Das letzte Wort: Elvis Costello im Interview

Elvis Costello InterviewDeclan Patrick MacManus, besser bekannt als Elvis Costello, ist ein Phänomen: Der 64-Jährige war kommerziell nie erfolgreich, genießt aber unter Kritikern wie Kollegen extrem hohes Ansehen. In den letzten fünf Dekaden hat der Brite mit Wohnsitz Los Angeles mit Gott und der Welt gearbeitet – von Paul McCartney bis Burt Bacharach. Zudem ist er ein permanenter Grenzgänger zwischen Pop- und Hochkultur, hat mehrere Klassik- und Filmprojekte realisiert bzw. stand auch selbst vor der Ka­­mera. Ein kreativer Tausendsassa, aber auch ein Exzentriker und eine launische Diva. CLASSIC ROCK hat Glück – zur Veröffentlichung seines neuen Albums LOOK NOW präsentiert sich Elvis von seiner Schokoladenseite.

Im letzten Sommer hast du deine Europatournee wegen einer Krebserkrankung absagen müssen. Wie geht es dir jetzt?
Besser. Ich habe eine schwere Operation hinter mir, und es scheint alles gut verlaufen zu sein. Aber: Es ist irre, wie viel Aufmerksamkeit man als Künstler erfährt, wenn man krank ist. Das ist fast unangenehm – als müssten plötzlich alle ganz nett und zuvorkommend sein. Ich denke, ich hätte es vorgezogen, wenn das gar nicht publik geworden wäre.

LOOK NOW ist dein erstes Album seit acht Jahren – warum die lange Pause?
Weil ich sie brauchte. Eben eine Auszeit von dieser Tretmühle aus Albumproduktionen und Tourneen, bei der man so viele Projekte, an denen man gerne arbeiten würde, auf die lange Bank schieben muss, weil keine Zeit dafür ist. Sprich: Ich musste alles andere ausbremsen, um Dinge machen zu können, die mir wichtig sind, aber zu denen ich sonst einfach nicht komme.

Das klingt wie ein Manöver zur Selbstverwirklichung?
Oder zur Selbsterhaltung. Denn: Es hat mich wahnsinnig gemacht, zig Sachen, die ich vor mir hergeschoben habe, nicht umsetzen zu können. Ein fast schon normales Leben in Los Angeles zu führen – mit meiner Familie und einem Job als Radiomoderator – hat mir die Gelegenheit gegeben, an Soundtracks, Musicals und einigen netten Kollaborationen zu arbeiten. Ich habe das sehr genossen.

Warum bist du dann wieder rückfällig geworden?
Weil die Konzerte, die ich letztes Jahr mit den Imposters gespielt habe, so gut waren, dass wir uns sagten: „Da müssen wir noch mehr machen – lasst uns eine Platte aufnehmen.“ Das haben wir getan – in gerade mal drei Wochen und für ein geradezu lächerliches Budget. Aber hey, das ist die moderne Musikindustrie.

„Wahrscheinlich heißt es auf meinem Grabstein: ‚Deutschland war sein Waterloo.‘ Na ja, es ist gibt Schlimmeres…“

In der du wie ein Dinosaurier wirkst: Du machst seit 41 Jahren Alben statt Tracks und bist ein Singer/Songwriter alter Schule. Wie kommt du mit dem digitalen Zeitalter, mit Streams und sozialen Medien klar? Fühlst du dich in der modernen Musikwelt nicht völlig de­­platziert?
Nein! Und wenn die Leute meine Songs in irgendwelchen Streaming-Playlisten entdecken, ist das okay. Denn: Die Zeiten haben sich geändert. Es wird nie wieder so sein, wie es mal war. Was für jede Innovation in der Welt der Tontechnik gilt. Zuerst hat das Radio die Schellackplatten abgelöst, dann hat das Album-Format das Radio herausgefordert. An­­schließend war die Single das große Ding, dann die Kassette, die CD. Der einzige Fehler war der Wechsel zur mp3 als Industrie-Standard, weil sie eine minderwertige Qualität hat und leicht zu kopieren ist. Von da ab haben die Leute den Sinn für den Wert der Musik verloren. Und auch das lässt sich nicht mehr korrigieren. Aber man kann immer noch Al­­ben machen, die von Herzen kommen – und schauen, was die Menschen damit anstellen.

Wirst du das neue Album eigentlich auch live vorstellen – trotz deines momentanen Gesundheitszustands?
Auf jeden Fall! Obwohl: Deutschland ist so eine Sache. Wenn man mich dort einlädt, okay. Aber: Ich habe nicht vor, mich weiter anzubiedern.

Wie meinst du das?
Dass ich keine Zugeständnisse mehr machen werde, nur um vor einem deutschen Publikum spielen zu dürfen. Letztes Mal habe ich es lediglich nach Hamburg und Frankfurt geschafft – mehr Nachfrage schien es nicht zu geben. Und das hat meiner Meinung nach mit den Veranstaltern zu tun, die diese Termine buchen, aber nicht recht wissen, wer ich bin und wer mein Publikum ist. Zumindest erreichen sie es nicht. Deswegen spiele ich dort nie richtig große, ausverkaufte Konzerte. Dabei war ich zweimal im Rockpalast – 1978 und 1983. Das sind normalerweise prestigeträchtige Shows, die die Karriere eines Künstlers ankurbeln. Nur nicht bei mir. Dabei war der ’78er Auftritt der Attractions einer der besten. Wenn ich ihn mir heute anschaue, denke ich: „Wow, was haben wir denn da geschluckt?“ Wir waren unglaublich energetisch – so jung und so druckvoll. Wenn ich das als Rockfan sehen würde, würde ich durchdrehen. Aber nicht die Deutschen. Die ignorieren mich einfach.

Hast du eine Erklärung dafür?
Wenn ich sie hätte, würde ich etwas ändern. Leider ist mir das völlig schleierhaft. Wahrscheinlich heißt es auf meinem Grabstein: „Deutschland war sein Waterloo.“ Na ja, es ist gibt Schlimmeres…

Zum Beispiel?
Eine 80s-Revival-Tour mit den ganzen Eintagsfliegen der 80er. Dann würde ich mir die Kugel geben.

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