Geroge Harrison (1)Beatles zu emanzipieren: Apfeljahre sind keine Herrenjahre! Oder etwa doch?

Schon erstaunlich, wie vor Dekaden aus Unwis-senheit und schnöder Oberfläch-lichkeit verabreichte Klischees als Etiketten an einem Künstler haften bleiben: Als „stillen Beatle“ titulierten Medien zu Zeiten der Beatlemania den Jüngsten der Liverpooler Fab Four. Doch in der Dokumentation LIVING IN A MATERIAL WORLD gab George Harrison alles andere als einen stillen und zurückgezogenen Charakter ab. Selbst dann, wenn er den ganzen Tag meditierte. Gegen die Übermacht des Frontduos Lennon/McCartney konnte sich Harrison nur mühsam durchsetzen. Weder war George so gefallsüchtig wie Paul, noch versuchte er sich und seine damalige Frau Pattie Boyd als weltweites Trademark mit spektakulären Aktionen zu etablieren, wie John es mit Yoko tat. Aber Harrison war 1968 der erste und sieben Jahre später auch der letzte Beatle, der ein Album auf hauseigener Marke Apple veröffentlichte. Sechs Solowerke lieferte Harrison für die Hausmarke mit höchst unterschiedlichem Inhalt, Akzeptanz und Erfolg. Der Auftakt WONDERWALL MUSIC, Soundtrack zu Joe Massots Flower-Power-Kinofilm von 1968, empfahl sich als Kind seiner Ära. Ein in weiten teilen instrumentales Werk, das sich aus fernöstlichem Sitarzirpen und hypnotischem Tabla-Getrommel, aber auch aus psychedelischen E-Gitarren und rückwärts Abgespieltem speist. Als Aushilfen im Studio fungierten unter der Ägide von Pianist und Arrangeur John Barnham The Remo Four, Eric Clapton, Ringo Starr, Big Jim Sullivan, Monkee Peter Tork sowie ein Dutzend indischer Musiker. Harrisons frisch erworbener Moog-Synthesizer stand im Mittelpunkt von Solowerk Nummer zwei, dem zweiten und letzten für den kurzlebigen Experimentalableger Zapple: ELECTRONIC SOUND. Zwei epische Stücke nahmen jeweils eine Seite ein. Während ›Under The Mersey Wall‹ in Harrisons Bungalow in Esher im Februar 1969 „With The Assistance Of Rupert And Jostick, The Siamese Twins“ entstand, entbrannte um das in Kalifornien im November 1968 aufgezeichnete ›No Time Or Space‹ alsbald ein Rechtstreit, als der als Assistent erwähnte Bernie Krause monierte, er allein zeichne sich für die 25-minütige Klangcollage verantwortlich, die er Harrison lediglich als Demonstration des Modells Moog III vorgespielt hätte, ohne zu ahnen, das sein Gegenüber Aufzeichnungen davon mache. Bei so viel Lärm um Nichts, passte das im Innencover gemachte Zitat von Arthur Wax wie Arsch auf Eimer: „There are a lot of people around, making a lot of noise; here’s some more“. Stets marginalisiert fühlte sich Harrison im Schatten von Lennon und McCartney – ob das mit Absicht geschah oder aber schlicht als rudimentäres Gruppenritual aus der Beatles-Frühzeit gedeutet werden muss, als er noch minderjährig war, bliebe zu diskutieren. Ein Gefühl der Erleichterung durchlief ihn jedenfalls, als im April 1970 das Ende der Fab Four besiegelt wurde. Wie angenehm es sich mit Gleichgesinnten musizieren ließ, hatte er ja schon bei Sessions mit Bob Dylan & The Band im Big Pink in Woodstock erfahren. Mit Eifer machte sich der von der indischen Philosophie beseelte Teilzeit-Asket in Co-Produktion mit Phil Spector an jenen Meilenstein, der im Triple-LP-Box-Format ALL THINGS MUST PASS 1970/71 weltweit der damaligen Jesus-Welle als Soundtrack diente. Mit Staraufgebot (u.a. Eric Clapton, Ringo Starr, Billy Preston, Gary Wright, Klaus Voormann, Badfinger, Delaney, Bonnie & Friends) füllte das Mammutwerk das von den Beatles hinterlassene Vakuum. ›My Sweet Lord‹, das aufgrund zur Ähnlichkeit mit ›He’s So Fine‹ von The Chiffons abermals einen Urheberrechtsstreit nach sich zog, platzierte sich wie auch das Album dies- und jenseits des Atlantiks auf der Pole Position. Noch heute gut ins Ohr gehen ›Wah-Wah‹, ›What Is Life‹ und ›Isn’t It A Pity‹. Erstklassig auch das in Co-Autorenschaft mit Dylan entstandene ›I’d Have You Anytime‹. Aus der Feder von His Bobness allein stammt ›If Not For You‹. Allerdings wiesen die 105 Minuten Spielzeit an einigen Stellen auch deutliche Längen auf. Sechsfaches Platin allein in den USA – ein Rekord, der sich drei Jahre später auf den Nachfolger LIVING IN A MATERIAL WORLD nicht übertragen ließ. Tönten doch die elf Originaltracks, darunter ›Give Me Love (Give Me Peace On Earth)‹, ›The Lord Loves The One (That Loves The Lord)‹ und ›The Light That Has Lighted The World‹, nicht halb so raffiniert wie der Vorgänger. Dank Hindu-Spiritualität, Krishna-Be-wusstsein, A.C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada und auch unter Eindruck des von Harrison organisierten CONCERT FOR BANGLADESH durchzog meditative Erleuchtung nahezu sämtliche Tracks. Dabei legten sich Harrisons Schwächen offen: flacher Gesang in faden Arrangements für mediokre Kompositionen – daran änderte auch die illustre Studiobesetzung nichts. Schwarzer Humor zeigte sich zumindest im ›Sue Me, Sue You Blues‹, der sowohl die Prozesse der ehemaligen Beatles als auch den Plagiatsfall thematisierte, sowie das mit Ronnie Spector aufgezeichnete ›Try Some, Buy Some‹. Und mit ›Be Here Now‹ findet sich schon der zweite Songtitel nach WONDERWALL, den Oasis zukünftig kapern sollten. Mit DARK HORSE vom Dezember 1974 setzte sich die Demontage weiter fort: Als Gattin Pattie zu Harrison-Spezi Eric Clapton floh, kompensierte sich der Verlust in der ersten US-Tournee eines Ex-Beatle seit 1966. Fatale Kritiken flogen George, der sich eine komplizierte Laryngitis eingefangen hatte, sowie Gast Ravi Shankar um die Ohren, obwohl doch der instrumentale Album-Opener so fröhlich zu ›Hari’s On Tour (Express)‹ einlud. Im Hintergrund spulte sich eine dramatische Soap Opera ab, als der „stille George“ außerehelichen Kontakt mit u.a. Maureen Starr und Krissie Wood tätigte und die pikante Frage aufwarf: Wer mit wem wann und wo? Ron Wood hatte seine Finger im Spiel bei der Komposition ›Far East Man‹. „Old Clapper“, Eric Clapton, wird zumindest namentlich erwähnt in einer neu getexteten und umgearbeiteten Fassung von Everly Brothers’ ›Bye Bye Love‹. ›Simply Shady‹ lautet der einhellige Tenor auf Song Nummer zwei und fasste in profunder Kernaussage die Lage zusammen. ›Ding Dong, Ding Dong‹ operierte mit Turmuhrschlag von Londons Big Ben. Mit finalem ›It Is ‚He‘ (Jai Sri Krishna)‹ fehlt auch nicht die allgegenwärtige Erleuchtung. Lennon hatte zeitlich parallel sein „Long Lost Weekend“, Harrison benannte seine Ausschweifungen „The Naughty Period“. EXTRA TEXTURE (READ ALL ABOUT IT), finales Werk für Apple, bevor Mr. Harrison sein eigenes Label Dark Horse aus der Taufe hob, kam nach Tour-Debakel und Ehe-im-Eimer-Fiasko ganz ohne spirituelle Botschaften aus. Mit gehöriger Portion Soul im Getriebe und mittels US-Session-Elite (u.a. Saxofonist Tom Scott, Pianist David Foster) zumeist in den A & M von Los Angeles eingespielt, reihte es sich als recht eigenwilliges Werk ein: ›The Answer’s At The End‹ tönt ein wenig wie ›Something‹, ›(This Guitar) Can’t Keep From Crying‹ weist nicht nur im Titel Ähn-lichkeiten zu ›While My Guitar Gently Weeps‹ auf. Vergleiche mit dem finalen Beatles-Werk LET IT BE drängen sich auch dank streicherverhangener Pro-duktion auf. Doch allzu schlaffes Songmaterial hebt den stilistischen Ausbruchsversuch dann eben doch nicht merklich über den guten Durchschnitt hinaus. Eine DVD mit unveröffentlichtem Videomaterial liegt der von Sohn Dhani Harrison und Paul Hicks remasterten Box bei.