlebt. Fühlst du dich dem Genre verpflichtet?
Ich zögere, meine Musik „Folk“ zu nennen, weil ich darunter in erster Linie traditionelles Liedgut, und nicht akustisch-basierte Musik generell verstehe. Natürlich greife ich auf viele Folk-Traditionen zurück, aber ich bin kein Folk-Künstler wie etwa Martin Carthy, dessen Hauptinteresse darin zu bestehen scheint, traditionelle Lieder zu überarbeiten und weiterzutragen. Anstatt dieses „Ein neues Bild im alten Rahmen“-Ansatzes geht es mir eher darum, ein völlig neues Bild zu malen, auch wenn ich bisweilen auf die alte Farbpalette zurückgreife.

Wie bist du überhaupt zu dieser Art Musik gekommen?
Mein Interesse erwachte, als ich im Teenageralter akustische Songs auf den Platten von Heavy-Rock-Bands wie Led Zeppelin entdeckte. Als ich zum ersten Mal ›Black Mountain Side‹ hörte, war ich vollkommen baff, dass letztlich nur eine einzelne Akustikgitarre für diesen Sound verantwortlich war. Später fand ich heraus, dass Jimmy Page das Arrangement des Songs von Bert Janschs ›Black Waterside‹ kopiert hatte. Das führte mich zu Janschs Band Pentangle, gemeinsam mit Fairport Convention und Steeleye Span die Speerspitze des British Folk der 60er. Die Fäden begannen zusammenzulaufen, und bald war ich nach Richard Thompson genauso verrückt wie zuvor nach Black Sabbath.