giantsand-4_bwStatt sich zum 25. Geburtstag von Giant Sand eine Torte schmecken zu lassen, das neue Album BLURRY BLUE MOUNTAIN zu preisen und einfach das Leben zu genießen, ist Howe Gelb auf Krawall gebürstet. Zumindest, wenn es um das Thema „Wüste“ geht.

Calexico sind eine sehr, sehr beliebte Band. Vor allem in Deutschland dürfte man nur wenige Musikfreunde finden, die deren an- geblicher „Wüstenmusik“ wirklich abgeneigt sind. Umso er- frischender ist es, sich mit Howe Gelb zu unterhalten. Denn Howe Gelb hat, gewissermaßen versehentlich, Calexico erfunden: Was seine Band Giant Sand früher einmal gemacht hat, war Calexico „avant la lettre“. Für zwei, drei Alben klangen Giant Sand tatsächlich nach Weite, Staub und struppig vorbeihoppelnden Steppenhexen. Howe Gelb war es, der diesen extrem erfolgreichen Sound zwischen Ennio Morricone und staubigem Folk definiert hat – um dann, wie es sich gehört, andere Pfade einzuschlagen, sich weiterzuentwickeln.

Seine beiden Bandmitglieder John Converti-no und Joey Burns aber witterten damals eine Marktlücke und ein Geschäftsmodell. Sie beschlossen, Giant Sand zu verlassen. Und dabei nahmen sie den patentierten Wüstensound mit, nannten sich fortan Calexico, mieteten sich ein paar deutsche Musiker dazu – und wurden damit vor allem hierzulande sehr, sehr erfolgreich. „Erfolgreicher jedenfalls, als wir es uns mit Giant Sand jemals erträumt hätten“, sagt Howe Gelb, seufzt dabei vernehmlich und streicht sich unwirsch eine widerspenstige Haartolle aus dem Gesicht.

Eigentlich geht es darum, in aller Ruhe das herrlich spröde scheppernde neue Album von Giant Sand zu bewerben, BLURRY BLUE MOUN-TAIN. Kaum kommt das Gespräch aber auf Burns und Convertino, wird Howe Gelb ein wenig ungemütlich: „Ich meine: Wüstenmusik! Was soll das sein? Ihr in Deutschland seid es doch, die Calexico diesen Unsinn abkauft. Natürlich gibt es bei mir zu Hause in Tuscon, Arizona, diese unfassbare Wüste. Und natürlich kann diese Leere auch inspirierend sein, schließlich habe ich viel Zeit dort verbracht. Vor allem aber ist die Wüste voller Staub – wo man geht und steht. Niemandem, der diese Wüste aus eigener Erfahrung kennt, könnten Calexico ihre seltsame Spaghetti-Western-und-Dis-ney-Version davon verkaufen. Ich befürchte zudem, dass sie damit in einer Falle stecken. Neulich wollten sie mit GARDEN RUIN aus diesem Klischee aus­brechen. Und da wurde ihnen von der Kritik höflich mitgeteilt, dass es schon genug mittelmäßige Bands gibt, die mittelmäßigen Pop machen. Und was tun Calexico? Nehmen brav wieder ein ,Wüstenalbum‘ auf. Also, ich würde das nicht aushalten.“

Nein, in gegenseitigem Einvernehmen hat man sich wohl kaum ge­­trennt. Und der Schmerz über den Verlust der Mitstreiter ist noch deutlich spürbar. Er offenbart auch etwas über diesen Musiker, bei dem Melancholie sich mischt mit einem heiteren Fatalismus. Über 40 Platten hat er seit 1983 veröffentlicht, ist mit Neil Young, David Byrne, Bob Dylan und Captain Beef­heart verglichen worden. Das ist schon mehr, als andere erreichen – selbst wenn über all die Jahre und bei aller Reputation kein einziger Hit heraus­gesprungen ist: „Ich kann mich nicht beschweren. Ich komme ursprünglich aus einem Industrie-Revier in Pennsylvania. Bevor ich nach Tuscon ging, war eine Arbeit in der Fabrik alles, was in Zukunft für mich vorgesehen war. So gesehen hat die Wüste mein Leben verändert. Und die Gitarre. Der Gitarre verdanke ich alles. Und natürlich Rainer.“

Rainer, das ist Rainer Ptacek, geboren in der DDR und Szenegröße in Tuscon, nachdem seine Eltern in die USA emigriert waren. Ptacek war Gelbs Seelenverwandter und langjähriger Mitstreiter. Gelb spricht von ihm wie von einem großen Bruder: „Er wusste, dass er sterben würde“, sagt Gelb und spielt auf Ptaceks Gehirntumor an, „und doch arbeitete er 1997 so intensiv wie immer. Man kann förmlich hören, was er schon auf der anderen Seite, der Seite des Todes, gesehen hat. Das ist Größe.“

Größe ist auch die Fähigkeit, Großes zu leisten – und darüber zu schwei­gen. Jahrzehnte, bevor ein Josh Homme mit Kyuss und Konsorten „in die Wüste“ gegangen ist oder im Freak Folk plötzlich wieder „Kollektive“ musi­zierten, hat Howe Gelb in den achtziger Jahren das Prinzip der Gruppe mit offenen Grenzen kultiviert. An das Projekt Giant Sand konnte andocken, wer wollte. Und das waren über die Jahre nicht wenige: Steve Wynn, Julia­na Hatfield, PJ Harvey, Chris Cacavas, Kurt Wagner (von Lambchop), Lucin­da Williams, Lisa Germano… diese Liste ließe sich nun noch zentimeterweise fortsetzen.

Gelb seufzt wieder und erwähnt noch den unlängst eigenhändig aus dem Leben geschiedenen Vic Chesnutt: „Vic war der Großartigste. Niemand war so weit draußen, niemand konnte ihn stoppen, außer ihm selbst. Und das tat er dann leider Gottes auch. Aber es stimmt schon: Ich habe mich immer bemüht, frische Musiker zu holen, die Band für fremde Einflüsse offen zu halten, neugierig zu bleiben.“

Mit dem Begriff Americana kann er denn auch wenig anfangen. „Was wir ganz am Anfang gemacht haben, kam uns eigentlich vor wie Punk, hand­gemacht und wütend, mit Mut zur Dissonanz. Wenn ich mir das nun rück­blickend anhöre, erinnert es mich eher an den klassischer Rock aus den siebziger Jahren. So gesehen waren die Achtziger eine musikalische Wüste, in der wir etwas Neues machen konnten.“

War Howe Gelb schon immer klar, dass seine Musik dem Zahn der Zeit widerstehen würde? „Nein“, sagt er: „Im Gegenteil. Was ich mache, das ist immer im Moment geboren. Es muss sich jetzt gut anfühlen, sonst kann ich’s auch lassen. Nur wenn es das tut, dann kann es sich vielleicht auch in 25 Jahren noch richtig anfühlen.“
Klassisch im strengen Sinne von „wahr, schön und gut“ war das nicht immer, was Giant Sand produzierten: „Da war schon viel Trial-and-Error dabei“, räumt Gelb ein: „Der einzige Fehler, den ich nun wirklich nie gemacht habe, ist, irgendeiner Mode hinterherzuhecheln. Wobei, wenn ich mir Calexico anschaue: Gelohnt hätte es sich…“
Wobei Gelb auch ohne gigantische Tantiemen ein nicht unangenehmes Leben führt. Gelebt, gearbeitet und aufgenommen wird daheim in Tuscon oder – wie unlängst mit der Band Of Gypsies – auf einem Dach im spanischen Cordoba. In die Ferien aber fährt Howe Gelb mit seinen Kin­dern eigentlich nur noch nach Dänemark, die Heimat seiner Frau: „Erst neulich war ich dort wieder stundenlang unterwegs, spazieren, und weißt du was? Es kam mir dort vor wie in der Wüste, so weit und wild und leer. Aber es wäre gelogen, würde ich behaupten, dass die Einöde mich irgend­wie ,inspiriert‘. Das tut sie schon lange nicht. Es gab eine Zeit, da war ich wirklich lange in der Wüste, da habe ich mich wirklich darauf eingelassen, mit Drogen, und ich bin ehrlich gesagt froh, dass ich da wieder heraus­gefunden habe.“

Ist es nicht ein schmeichelhaftes oder wenigstens merkwürdiges Gefühl, heute als Vorreiter so vieler Genres und Konzepte gefeiert zu werden? „Ach“, seufzt Gelb ein weiteres Mal und lächelt: „Wer nur lange genug dabei ist, wird immer der Vorreiter von irgendwas sein.“