Eric Clapton 2010 (2)Mit seinem 19. Studioalbum überrascht Eric Clapton sich selbst genauso wie seine Fans.

Es ist gar nicht so leicht, Eric Clapton zu sein“, hat Steve Ferrone, seit einigen Jahren Inhaber des DrumJobs bei Tom Petty’s Heartbreakers, aber von 1987 bis 1994 Trommler in Slowhands Band, kürzlich in einem Interview gesagt: „Vor allem auf Tour hat er einen riesigen Druck – er muss jeden Abend da rausgehen und dieser Legende vom Gitarrengott gerecht werden. Er muss diese ganzen Soli spielen und die Leute damit umhauen, sonst sind sie nachher enttäuscht. Ein echt tougher Job.“

Die hohe Erwartungshaltung des verehrten Konzertpublikums sind allerdings nicht das einzige Problem, das der britische Superstar mit seiner riesigen, inzwischen locker drei Generationen umfassenden Anhängerschaft hat: Weil sie sich über einen Zeitraum von inzwischen mehr als 40 Jahren und durch verschiedene Wellen und Anlässe angesammelt hat, ist sie ziemlich heterogen zusammengesetzt: Da sind die eingefleischten Blues-Afficionados, die „Slowhands“ Weg zum Teil schon seit seiner Zeit bei den Yardbirds und John Mayalls Bluesbreakers Mitte der sechziger Jahre mitverfolgen und am liebsten nur Alben wie das aus Bluescovers zusammengestellte FROM THE CRADLE von 1994 oder sein gemeinsames Werk mit B.B. King RIDING WITH THE KING von ihm bekommen. Da sind aber auch jene, die vor allem den Übergitarristen aus der Zeit im virtuosen Powertrio Cream in ihm sehen und auf Hochleistungsrock von ihm warten. In den siebziger Jahren wuchsen ihm viele Fans mit einer Neigung zu Country-esken oder Laidback-Klängen im Fahrwasser von J.J. Cale zu, nach Live Aid in den Achtzigern schließlich eine ganze Generation von CD-kaufenden Freunden poppigen Mainstreamrocks (Freund und Kollege Pete Townshend nennt sie mit mildem, nicht ganz neidfreiem Spott „Eric’s Yuppies“). Und da wären dann noch jene abertausende, oft weibliche, Liebhaber romantischer Balladen, die durch Welthits wie ›Wonderful Tonight‹ oder ›Tears In Heaven‹ in Claptons Netz gingen. In Konzerten erkennt man sie gelegentlich daran, dass sie bei den ersten Tönen härter Fassungen von ›Crossroads‹, ›Cocaine‹ oder ›Sunshine Of Your Love‹ verschreckt zusammenzucken.

Weil Eric Patrick Clapton aber (trotz gelegentlich etwas bitterer Äußerungen über die Entwicklung des Musik-Business) alles andere als ein Zyniker ist, steht er vor jedem neuen Album wieder vor der Herausforderung, wie er all diesen unterschiedlichen Fan-Fraktionen und dann auch noch den eigenen künstlerischen Interessen gerecht werden soll.

Klar, ein Luxusproblem, das 99 Prozent aller Berufsmusiker liebend gerne hätten, aber dennoch kaum lösbar. Auch CLAPTON, sein 19. Studioalbum (Soundtrack-Arbeiten nicht eingerechnet), wird das nicht schaffen – seinem Erzeuger ist das durchaus bewusst: „Immer, wenn es daran geht, ein Album aufzunehmen, stehe ich entweder unter dem Druck, etwas Großes ausdrücken zu wollen oder gar nichts“­, sagt Clapton, der diesen Druck auch dadurch selbst noch für sich erhöht: „Ich glaube schon, dass ich noch ein ganz großes Album in mir habe. Nur wann und wie das zustande kommt, weiß ich nicht.“

CLAPTON, das zwischen Tourneen von Claptons regulärer Band in Europa und USA, gemeinsamen Konzerten mit Jeff Beck in Japan und der Europa-Tour mit Steve Winwood in Studios in Los Angeles und New Orleans aufgenommen wurde, ist nicht dieses Opus Magnum, aber ein schönes Werk mit ganz speziellem Charme. Den verdankt es auch einem Produzentenwechsel: Simon Climie, einst eine Hälfte des englischen Popduos Clime Fisher (›Love Changes Everything‹), der alle Clapton-Alben seit dem elektronisch angehauchten PILGRIM von 1998 als Produzent oder Co-Producer betreute, war bei vielen Clapton-Fans zunehmend in Ungnade gefallen, weil sie seinen Sound als zu glatt, mitunter steril empfanden (speziell für Claptons 2004er-Bluesalbum ME AND MR. JOHNSON ist dieses Urteil schwer von der Hand zu weisen). Er ist nicht mehr dabei, stattdessen teilte sich Clapton diesmal mit seinem langjährigen Tourgitarristen Doyle Bramhall II die Producercredits.

Der 42-jährige Texaner Bramhall, der u.a. mit Charlie Sexton eine Band namens The Arc Angels unterhält und zuletzt auch Sheryl Crows aktuelles Album 100 MILES TO MEMPHIS betreute, hat dem Album einen wesentlich organischeren, dabei aber technisch erstklassigen Sound verpasst. Verblüffender allerdings ist, was sich, vor allem bei den Sessions in New Orleans, musikalisch getan hat: Da zeigt Clapton zum ersten Mal in seiner langen Laufbahn eine Neigung zum traditionellen Jazz der New-Orleans-Prägung – vor allem mit zwei Songs aus dem Repertoire des legendären Pianisten Fats Waller (1904-1943): ›When Somebody Thinks You’re Wonderful‹ und vor allem das für Clapton ungewöhnlich fröhliche ›My Very Good Friend The Milkman‹ überraschen mit swingenden Second-Line-Rhythmen und munterem Jazzgebläse. Clapton begrüsst hier prominente Gäste wie Amerikas Supertrompeter Wynton Marsalis, den kommenden Jazzstar Troy Andrews aka Trombone Shorty an der Posaune, und den Pianisten und Produzenten Allen Toussaint, eine Art grauer Eminenz der New-Orleans-Szene. Wie gerade die eher auf härtere Rockklänge und Gitarrensoli fixierte Fraktion unter Claptons Fans auf diese Titel reagieren wird, ist schwer zu prognostizieren. Ähnlich verhält es sich mit den gefühlvollen Uralt-Jazzballaden ›How Deep Is The Ocean‹ und ›Autumn Leaves‹.

„Dieses Album war eigentlich so nicht beabsichtigt“, gibt Clapton zu. „Ich habe die Dinge einfach laufen lassen. Herausgekommen ist eine Sammlung von Songs, die nicht wirklich auf der Hand lagen. Für mich kamen sie überraschend und genauso wird es für die Fans sein.“ Ein Jazzalbum ist CLAPTON (der Titel wird sicherlich noch für Verwechslungen mit seinem 1970er-Debüt ERIC CLAPTON sorgen) natürlich dennoch nicht geworden. Da gibt es mehrere Titel von und mit J.J. Cale, die stilistisch ganz an das gemeinsame 2006er-Album THE ROAD TO ESCONDIDO anschließen. Und mit dem Opener ›Travelin’ Alone‹ und der Clapton/Bramhall-Komposition ›Run Back To Your Side‹ durchaus auch heftiger zupackende Bluesrock-Nummern. Balladenfreunde können sich an der ersten Single ›Diamonds Made From Rain‹ weiden, bei der Eric Claptons alte Freundin Sheryl Crow gastiert.

Viele Stücke des Albums sind bereits mehrere Jahrzehnte alt. Kein Novum bei Clapton, aber diesmal überwiegt ihr Anteil das neuere Material: „Ich liebe die Musik von älteren Künstlern“, sagt Clapton. „Wenn ich Musik höre, gehe ich in der Zeit zurück. Die meisten Leute versuchen herauszufinden, wie sie auf die Überholspur kommen. Ich gehe den umgekehrten Weg, ich möchte herausfinden, ob ich diese Musik von damals hinbekomme.“ ›That’s No Way To Get Along‹, in den zwanziger Jahren von Robert Wilkins geschrieben, ist einer dieser archaischen Songs – wer hört, wie Eric und Band hier zu Jim Keltners knochentrockenem Drumming abrocken, wird kaum Zweifel haben, dass der Mann, den sie „Gott“ nannten, es mal wieder „hinbekommen“ hat.