Titelstory: Gary Moore (04.04.1952–06.02.2011)

Gary MooreUnd die Welt war um ein musikalisches Genie ärmer: Einer der einflussreichsten Gitarristen der vergangenen Jahrzehnte würde der Szene fortan fehlen. Gary Moore verstarb in der Nacht zum 6. Februar im südspanischen Urlaubsort Estepona in seinem Hotelzimmer. CLASSIC ROCK fragte damals nach den Gründen für das plötzliche Ableben des 58-jährigen Briten, bat Kollegen darum, ihre Trauer zum Ausdruck zu bringen, und ließ Gary Moore zudem in einem Interview aus dem Jahr 2009 noch einmal selbst zu Wort kommen. In unserer Rubrik „Lebenslinien“ sprach der Saitenkünstler über seine eigenen Idole und verriet Details der spannenden Begegnungen, die er in seiner Musikerkarriere erleben durfte.

Der Schock saß tief: In der Nacht zum 6. Februar starb Gary Moore im Hotelzimmer eines Feriendomizils an der spanischen Costa Del Sol. Die Ursache für das Ableben des nordirischen Rockgitarristen ist zunächst unklar. Inzwischen geht man von einem natürlichen Tod nach einem Herzinfarkt aus – doch zwischenzeitlich gibt es Gerüchte, die besagen, dass der Musiker an seinem Erbrochenen erstickt sei, nachdem er am Abend zuvor in der Bar des Kempinski Hotels in Estepona größere Mengen Alkohol getrunken habe. Ein Hotelbediensteter erzählt nämlich, dass Moore und seine Freundin am Samstag ursprünglich im Restaurant des Hotels essen wollten, dann jedoch – weil das Lokal bereits geschlossen war – Sandwiches und eine Flasche Champagner in der Bar bestellten. Später am Abend soll das Paar ein paar Brandys getrunken und die Bar um 23.00 Uhr gut gelaunt verlassen haben. Am Sonntagmorgen gegen vier Uhr ruft Moores Freundin Hilfe – denn ihr Partner liegt leblos im Hotelzimmer. Die eilig herbeigerufenen Ärzte können bei dem Musiker jedoch nur noch den Tod feststellen.

Mit Gary Moore verlässt uns einer der wichtigsten und einflussreichsten Gitarristen der Rockgeschichte. Ein Musiker, der sich stilistisch nie endgültig festgelegt, sondern in den Bereichen Blues, Hard Rock, Fusion, aber auch in moderneren Spielweisen eine exzellente Figur gemacht hat. Moore spielte eine fesselnde Sologitarre und verfügte zudem über eine markante Stimme, die vor allem in seinen ruhigeren Stücken ihre volle Pracht entfaltet.

UMZUG FÜR DEN ROCK-RUHM
Die musikalische Laufbahn von Robert William Gary Moore, der am 4. April 1952 im nordirischen Belfast zur Welt kam, beginnt 1963 mit seiner ersten Akustikgitarre, einer Framus mit Cello-Korpus. Das Instrument ist eigentlich zu groß für den Knirps und hat zudem Stahlsaiten, die der junge Gary kaum herunterdrücken kann. Mit 14 erhält er eine Original-Fender Telecaster und gründet kurz darauf seine erste Schulband. „Als Kind musste ich immer herhalten, wenn es darum ging, jemanden zu ärgern“, erzählte Moore, „doch mit der Gitarre trat etwas in mein Leben, das gut für mich war. Fortan spielte ich nicht mehr draußen, sondern saß zu Hause und übte.“ 1969, Moore ist noch keine 17 und gerade nach Dublin gezogen, stößt er zur Band Skid Row, bei der ein gewisser Phil Lynott singt. Nach der Veröffentlichung zweier Alben (SKID, 1970 und 34 HOURS, 1971) formiert Moore zunächst die eigene Gary Moore Band, folgt jedoch nach nur einer Scheibe (GRINDING STONE, 1973) dem Ruf seines ehemaligen Mitstreiters Lynott und geht zu Thin Lizzy.

Mitte der Siebziger holt ihn schließlich Jon Hiseman zu Colosseum II – ein Schritt, den er schnell bedauert: „Wir suchten mehr als anderthalb Jahre lang einen Keyboarder und einen Bassisten, veranstalteten unzählige Auditions und spielten immer die gleichen drei Songs. Als wir die Platte endlich aufnahmen, konnten Hiseman und ich diese drei verdammten Tracks nicht mehr hören“, erinnert sich Moore später. „Wir produzierten sie zwar trotzdem, doch keiner wollte sie hören. Es war generell eine miese Zeit damals: Ich besaß kein Geld, Jon gab mir immer nur so viel, dass ich mir das Ticket für die Fahrt zum Proberaum leisten konnte. Ich nahm also meine Les Paul unter den Arm und fuhr jeden Tag mit dem Bus zu Jon. Man muss sich das mal vorstellen: Das war schon in den Siebzigern, und ich hatte schließlich bereits in mehreren Bands gespielt. Und nun musste ich wieder ganz von vorne anfangen.“

Moore veröffentlicht dennoch drei Alben mit Colosseum II (STRANGE NEW FLESH, 1976; ELECTRIC SAVAGE, 1977; WAR DANCE, 1977), kehrt aber schließlich zu Thin Lizzy zurück, um mit Lynott das Album BLACK ROSE: A ROCK LEGEND (1979) einzuspielen.

Doch auch in dieser Phase, in der Alben entstehen, die heute als die be-sten der glorreichen Band gelten, läuft nicht alles glatt für Moore: „Thin Lizzy waren eine tolle Band, aber Phil hatte eben auch negative Seiten, mit all seinen Drogen und dem ganzen Scheiß.“ Noch während der Aufnahmen zum Lizzy-Opus unterschreibt Moore deshalb einen Solo-Plattenvertrag. BLACK ROSE und sein eigenes Album BACK ON THE STREETS mit dem legendären ›Parisienne Walkways‹ kommen fast zeitgleich auf den Markt. Anschließend gründet er die kurzlebige Formation G-Force und spielt auf zwei exzellenten Alben der Greg Lake Band (GREG LAKE, 1981 und MANOEUVRES, 1983), zudem erscheint das 1982er-Japan-Album GARY MOORE.

EIGENINITIATIVE ALS ERFOLGSPRINZIP
Anfang der Achtziger schließt Moore schließlich einen neuen Vertrag als Solokünstler ab und zwar mit Virgin Records. Als erste Produkte dieser mehr als 15 Jahre anhaltenden Kollaboration erscheinen CORRIDORS OF POWER (1982), die drei Live-Alben LIVE AT THE MARQUEE (1983), WE WANT MOORE! (1984) und ROCKIN’ EVERY NIGHT – LIVE IN JAPAN (1986), außerdem die Studiowerke VICTIMS OF THE FUTURE (1984) und DIRTY FINGERS (1984). Allerdings ist Moore mit den jeweiligen Sängern dieser Werke nicht zufrieden, sodass er nach der Zusammenarbeit mit Glenn Hughes (ehemals Deep Purple) auf dem 1985er-Werk RUN FOR COVER den Entschluss fasst, sich fortan selbst hinters Mikro zu stellen: „Es nervte immer, wenn ich es mit so genannten ‚großen Sängern‘ zu tun hatte. Ich wartete stundenlang im Studio auf sie. Als sie dann endlich da waren, hoffte ich, nun endlich die großartigsten Gesangseinlagen hören zu können. Doch dann hatten die Leute irgendwelche Wehwehchen und schafften gerade mal eine einzige Zeile.“

RUN FOR COVER avanciert zum weltweiten Erfolgsalbum, speziell aufgrund der Songs ›Empty Rooms‹ und ›Out In The Fields‹. Letzteres Stück ist Moores finale Kooperation mit Phil Lynott, der am 4. Januar 1986 stirbt. Und sie beschert dem Gitarristen sogar einen Top-Ten-Hit. RUN FOR COVER stellt gemeinsam mit dem nachfolgenden Werk WILD FRONTIER (1987) Moores endgültigen Durchbruch als Rockgitarrist dar. Von WILD FRONTIER, einer Platte mit starken keltischen Einflüssen, erschienen gleich fünf Single-Auskopplungen, darunter ›Friday On My Mind‹, eine kraftvolle Version des Easybeats-Klassikers. „WILD FRONTIER ist ein tolles Album, und diese Ära war generell eine überaus ereignisreiche Zeit für mich: Mein erster Sohn wurde geboren, Phil Lynott schied aus dem Leben, und ich war kurz zuvor wieder in meiner Heimatstadt gewesen. Ein Auf und Ab. Alle diese Eindrücke spiegeln sich auf WILD FRONTIER wieder. Es hat auch die stärksten traditionellen Einflüsse aller meiner Veröffentlichungen, wie man vor allem in ›Over The Hills And Far Away‹ oder auch ›Johnny Boy‹ hört.“

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