Jefferson Airplane © Jim Marshall Photography LLC

Vorhang auf für Grace Slick: Sie war im Bett mit Jim Morrison, befreundet mit Janis Joplin, wurde öfter verhaftet als Lemmy, nahm mehr Drogen als Amy Winehouse und fluchte wie ein Trucker.

 

Chicago Auditorium, 1973. Jefferson Airplane sind bereit, loszulegen. Ihre Sängerin Grace Slick scherzt bei diesem Heimspiel mit dem Publikum. „Ich will gerade anfangen, zu singen. Irgendein Typ in der Menge schreit: ‚Hey Gracie! Nimm den Keuschheitsgürtel ab!‘ Ich sehe ihn direkt an und sage: ‚Hey, ich trage nie Unterwäsche.‘ Ich hebe meinen Rock, um ihm meinen Busch zu zeigen, und das Publikum explodiert in Gelächter. Ich kann die Jungs hinter mir murmeln hören: ‚Oh Gott‘.“

Diese Geschichte ist, wie die meisten um das legendäre Pin-up Girl des „Summer Of Love“, kein überlieferter Mythos. Slick benutzte sie als Eröffnung ihrer Autobiografie „Somebody To Love? A Rock And Roll Memoir“, einer der lustigsten Erzählungen über die ganze West-Coast-Psychedelic-Szene, die je geschrieben wurden. „Ich rasierte meine Beine, aber ich sprach wie ein Trucker“, sagte sie. Sie war die Bohémienne, die eine Generation in den USA definierte. Und sie hatte, wie Patti Smith feststellte, dunkelviolette Augen wie Elizabeth Taylor.

Vier Jahrzehnte später ist die Galionsfigur der Monterey- und Woodstock-Kids so offenherzig wie eh und je. Größtenteils reuelos, hat diese Frau Jahre des Drogen- und Alkoholmissbrauchs überlebt, wurde mehrmals verhaftet (meistens wegen Trunkenheit am Steuer, aber einmal auch dafür, dass sie mit einer ungeladenen Pistole auf einen Polizisten zielte, der wegen Hausfriedensbruchs gerufen worden war) und hat ihr Bestes getan, die liberalen Werte der Baby-Boomer-Generation gegen die Staatsmacht zu verteidigen. Sie erschien einst bei einer informellen Party im Weißen Haus, veranstaltet von Tricia Nixon, der hippiefreundlichen Tochter des damaligen Präsidenten Richard Nixon (Grace und Tricia hatten beide das Finch College, ein prestigeträchtiges Mädchenpensionat in New York, besucht). Grace hatte ein Geschenk dabei – LSD in Pulverform, das sie in den Wodka Martini des Staatsoberhaupts mischen wollte. Leider wurde sie von den Sicherheitsleuten schon am Eingang abgewiesen, als ihnen klar wurde, dass sie Abbie Hoffman mitgebracht hatte, den Mitbegründer der anarchischen Yippies – und eine der höchsten Positionen auf der „Most Wanted“-Liste der CIA.

Zum Glück für die Gesetzeshüter hat Grace Slick dem Musikgeschäft den Rücken gekehrt, auch wenn sie bei einem Benefizkonzert für die New Yorker Feuerwehrleute des 11. Septembers auftrat – in einer Burka – und ein Stück für die Opfer der Ölkatastrophe in New Orleans schrieb. Heutzutage führt sie ein relativ ruhiges Leben in Malibu, einem Paradies für betuchte Rocker eines gewissen Alters. „Heute liegt Nebel über dem Ozean, also kann ich meine Nachbarn nicht sehen“, sagt sie. „Die meisten von ihnen sind berühmt, aber meine Freunde sind es nicht. Meine besten Freunde sind eine ehemalige Stewardess und ein Caterer. Die einzige berühmte Person, die ich kenne, ist David Crosby. Wir haben einander viele Male in Sachen Drogenprobleme gerettet, aber wir sind nun schon seit Langem nüchtern.“

Grace Slick war dafür vorgesehen, 1966 Jefferson Airplane als Ersatz für die erste Sängerin der Band, Signe Anderson, beizutreten, die gerade ihre Tochter Lilith auf die Welt gebracht hatte. Von der Nebelhornstimme, dem enormen Charisma und der umwerfenden Schönheit des einstigen Models abgesehen, schenkte Slick der Band deren größte Hits. ›Somebody To Love‹, geschrieben von ihrem Schwager Darby (sie war mit dem Schlagzeuger Jerry Slick verheiratet) und von Grace bei ihrer früheren Band The Great! Society gesungen, war in der Bay Area schon ein Hit. In der Version von Airplane wurde daraus die West-Coast-Hymne. Graces eigenes ›White Rabbit‹, eine schrille Kombination aus bastardisiertem Bolero-Rhythmus und lose auf Lewis Carrolls „Alice im Wunderland“ basierendem Text, bestätigte ihre Position als „Acid Queen“ von Haight Ashbury. „Das schrieb ich, nachdem ich LSD genommen und mir 24 Stunden lang SKETCHES OF SPAIN von Miles Davis angehört hatte. Es sollte ›Feed Your Head‹ heißen. [Airplane-Gitarrist/Sänger] Paul Kantner sagte: ‚Singe diese arabischen Jams, die du immer machst‘.“

Marty Balin hatte gemischte Gefühle über seine neue Mitsängerin – er wollte definitiv Anderson behalten. Trotz einer Reihe von Jefferson-Airplane-Albumklassikern – SURREALISTIC PILLOW, AFTER BATHING AT BAXTER’S, CROWN OF CREATION, dem Live-Album BLESS ITS POINTED LITTLE HEAD und dem „An die Wand, Motherfuckers“-Epos VOLUNTEERS – beäugten die beiden einander argwöhnisch, sowohl auf als auch jenseits der Bühne. „Marty war nie sehr kommunikativ, was eigenartig ist, wenn man Duette singt. Vielleicht war er eifersüchtig auf mich, weil ich so großartig war“, lacht sie. „Er ist der Einzige [aus der Band], mit dem ich überhaupt nicht mehr spreche. Jack Casady, Jorma Kaukonen, Paul Kantner – mit allen, die noch am Leben sind, verstehe ich mich gut. Aber nicht Marty. Seine Frau ruft mich einmal im Jahr an – wenn sie betrunken ist.“

Ihr Live-Debüt mit Airplane gab Slick am 16. Oktober im Fillmore in San Francisco, einen Tag, nachdem Signe sich in derselben Halle mit einer Rede von ihren Fans verabschiedet hatte: „Ich will, dass ihr alle lächelt und Gänseblümchen und Luftballons tragt. Ich liebe euch alle. Danke und auf Wiedersehen.“ Marty Balin gab Anderson Blumen, der Bandmanager und -Promoter Bill Graham führte die stehenden Ovationen an. Viele im Publikum weinten.
Statt unbemerkt durch den Bühneneingang zu schleichen, war Slick tapfer und stellte sich mit den Fans von San Francisco an. Sie bewunderten ihr Outfit – sie war damals noch Model –, eine schicke gestreifte Weste und einen hüftengen Rock im Fischgrätenmuster. „Klamotten machten Spaß und ich hatte gute Sachen. Ich trug auf der Straße dasselbe wie auf der Bühne. Ich hatte viel aus Secondhand-Läden in Haight.“

Slick, zweifellos stylish, lieferte ein modisches Vorbild, vor allem, als sie anfing, eine Pfadfinderinnen-Uniform zu tragen. „Die meisten Bands sahen ziemlich gut aus, außer Grateful Dead, die in Jeans und T-Shirts rumliefen“, sagt sie. „The Charlatans waren am besten. Sie trugen Wildwest-Revolverhelden-Anzüge. Die Briten waren anders. Ich war mit Kantner eingeladen, Mick Jagger in seinem Haus in Chelsea zu treffen, um das Altamont-Konzert zu besprechen. Ich hatte Angst, weil ich befürchtete, dass wir zu einer Orgie gehen. Ich habe nichts gegen Orgien, aber ich bin nicht gut im Multitasking. Ich mag einen Mann, ein Kind, ein Haus und ein Auto. Alles andere ist zu verwirrend. Aber da war keine Orgie. Jaggers Haus war wie das meiner Eltern. Er hatte Orientteppiche, Louis-XIV-Möbel. Er trug einen Dreiteiler. Er servierte uns Tee, bot uns keinen Alkohol oder Drogen an. Das war eine Enttäuschung. Wir hatten eine formelle Unterhaltung und Altamont wurde abgemacht – wir würden als Vorgruppe für die Rolling Stones spielen.“

Das heute berüchtigte Altamont-Konzert war ein Desaster. Slick wusste, dass es hässlich werden würde, als die Hells Angels während ihres Auftritts die Bühne enterten. „Marty Balin sagte ihnen, sie sollen sich verpissen, und sie hielten sich etwas zurück.“ Aber nur ein bisschen. Balin behauptete, mehrere Angels mit Billard-Queues hätten ihn gejagt. „Boom! Ich wurde niedergestreckt und wachte mit Stiefelabdrücken überall an meinem Körper wieder auf. Der Einzige, der etwas zu mir sagte, war Jorma Kaukonen: ‚Du bist ein verrückter Motherfucker‘. Und das ist ein Mensch, der mit Maschinengewehren und Messern reist. Macho-Leadgitarrist-Bullshit eben.“ Zurück zu Grace: „Wir sahen uns anfangs noch die Stones an, aber beschlossen schnell, zu gehen. Wir saßen in unserem Hubschrauber, sahen herunter, und Kantner sagte: ‚Ich glaube, die prügeln da unten einen Mann zu Tode‘.“

Paul Kantner wurde Graces dritter Airplane-Bettgefährte und Vater ihrer Tochter China. Grace war der Band zunächst beigetreten, „weil ich eine Affäre mit Bassist Jack Casady haben wollte. Ich liebe Bassisten und er ist der beste.“ Nach Jack fing sie eine Beziehung mit Schlagzeuger Spencer Dryden an. Gitarrist Jorma Kaukonen war mehr wie ein Bruder. Er zog sie einmal aus dem qualmenden Wrack eines Sportwagens, nachdem sie damit in die Golden Gate Bridge gecrasht war. Marty war weniger kavalierhaft: „Habe ich mit ihr geschlafen? Ich ließ sie mir nicht mal einen blasen.“

In einer von Männern dominierten Umgebung stach Grace heraus. Sie war die Galionsfigur der Monterey- und Woodstock-Ära, aber sah sich nie als Ikone: „Frauen waren schon immer Sängerinnen. Richterinnen am Obersten Gerichtshof, DAS ist beeindruckend. Ich dachte einfach nur, dass ich eine Sängerin war – nicht Bach oder Mozart oder Händel. Klar, wären wir alle Sänger, stünde es nicht gut um uns. Wo wären die Bauern? Airplane ließen mich singen. Gott behüte Amerika dafür.“

Sexismus stand nicht auf ihrer Themenliste – sie hatte genau so viel Spaß wie die Jungs. „Ich habe so ziemlich jeden gevögelt, der in Reichweite war“, behauptete sie mal. „Ich bereue nur, dass ich nie mit Jimi Hendrix oder Peter O’Toole im Bett war.“ Jim Morrison hingegen konnte sie sich angeln. Während der legendären Doors/Airplane-Europatournee 1968 landete sie in seinem Zimmer im Belgravia Hotel, wo sie herum tollten und einander mit Erdbeeren und anderem Obst bedeckten. „Jim war ein gut bestückter Junge“, erinnerte sich Grace, „überdurchschnittlich groß.“ Aber es blieb bei dem einen Mal, seufzt sie. „Als ich ging, sagte ich: ‚Ruf mich an, wenn du Lust hast‘. Aber das tat er nie. Also bin ich wohl furchtbar im Bett.“

Aber Grace bekam ihre Rache. Vor dem Konzert in Amsterdam kauften Airplane eine Platte Lebanese-Gold-Haschisch und boten Morrison ein Stück zum Knabbern an. Gierig aß er einen Riesenbrocken. Ray Manzarek erinnerte sich, wie er dann bei Airplane auf die Bühne stolperte: „Jim fing an, mit Grace zu singen und sie zu umarmen. Dann tanzte er wieder von der Bühne, ging zurück in die Garderobe und wurde ohnmächtig.“

Slick kichert: „Ich mochte Jim. Die meisten Frauen mochten ihn. Er sah blendend aus, aber er war so abgedreht – die Hälfte der Zeit konnte man sich nicht mit ihm unterhalten. Er benutzte sich als menschliches Versuchskaninchen, um herauszufinden, wie weit man mit dem menschlichen Gehirn gehen konnte. Ich erinnere mich, wie ich 1967 von einem Airplane-Gig kam und mit Kantner ins Tropicana-Motel ging. Morrison lag im Flur, verspult auf LSD, splitterfasernackt und bellte wie ein Hund. Paul stieg einfach über ihn hinweg und ging in sein Zimmer.“

Wie es sich damals gehörte, nahmen Airplane jede Menge Drogen aller Art. „Absolut“, sagt Slick. „Persönlich bin ich auf LSD nie durchgedreht. Ich dachte nicht, dass es einem schaden könnte, wenn man nicht ohnehin schon psychische Probleme hatte, und die hatte ich ja nicht.“ Sie kann sich an die meisten ihrer Drogenepisoden erinnern. „Wenn ich meine Drogen will, will ich sie JETZT. Alkohol war verhängnisvoll, weil er leichter zu bekommen war. Meine Lieblingsdroge waren Quaaludes [ein Antidepressivum], aber man musste betteln, um die zu kriegen. Machmal haben sie dir Valium gegeben, aber es dauerte Tage, bis man davon wieder runterkam. Sie nahmen Quaaludes vom Markt. Das war dumm. Sie sind toll, wenn du speedsüchtig bist oder Alkohol und Koks nimmst. Jeder liebte sie. Ich liebte sie, weil sie mich nicht wütend machten wie Alkohol. Ich fuhr nicht seltsam Auto und wurde nicht verhaftet. Ich fühlte mich unbesiegbar und gut, aber sie machten keinen völligen Idioten aus mir. Ich vertrage offenbar ziemlich viel. Ich brauche zum Beispiel viel Morphin im Krankenhaus, bevor ich in die Narkose falle. Ich nicht, Doc. Gib mir Quaaludes und ich fühle mich toll.“

Slick, offensichtlich eine Naturgewalt, trat oft unter Drogeneinfluss auf. „Ich würde es wohl nicht jedem empfehlen“, sagt sie, „denn Drogen zu nehmen und zu arbeiten, funktioniert nicht immer. Wir spielten mal in Fargo, North Dakota, und unser Tourmanager hatte diese Plastikbox voller Drogen in verschiedenen Fächern – Pulver und Pillen. Wir nahmen alle etwas von dem wir dachten, es sei Kokain, aber es stellte sich heraus, dass es LSD war. Nach 15 Minuten war ich so krass auf Trip, dass ich aufhörte, zu singen und Klavier zu spielen, und nur noch Jack Casadys Bass zuhörte. Ich sah es so: Ich bin jung, gesund, ich bin nicht deprimiert, ich kann so viele Drogen nehmen, wie ich will, vögeln, mit wem ich will, denn AIDS gibt es ja noch nicht, und ich werde dafür bezahlt, durch die ganze Welt zu reisen und mich anzuziehen, wie ich will. Mann, wir waren Rock’n’Roller, keine Banker.“

Wer Grace Slick in voller Montur sah, verehrte sie. Die Autorin und Szenegröße Eve Babitz – die Dorothy Parker der Westküste – erinnert sich: „Grace hatte einen Napoleon-Komplex, weil sie ziemlich klein ist, was sie nervte. Aber sie war definitiv wunderschön und sie wuchs, um eine Bühne auszufüllen. Es gab kein Entrinnen vor ihr. Sie schaffte es auf den Titel des ‚Time Magazine‘ in ihrer Pfadfinderinnen-Uniform, was damals unglaublich schien. Sie passte immer noch, denn wie alle anderen in der Rockszene der Westküste 1966 schnupfte sie LSD, nahm Speed und Aufputschmittel, also aß sie nichts. So blieb auch Jim Morrison so dünn. Die Leute wurden erst fett, wenn sie Kokain entdeckten. Grace hielt sich immer für hässlich. Ich weiß noch, wie sie bei Woodstock ein weißes Indianerkostüm trug, und sie hasste die Fotos so sehr, dass sie versuchte, die Verwendung der Airplane-Aufnahmen im Film zu verbieten.“

Dabei war der Airplane-Auftritt bei Woodstock fasst so legendär wie Hendrix‘ Version des ›Star Spangled Banner‹. Sie kamen am Sonntag, den 17. August, zum Morgengrauen auf die Bühne, gleich nach The Who. Slick sah ehrfürchtig in die riesige Menge, bevor sie sagte: „Ihr habt die Heavy-Gruppen gehört, jetzt werdet ihr verrückte Morgenmusik hören. Glaubt mir. Ja, es ist eine neue Dämmerung.“

So episch solche Momente auch waren, bevorzugt sie dennoch ihre nüchternere Version: „Ich trug Federn und Muscheln und dieses weiße Kleid. Es hatte ewig gedauert, bis das gut aussah. Während der Rest der Band im Hotel Billard spielte und abstürzte, probierte ich meine Accessoires an. Ich wollte gut aussehen. Ich dachte, ich sei scharf. Aber später sagte dann jemand: ‚Verdammt. Warum hat sie nicht in den Spiegel gesehen, bevor sie auf die Bühne ging?’“ Aber warum sich stressen? Airplane hatten fünf Goldalben in drei Jahren veröffentlicht. Grace Slick war ein Superstar. Der Westküsten-Chronist Alec Palao schrieb: „Mehr als irgendjemand sonst war sie das originellste und einzigartigste Talent, das aus der ganzen San-Francisco-Szene der 60er hervor ging.“

Für Grace „war das alles ein Riesenspaß. Die erste Platte, die ich mit Airplane machte, SURREALISTIC PILLOW, war leicht. Wir gingen in die RCA-Studios in Hollywood, wo sie Frank Sinatra, Elvis Presley und die Rolling Stones aufgenommen hatten. Der Boden war aus Holz. Wir stellten vier riesige Altec-Lautsprecher auf und rockten. Wir hatten komplette künstlerische Kontrolle. RCA sagten uns nie, was wir zu tun hatten, weil wir Tickets verkauften, und der Produzent Rick Jarrard war immer betrunken, also mischte er sich nicht ein. Wir produzierten letztlich mit dem Toningenieur Dave Hassinger und waren die ganze Zeit mit Jerry Garcia als ’spirituellem Berater‘ auf Trip. Ha!“

Im Spätsommer 1968 tourten Airplane durch Europa und beeindruckten ihre Zuschauer mit ihrer brutalen Anlage und psychedelischen Lightshow. Am britischen Augustfeiertag zahlte man ihnen 1000 Pfund, um beim ersten Isle-Of-Wight-Festival als Headliner aufzutreten. „Ich friere bis auf die Knochen!“, schrie Grace. Wenige Tage nach dem Festival spielten sie umsonst vor ein paar hundert Neugierigen auf dem baufälligen Pavillon der Parliament Hill Fields in Nordlondon. Gesponsert von der Gemeinde von Camden (und erst einen Tag vorher von John Peel in seiner Radiosendung angekündigt), war es nicht gerade ein triumphaler Auftritt. Das Wetter war so schlecht, dass Slicks erste Worte waren: „Was ist los mit euch? Es regnet. Geht nach Hause!“

Nach der Europatour zahlten Airplane 73.000 Dollar für eine palastartige Villa in der Fulton Street 24000, San Francisco. Sie strichen ihr neues Hauptquartier schwarz, ließen ihren persönliche Koks-Dealer einziehen und installierten im Keller eine mittelalterliche Folterbank, die zuerst an David Crosby ausprobiert wurde. Slick kaufte sich eine Pistole und amüsierte sich damit, sie von ihrem Fenster über den Golden Gate Park abzufeuern. 1969 waren Jefferson Airplane die wohlhabendste Band der Westküste. Was sie jedoch nicht davon abhielt, VOLUNTEERS zu machen, ein radikales, revolutionäres Album und ein Ruf zu den Waffen. „Wir hatten so viel Spaß, als wir VOLUNTEERS machten“, erinnert sich Slick. „Jorma fuhr immer auf seinem Motorrad ins Studio. Und wir verbrachten viel Zeit damit, an einem riesigen Kanister voller Lachgas in der Ecke zu nuckeln und zu gackern wie Idioten.“ Und die Revolution? „Die blieb aus. Ich dachte, man könnte Menschen mit Medienattacken, Büchern und Wissen verändern, aber das kann man nicht. Die einzige Person, die ich verändern kann, bin ich.“

Während die Musik bombastischer wurde, sanken die Plattenverkäufe. ›Volunteers‹ floppte als Single, ebenso wie der Nachfolger ›Mexico‹, eine beißende Kritik an Richard Nixons „Operation Intercept“, die die US-mexikanische Grenze praktisch dicht machte, um den Schmuggel von Marihuana zu unterbinden. Innerhalb eines Jahres fielen Hendrix, Joplin und Morrison, alle mit 27, der Beziehung des Rock zu krassem Drogenmissbrauch zum Opfer. Selbst Grace war schockiert. „Mit Janis war ich kurz befreundet gewesen, als wir jünger waren. Bevor es bergab ging. Es ist eben Glück. Ich sah, wie Heroin auf Leute wirkte. Mein eigener Alkoholismus war ein langsamer Niedergang. Es ist unglaublich, dass ich noch am Leben bin. Ich bin froh, dass ich nie Heroin nahm. Es brachte sie alle um. Hendrix starb, weil Heroin dich zum Kotzen bringt. Es ist auch höchst illegal.“

Für Slick und Airplane wurden die 70er immer umnebelter. Schlagzeuger Spencer Dryden stieg 1970 aus, immer noch erschüttert von Altamont. Marty Balins Weggang zog sich länger hin, bevor er beschloss, dass er genug davon hatte, „diese durchgeknallte Kokainmusik zu spielen“. Kaukonen und Casady blieben, aber steckten ihre Energie in ihre aufkommende andere Band, Hot Tuna, womit sich Kantner und Slick praktisch alleine um Airplane kümmern mussten.

Slick hielt Kantner bei seinem neuen Unterfangen Jefferson Starship die Stange, aber bei der Erinnerung daran verzieht sie das Gesicht. „Das war eine Sellout-Band. Airplane waren ein buntes Sammelsurium, aber ich hasste Starship. Unser großer Hit ›We Built This City‹ war grauenhaft. Wovon sprichst du da? Welche Stadt? L.A. wurde auf Orangen, Filmen und Öl aufgebaut. San Francisco entstand aus dem Goldrausch. Die Römer bauten London. Es klang, als würden wir angeben, obwohl Bernie Taupin, ein Brite, den Text schrieb. Ich konnte ihn singen – und die anderen –, weil ich Begeisterung vortäuschen kann. Man muss schauspielern, um auf eine Bühne zu gehen. Ich fühlte mich, als würde ich mich über die erste Reihe übergeben, aber ich lächelte und tat es trotzdem. The show must go on.“

Während Kantner davon besessen war, das zu erschaffen, was Grace als „Lasst-uns-alle-in-den-Weltraum-fliegen-Science-Fiction-Scheiß“ bezeichnet, verfiel sie in Sarkasmus, befeuert von trunkener Großmäuligkeit. „Ich hatte keinen Filter. Wenn ich betrunken war und jemand ein Arschloch war, sagte ich das auch. Es gibt keine große Lücke zwischen dem, was ich denke, und dem, was ich sage. Das ist kein Syndrom, ich bin nur nicht sehr diskret. Und deshalb wurde ich zu einem inhaftierten, fluchenden, bösen Rock’n’Roller-Mädchen.“

1978 eskalierten ihr Benehmen, ihre Ausfälle und ihre völlige Unfähigkeit zur Selbstkontrolle bei einem Konzert in Deutschland. Sie kaufte ein Heidi-Kostüm für Kinder und berauschte sich dann so sehr, dass sie es für eine gute Idee hielt, sich wie ein Nazi anzuziehen, im Stechschritt zu gehen und den Hitlergruß zu machen, während sie fragte: „Wer hat den fucking Krieg gewonnen? Es war alles eure fucking Schuld“. Was in Kalifornien vielleicht ein toller Witz gewesen wäre, fand man in Deutschland nicht besonders lustig. Das Publikum randalierte, stürmte die Bühne, steckte das Equipment der Band in Brand und warf es dann in den Fluss. Was für ein Abend. Paul Kantner feuerte sie auf der Stelle, wodurch sie das Knebworth-Festival ein paar Tage später verpasste.

Schließlich stellte sich Slick ihren bekannten Dämonen und wurde der erste berühmte Rockstar, der zugab, zu den Anonymen Alkoholikern zu gehen. „Es war nicht leicht. Es ist seltsam, nüchtern zu sein. Das ‚People Magazine‘ entlarvte meine Anonymität, aber das war keine Überraschung. Mein Benehmen war ja offensichtlich genug. Alle wussten, dass ich eine schlimme Säuferin war. Außerdem sind Alkohol und Kokain eine hässliche Kombination. Ich liebte es. Ich lebte davon, denn die zwei Sachen gleichen einander aus. Dann nimmt man mehr. Ich konnte es mir leisten. Koks war so billig und wir waren Rock’n’Roller. Wen kümmert’s? Ich hörte erst auf, als man nicht mehr das ungestreckte Zeug von deutschen Pharma-Chemikern bekam. Ich war ein Snob.“

Ihr letzter Ehemann, der einstige Airplane-Lichtmann Skip Johnson, sagte ihr, dass sie zu sehr wie Jekyll und Hyde wurde. „Wenn ich nüchtern war, war ich vollkommen ruhig. Wenn nicht, war ich eine Nervensäge. Ich amüsierte mich prächtig und alle anderen sagten nur, ‚Oh Gott, sie soll die Klappe halten‘. Wenn ich irgendjemand in einer Uniform sah, war es für mich vorbei. Ich ging oft ins Gefängnis, weil ich meine Zunge im Suff nicht in Zaum halten konnte – verbaler Angriff.“

Auf dem Weg zur Abstinenz beschloss Slick, der Bühne den Rücken zu kehren. „Ich sehe nicht gerne, wie Leute in meinem Alter herumhüpfen und über ihre Gefühle singen, als sie 23 waren“, sagt sie. „Wenn du dich wohl dabei fühlst, bittesehr. Ich schäme mich leicht für andere. ‚Oh mein Gott, Schätzchen, komm von der Bühne und werde Produzent oder so‘.“

Kantner tut es immer noch. „Nun, wenn du dein ganzes Geld verbraten hast und spielen musst, habe ich kein Problem damit. Aber das habe ich nicht, also tue ich es nicht. Mein Vater, der Handelsbankier war, sagte mir immer: ‚Lege ein Drittel zurück, zahle mit einem Drittel deine Rechnungen und verjubele den Rest‘.“

Heutzutage steht Grace jeden Tag um vier Uhr morgens auf und fängt an zu malen. Sie malt das, was sie kennt: weiße Kaninchen, Porträts toter Rockstars, die Etiketten von Weinflaschen, Hanfpflanzen, Eis verschlingende Kinder als Metapher für die Fettsucht-Epidemie. „Sie verkauften sich mal ganz gut. Ich und Ronnie Wood haben denselben Agenten und verkaufen an die Klasse von Leuten, die weder Kunst noch Drogen wirklich brauchen, all die Dinge, die ich mag. Business-Typen. Aber ich lebe nicht von meiner Kunst. Wenn ich das müsste, würde ich wohl verhungern. Tantiemenschecks sind toll. Ich wusste immer, dass wenn Airplane mal berühmt sein sollten, es weitergehen würde, bis ich tot umfalle. Aber egal“, lacht sie, „ich habe es verdient. Ich habe ein paar gute Stücke geschrieben. Und in meinem ganzen Leben war noch nie ein Scheck von mir nicht gedeckt.“

 

Text: Max Bell