Foreigner: Bombastische Frischzellenkur

Es gibt zwar viele Rock-und-Klassik-Platten – in den seltensten Fällen funktionieren sie aber so fantastisch wie FOREIGNER WITH THE 21ST CENTURY SYMPHONY ORCHESTRA AND CHORUS. Mick Jones, Mitglied der Songwriters Hall Of Fame, sprach mit CLASSIC ROCK über das spannende, in Luzern aufgenommene Projekt und gibt einen von vielen Fans heißersehnten Ausblick auf ein neues Studioalbum von Foreigner.

Mick, FOREIGNER WITH THE 21ST CENTURY SYMPHONY ORCHESTRA AND CHORUS ist ein beeindruckendes Stück Musik. Wie lange schwebte dir dieses Projekt schon vor seiner Fertigstellung im Kopf herum?
Bei unserer letztjährigen Europatour stand ein Gastspiel in Luzern auf dem Rider. Der Leiter des dortigen Orchesters sprach mich kurz nach der Ankündigung dieses Trips in die alte Welt an und meinte, wenn ich es jemals in Erwägung zöge eine Kombination aus Rock und Klassik auf eine Bühne zu bringen, solle ich mir mal seine Musiker und Sänger anhören. In mir schlummerte schon eine gefühlte Ewigkeit der Wunsch nach einem solchen Livealbum und er machte sofort Zusagen für eine größtmögliche Besetzung aus Chor und Orchester. Ich dachte nur „Wow!“ – wenn nicht jetzt wann dann?!

Die Arrangements entstanden in Kooperation mit den Grammy- nominierten Klassikkomponisten Dave Eggar und Chuck Palmer und dauerten knapp ein Jahr.
Die Zwei sind verdammt talentiert und wir tüftelten sofort die richtige Balance zwischen den beiden Welten aus. Mit der Vorarbeit, die das Duo zuhause in den USA leistete, machten sie es uns bei der Ankunft in der Schweiz sehr leicht, denn alles war bis ins kleinste Detail perfekt ausgearbeitet. Natürlich war die Vorbereitungszeit vor der Livepremiere ein Riesen-Projekt, denn die Proben dauerten trotzdem knapp eine Woche. Aber es versprühte et­­was Magisches, dass ich nicht in Worte fassen kann.

Im Gegensatz zu anderen Platten dieser Art ist FOREIGNER WITH THE 21ST CENTURY SYMPHONY ORCHESTRA AND CHORUS in keinem Moment überladen.
Natürlich war das eine zeitintensive Gratwanderung, als wir in New York an der Ausarbeitung saßen. Es gab unzählige Soundtests, denn ich wollte keinesfalls eine dieser Scheiben, bei denen des Orchester die Band erschlägt oder umgekehrt ein paar Rocker all die klassischen Instrumente stören. Ich denke mal, dass ich die Quintessenz des Unterfangens recht gut getroffen habe und bin mit dem Endergebnis persönlich sehr zufrieden.

Da Deutschland für euch ein Schlüsselmarkt ist: Planst du Orchestershows für den deutschsprachigen Raum?
Momentan sind solche Auftritte nur für die USA auf der Agenda, aber Deutschland steht für zukünftige Konzerte dieser Art ganz oben auf der Liste. Selbstverständlich kostet so ein Unterfangen etwas mehr Zeit als eine normale Tournee und hat einen erheblich höheren Or­­ganisationsaufwand. In mir schlummern da­­für auch schon ein paar coole Ideen, denn ich liebe Experimente und möchte das Projekt etwas voran und eventuell in einen weitere Richtung führen. Sobald ich diesen Gedanken irgendwo in den Raum stelle, sind die Reaktionen darauf sehr positiv, weswegen es mit ganz großer Sicherheit in der nahen Zukunft bei euch definitiv solche Gigs geben wird.

FOREIGNER WITH THE 21ST CENTURY SYMPHONY ORCHESTRA AND CHORUS wurde zwei Monate nach der Wiederveröffentlichung des legendären FOREIGNER (1977) aufgenommen. Kannst du dir eine Konversation zwischen dir anno 2018 und dem Mick von 1977 vorstellen?
(lacht) Die beiden würden wahrscheinlich übers heiraten, Kinder und Scheidungen philosophieren – eben all die Dinge, die das Leben so mit sich bringt. Natürlich gäbe ich ihm den Rat, mit seinen Ohren am Puls der Zeit zu lauschen und neue Strömungen und Künstler wahrzunehmen. Heutzutage halten mich glücklicherweise meine Kids auf Trab und zeigen mir Musik, die ich selbst nie entdeckt hätte. Abschließend könnte ich noch anfügen, dass er auch in der zweiten Dekade des 21. Jahrhunderts immer noch Musiker ist und trotz einiger Unwegsamkeiten auf diesem Planeten wandelt.

Foreigner lagen ja ein paar Jahre komplett auf Eis. War es für dich vor dem Neubeginn ein Wagnis, mit einer komplett neuen Band, bestehend aus großartigen Mitstreitern wie Kelly Hansen (Hurricane) oder Jeff Pilson von Dokken, noch einmal durchzustarten?
Als das erste Kapitel Foreigner unwiderruflich zu Ende war, stand ich an einem musikalischen Scheideweg und wusste nicht wirklich, wie es weitergehen sollte. Irgendwann sprach mich Jason Bonham an, wann ich wieder meine Songs live spielen würde. Er ermutigte mich damals mit seinen Worten so sehr, dass ich es zum ersten Mal nach einer gefühlten Ewigkeit überhaupt wieder in Erwägung zog Foreigner zu reanimieren. Wir fingen an zu jammen – Jason am Schlagzeug und ich an der Gitarre – und es fühlte sich richtig an. Stück für Stück stellten Bonham und ich die Band zu­­sammen, als diese stand, spielten wir in kleineren Venues, um vor Publikum warm zu werden. 2005 gab es allerdings noch kein Classic-Rock- Radio oder die inzwischen allsommerlichen Classic-Rock-Doppelheadliner-Tourneen in den USA. Dieser Umstand spornte uns aber nur noch mehr an. Foreigner rockten sich sprichwörtlich die Ärsche ab, um wieder den alten Status zu er­­reichen. Ohne die Hingabe meiner Bandkollegen hätte dieses Vorhaben nie geklappt. Sie waren und sind mit ihren Herzen voll bei der Sache und es macht schlichtweg Spaß mit den Jungs zu reisen, Konzerte zu spielen und damit einhergehend ein neues, tolles und erfolgreiches Kapitel in der Geschichte Foreigners zu schreiben. In der Retrospektive bin ich für diese zweite Chance sehr dankbar und voller Demut.

Euer letztes Studioalbum CAN’T SLOW DOWN (2009) liegt bereits neun Jahre zurück – wird es in ab­­sehbarer Zeit neues Material zu hören geben?
Ja! Allerdings nicht vor Herbst oder Winter 2018. Lou (Gramm, ehemaliger Foreigner-Sänger; Anm.d.A.) und ich schrieben ein paar Stücke kurz vor unserem Split und die sind verdammt gut. Daneben gibt es aktuell vier, fünf Ideen, die auf den Demos klasse klingen, aber etwas härter sind als die Songs unseres Backkatalogs. Es ist nach meinem Verständnis kraftvoller Hardrock. Die neuen Tracks sind aber gerade erst in der Entstehungsphase, weswegen ich noch nichts Genaueres darüber sagen kann.

Du hast gerade Lou Gramm angesprochen – ist er auf der kommenden LP zu hören?
Nun, Gramm hatte neben anderen ehemaligen Mitgliedern einige Gastauftritte bei Foreigner im Zuge des 40. Bandjubiläums. Am Anfang gab es von meiner Seite aus Bedenken, ob diese Mischung aus neu und alt klappt…es gestaltete sich aber großartig und es wird auf je­­den Fall weitere Features dieser Art und einige Überraschungen für die Zukunft geben.

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