Photo of Graham Bond OrganisationGraham Bond, der Okultist. Der seine Hammond-Orgel prügelte, Drogen nur so aufsog und mit 36 starb, ist Der Große Vergessene des 60s Rock. Zeit, ihn wieDer in Erinnerung zu rufen.

Die Stimme am anderen Ende der Telefonleitung war optimistisch, sogar enthusiastisch. „Ich fühle mich großartig. Ich bin clean. Ich habe mit allem aufgehört und freue mich darauf, mich wieder an die Arbeit zu machen.“ Es war Dienstag, der 7. Mai 1974, und Graham Bond rief im Büro des „NME“ an, um ihnen dafür zu danken, dass sie kurz zuvor ein altes Foto von ihm abgedruckt hatten. Nach einem höflichen Gespräch stimmte die Zeitung zu, ihn in den nächsten paar Tagen zu interviewen. Bond legte auf. Nichts ließ vermuten, dass irgendetwas nicht in Ordnung war. 24 Stunden später war Bond tot, zerquetscht unter den Rädern einer U-Bahn an der Haltestelle Finsbury Park in London. Es dauerte zwei Tage, bis die Polizei seinen Körper identifizieren konnte, und selbst das nur aufgrund seiner Fingerabdrücke. Er war 36.

Es war ein seltsames, blutiges Ende eines seltsamen, unvorhersehbaren Lebens. In seinem Zenit Mitte der 60er war Graham Bond ein echter Innovator und eine der Schlüsselfiguren der britischen Musikszene. Als die treibende Kraft hinter der Graham Bond Organization zerrte er den traditionellen Jazz aus seinem verstaubten Versteck und verlieh ihm mit einer starken Dosis Blues und heulendem R&B neue Sprungkraft. Eine Reihe großer Talente ging auf dem Weg zu größerem Erfolg bei Cream, Blind Faith, dem Mahavishnu Orchestra oder Colosseum durch die Ränge dieser Band.

Als Orgelspieler und Altsaxofonist war Bond eine Urgewalt. Er definierte die Rolle des Key- boards in seiner Zeit bei der GBO neu, wo sich seine Energie und überlebensgroße Persönlichkeit in seinem furiosen Spiel und dem Seelenschmerz in seiner rohen Singstimme widerspiegelten. Sein ausladender Körperbau und später noch ein Bart machten ihn zu einer imposanten Erscheinung. „Man konnte ihn in einer Menschenmenge nicht übersehen“, sagt Jack Bruce, der mit dem GBO-Kollegen Ginger Baker Cream gründete. „Er war ein schillernder Charakter und ein starker Typ.“

Bonds Ruf mag heutzutage verblichen sein, doch sein Einfluss auf andere Musiker lässt sich nicht leugnen. Künstler wie Rick Wakeman, Elton John, Steve Winwood und Jon Lord von Deep Purple lernten sowohl als Musiker wie auch als Performer von ihm. „Er hat mir ungelogen das meiste von dem beigebracht, was ich über die Hammond-Orgel weiß“, sagte Lord. Bonds Pioniergeist machte ihn sogar zu einem Vorreiter des Progman höre sich nur an, wie er klassische Musik verwendete, am besten zu hören auf ›Wade In The Water‹ von 1965, das Bach zitiert. „Graham war für viele wichtig“, so Bruce. „Er war einzigartig. Niemand konnte gleichzeitig so Altsaxofon und Hammond- Orgel spielen und so einen unglaublichen Klang erzeugen. Die Organization war eine phänomenale Band. Ziemlich primitiv, aber das war Teil ihrer Besonderheit.“

Da allerdings kommt das Vermächtnis durcheinander. Das große Mysterium von Bonds Leben und Karriere war die Tatsache, dass er trotz voller Häuser und Lobpreisungen von Musikerkollegen nie den Ruhm und Reichtum erreichte, den sein Talent verdient gehabt hätte. Zum Zeitpunkt seines Todes war Bond nur noch ein Außenseiter von geringer Bedeutung. Die Musikindustrie hatte schon lange den schwierigen Mann aufgegeben, der zu unberechenbarem Verhalten neigte und in einem selbstzerstörerischen Zyklus aus Drogenmissbrauch und Okkultismus gefangen war. „Er war sein eigener schlimmster Feind“, sagt Schlagzeuger „Funky“ Paul Olsen, der in seinen letzten Tagen mit Bond zusammen spielte. „Er war extrem intelligent, aber da war einfach zu viel los in seinem Kopf.“

Der Graham Bond zur Jahrzehntwende der 70er war Welten entfernt von dem, der eine Dekade zuvor die Musikwelt überwältigt hatte. Er war ursprünglich ein Saxofonist und hatte an der Royal Liberty School in London Musik studiert, bevor er einen Job beim Goudie Charles Quintet an Land zog. 1961 war er dann beim Don Rendell New Quintet, wo er mit seinem enthusiastischen Stil und seiner einzigartigen Phrasierung die Aufmerk- samkeit der Jazz-Presse erregte. Bonds Tonträgerdebüt war später in jenem Jahr auf dem Album ROARIN‘ des Quintetts zu hören. Sein enormes Talent brachte ihm im Jahrespoll der Kategorie Jazz des „Melody Maker“ einen zweiten Platz in der Sparte „New Star“ ein.

Das folgende Jahr war ein Wendepunkt. Neben seiner Arbeit mit Don Rendell begann er, auch mit dem Johnny Burch Octet aufzutreten, einer „Low-Cost-Big-Band“, unter deren Mitgliedern sich der Bassist Jack Bruce, Schlagzeuger Ginger Baker und der Tenor-Saxofonist Dick Heckstall-Smith befanden. „Ich traf ihn zum ersten Mal in einer durchgemachten Nacht im Flamingo“, erinnert sich Bruce. „Graham spielte damals bei uns. Sein Aussehen erinnerte mich an Cannonball Adderley und die Intensität seines Spiels war erstaunlich.“

Im Oktober 1962 war Bond zu Alexis Korner‘s Blues Incorporated aufgestiegen, einer Schmiede für aufstrebende Talente. Er spielte nicht nur das Saxofon, sonder auch fette Hammond-Riffs durch eine Leslie-Box, was einen neuen Stil von amerikanisch beeinflusstem R&B ins Leben rief. Bond, Baker und Bruce, die auch zum Line-up gehörten, begannen, in den Pausen als Trio zu spielen.

Es ist nicht ganz klar, wann genau Bond beschloss, seine eigene Band zu gründen, aber eine Reise nach Manchester im Februar 1963 schien eine Rolle dabei zu spielen. Er hatte einen Trio-Auftritt an Land gezogen und fuhr in einem gemieteten Dormobile-Wohnmobil mit Baker und Bruce hin. Das Publikum brachte seine Wertschätzung für ihren wilden, scheu- klappenfreien Stil lautstark zum Ausdruck. Wenig später erzählte Bond Korner, dass er auf eigene Faust mit Ginger und Jack im Schlepptau weitermachen werde. Es war typisch für sein durch nichts aufzuhaltendes Selbstbewusstsein, dass er sich nicht einmal die Mühe gemacht hatte, die anderen beiden vorher zu fragen. „Ich kam eines Tages zu den Proben und Alexis sah sehr betrübt und wütend aus“, erinnert sich Bruce. „Er sprach überhaupt nicht mit mir. Dann erfuhr ich, dass ich aus der Band ausgestiegen war! Ich war damals sehr naiv, noch ein Junge. Ich hätte etwas sagen sollen, aber ich machte einfach mit. Es vergingen Jahre, bis Alexis wieder mit mir redete.“

Aus drei wurden vier, als Gitarrist John McLaughlin von Georgie Fame‘s Band dazu stieß. Auf der ersten Veröffentlichung des Graham Bond Quartet waren sie die Backing-Band des aufstrebenden Rock‘n‘Rollers Duffy Power auf einem Cover von ›I Saw Her Standing There‹ der Beatles. „Grahams Einfluss auf mich war enorm“, gesteht Power. „Er war ein geborener Musiker und hatte die Philosophie, dass man immer alles geben sollte. Das hat er mir beigebracht. Er war den anderen Hammond-Spielern meilenweit voraus. Und er ermutigte die anderen stets: ‚Yeah, Ginger! Yeah, Jack!‘ Er war immer sehr enthusiastisch und sagte, sie würden Musik für die Zukunft machen. Wenn man draußen vor einem Club stand, in dem sie spielten, war die Atmosphäre einfach magnetisch.“

McLaughlin wurde später in jenem Jahr durch Heckstall-Smith ersetzt. Der Neuzugang spielte das Saxofon mit Leidenschaft und Begabung und die Graham Bond Organization wurde zu einer angsteinflößenden Kraft. „Ich hatte oft die Gelegenheit, sie zu sehen, und ich verehrte sie absolut“, erinnert sich Pete Brown, Co-Autor von Cream-Klassikern wie ›I Feel Free‹, ›White Room‹ und ›Sunshine Of Your Love‹ sowie Bond-Fan. „Es gab nichts Vergleichbares. Es hatte viel vom Geist des Jazz, aber mit der ungestümen Energie des Blues und Rock.“

Jack Bruce: „Es gab damals praktisch keine R&B-Szene wir haben sie mehr oder weniger erfunden. Als wir anfingen, spielten wir an Orten wie dem The Place in Hanley oder dem Twisted Wheel in Manchester, diese echt coolen kleinen Clubs. Die Zuschauer drehten durch. Die Sachen, die wir spielten, waren sehr neu für britische Musik, ebenso wie die Intensität.“

Das Debütalbum THE SOUND OF ‘65 der Graham Bond Organization war ein aufwühlender Versuch, den transzendentalen Rausch ihrer Konzerte einzufangen. Sie waren zu dieser Zeit so perfekt eingeübt, das die ganze Platte laut Bruce in drei Stunden aufgenommen wurde. Das Album, eine Mischung aus Coverversionen und furiosen Originalstücken wie ›Half A Man‹ und ›Spanish Blues‹, war doppelt bemerkenswert aufgrund der Tatsache, dass es die erste britische Veröffentlichung mit einem Mellotron war. „Abgehobene Blues-Klänge, manchmal seltsam, aber immer faszinierend“, jubelte der „New Musical Express“. „Jede Menge heulende Mundharmonika und durchgedrehte Stimmakrobatik.“

Im July traten GBO in der beliebten Popsendung „Ready Steady Go!“ des Senders ITV auf, um ihre neue Single ›Lease On Love‹ zu promoten. Bond begeisterte, indem er sein neues Spielzeug mitbrachte. Das Mellotron machte ihn mit der Fähigkeit, Streicher und sämtliche Blasinstrumente zu reproduzieren, zum Dreh und Angelpunkt seines eigenen Mini-Orchesters. Auch auf dem stürmischen Nachfolger ›There‘s A Bond Between Us‹, später im Jahr 1965 erschienen, machte er reichlich Gebrauch davon. Aber da zeigte sich auch schon, dass nicht alles in Ordnung war. GBO arbeiteten viel, waren ständig auf Tour oder im Studio, doch hatten wenig vorzuweisen. „Die Graham Bond Organization schuftete sich für sehr wenig Geld zu Tode und ich glaube nicht, dass sie viele Platten verkauften“, so Power. „Und ich sage das wirklich nicht gerne, aber Graham hatte weder die Persönlichkeit noch das Aussehen, um ein junges Publikum anzusprechen. Es muss ihn sehr unglücklich gemacht haben, denn als ich ihn traf, glaubte er, er würde die Musikwelt im Sturm erobern.“

Auch die Drogen fingen an, die Band aus der Bahn zu werfen. Alle bei GBO rauchten gerne zusammen Gras („Wir waren alle stoned bis zum Umfallen“, gesteht Bruce), aber nun nahmen die Dinge einen dunkleren Lauf. Bond und Baker waren beide heroinsüchtig geworden und hatten das, was Pete Brown „die typische Junkie-Beziehung“ nennt. Bonds wachsendes Interesse an weißer Magie und Okkultismus machte ihn nur noch unberechenbarer. Außerdem war er auch in Bezug auf die Band-Finanzen nicht immer ehrlich. „Wir spielten in größeren Hallen, aber bekamen kein Geld“, erinnert sich Bruce. „Theoretisch bezahlte uns Graham. An einem Abend in einem Club in Ostlondon bekam er das Geld vom Promoter, kam über die Tanzfläche zu uns, um uns zu bezahlen, und es war weg. Finanziell war er also nicht fair zu uns. Dann übernahm Ginger als Bandleader das Steuer, aber es wurde kaum besser.“

Die wachsende Reibung zwischen Baker und Bruce trug dazu bei, dass Letzterer im Herbst 1965 von der GBO gefeuert wurde. Bakers Ausstieg im nächsten Sommer bedeutete dann effektiv das Ende der Band. Bond durchlief unzählige Veränderungen. Er hatte sich von seiner Frau getrennt, sich seine Haare wachsen lassen, angefangen, vielfarbige Umhänge zu tragen, eine Faszination für Tarotkarten entwickelt und begonnen, LSD zu nehmen. Wie Baker in seiner Autobiograf ie „Hellraiser“ festhielt, begab sich Bond „in sehr, sehr seltsame Gefilde… Der glückliche Musiker war verschwunden er war ersetzt worden durch einen befremdlichen, niemals lächelnden Mystiker.“
John Hisemann kam als Ersatz für Baker, doch der schnelle Erflog von Cream traf Bond tief.

„Was ihn am meisten verärgerte, war dass Jack und Ginger zu Cream gingen und fast sofort Chart-Singles hatten“, so Hiseman. „Jedes Mal, wenn er eine davon hörte, zuckte er zusammen und fühlte sich unendlich verraten. Es frustrierte ihn immer mehr, dass viele der Musiker, mit denen er zusammengearbeitet hatte, aufstiegen und viel erfolgreicher wurden als er, was er ein- fach nicht verstehen konnte. In seinem Selbstverständnis war niemand so gut wie er. Und all diese aufgestaute Wut traf auf eine ernste Heroinsucht. Ein schwächerer Mann wäre zusammengebrochen, aber er hatte eine so starke Persönlichkeit, dass niemand helfen konnte. Er ließ einfach niemanden an sich ran.“

1967 hatten sich GBO schließlich aufgelöst. Hiseman und Heckstall-Smith spielten kurzzeitig bei John Mayall‘s Bluesbreakers, bevor sie die erfolgreichen Prog-Jazzer Colosseum gründeten. Für Bond verlief die Geschichte anders. Er vertiefte sich in die Lehren des Okkulten und wurde immer anfälliger für Wahnvorstellungen. Er fing an, Leuten zu erzählen, er sei der verlorene Sohn des Antichristen selbst, Aleister Crowley. Diese Vorstellung setzte sich bei ihm fest, nachdem er gelesen hatte, dass eine von Crowleys Partnerinnen 1937 dem Jahr, in dem auch er geboren worden war ein Kind zur Welt gebracht und es in einem Waisenhaus gelassen hatte. Für Bond, ein Kind aus einem Barnardo-Heim, das mit sechs Monaten adoptiert wurde, ergab diese Symmetrie perfekten Sinn.
„Er fühlte das sehr intensiv und wunderte sich manchmal, was wohl seine tatsächliche Herkunft war“, so Bruce. „Aus irgendeinem Grund dachte er, er sei Jude. Aber er wusste es einfach nicht. Es muss furchtbar sein, nicht zu wissen, wer man ist. Ich bin mir sicher, dass das viel damit zu tun, wie sein späteres Leben verlief.“ Pete Brown dazu: „Am Anfang schien er relativ normal zu sein, aber als das Heroin die Kontrolle übernahm, wurde er sehr verschla- gen und schwierig. Leute, die unter einer Sucht litten und diese überwunden haben, lernen, dass der ritualistische Aspekt dieser Sucht irgendwie ersetzt werden muss. Als er das Heroin hinter sich gelassen hatte, brauchte er also eine andere Energiequelle. Aber das ging nach hinten los. Aleister Crowley war mir einfach nur fucking unheimlich. Graham fing mit sogenannter weißer Magie an, und dann weiß ich nicht, wohin es führte. Manche Leute treffen schlechte Entscheidungen.“

Bond, GrahamDer Rest von Bonds Karriere verlief in immer erfolgloseren Bahnen. Anfang 1968 ging er nach Amerika, doch da er kein Arbeitsvisum bekam, konnte er dort auch nicht aufnehmen. Schließlich schaffte er es doch noch und spielte in einem Studio in L.A. LOVE IS THE LAW ein, ein pulsierendes Werk aus orgelbasiertem Blues, das mit dem Wrecking-Crew-Drummer Hal Blaine entstand und seine spirituellen Besessenheiten reflektierte der Titel war eine von Aleister Crowleys okkulten Maximen. Er arbeitete auch als Session-Musiker für Screamin‘ Jay Hawkins und Dr. John, wobei der Einfluss des Letzteren auf dem Gumbo-Funk von ›Stiff Necked Chicken‹ von Bonds nächstem Album für das Label Pulsar offensichtlich war. Beide Platten demonstrierten eindrucksvoll, dass Bonds Begabung als Musiker und Komponist nach wie vor intakt waren, egal, in welch prekärem Zustand er sich befand. Dass das zweite Album MIGHTY GRAHAME BOND hieß, zeigte aber leider, wie egal er der Plattenfirma war. Keines der beiden Alben verkaufte sich besonders gut.

Als er 1969 nach England zurück kehrte, gründete er dennoch mit seiner neuen Frau Diane Stewart die Graham Bond Initiation was ihm allerdings auch kein Glück brachte. Am Vorabend seines Comeback-Konzerts wurde er umgehend wegen einer zwei Jahre alten Konkurs-Klage verhaftet und ins Gefängnis von Pentonville gebracht (Jack Bruce rettete ihn, indem er die Kaution zahlte).

Es gab zwei weitere Alben: HOLY MAGICK von 1970 und WE PUT OUR MAGICK ON YOU im folgenden Jahr. Das erste war ein beschwörerischer Freakout, aufgenommen mit Stewart, die seine okkulten Überzeugungen teilte: Meditationen und Riten auf Ägyptisch und Atlantisch, unterlegt mit trötendem Jazz-Gefrickel. Auf dem Album stand das Paar mit flehend erhobenen Armen vor dem druidischen Hintergrund von Stonehenge.

Etwa zur selben Zeit fing Bond an, bei Ginger Baker‘s Air Force Saxofon zu spielen. Auch Steve Winwood, Denny Laine, Ric Grech und Chris Wood gehörten zu dieser Band, doch sie erwies sich als zu sperrig. Er genoss auch ein kurzes Engagement als Organist bei der Jack Bruce Band, obwohl Bruce betont, dass „genießen“ wahrscheinlich nicht das richtige Wort dafür ist. „Es war furchterregend, zu versuchen, Graham Bonds Bandleader zu sein“, sagt er gequält. „Wir spielten mal irgendwo in Europa und er ging raus aufs Dach. Er weinte wegen seiner Drogensucht. Er konnte sie einfach nicht überwinden. Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich ihn in Mailand feuerte. Er machte mich so wütend, indem er dies oder das spielte, dass ich tatsächlich ein Waschbecken aus der Wand riss und es auf dem Boden zertrümmerte. So ein Typ war er.“ Bonds letzter ernsthafter Versuch folgte 1972, als er mit Pete Brown TWO HEADS ARE BETTER THAN ONE aufnahm. „Wir hatten viel Spaß dabei, diese Platte zu machen“, so Brown. „Graham spielte hervorragend und wir tourten viel. Er hatte damals einen gewissen Schaden davon getragen und war süchtig nach Dr. Collis Browne‘s [einem Hustensaft und Schmerzmittel], das Opiate enthielt, die man daraus gewinnen konnte. Oder er trank es einfach so. Er wohnte fast sechs Monate lang bei mir, was ziemlich schwierig war. Aber ich liebte diesen Typen. Ich habe ihm viel zu verdanken. Das Tolle an Graham war, dass er Leute ermutigte. Er brachte dich immer dazu, mehr zu leisten, als du für möglich hieltest.“

Es gab auch noch weitere Pläne, vor allem die Band Magus, die er mit der Folk-Sängerin Carolanne Pegg gegründet hatte. Doch Magus lösten sich Ende 1973 auf, ohne einen einzigen Ton aufgenommen zu haben. Dennoch freundete sich Bond mit dem Magus-Schlagzeuger Paul Olsen an. „Meine Freundin und ich hatten eine kleine Wohnung in Barnes und Graham wohnte eine Weile lang bei uns“, so Olsen. „Er wurde wegen Drogenbesitzes verhaftet und verbrachte sechs Wochen in der Nervenheilanstalt von Springfield, diesem großen alten viktorianischen Haus im Süden von London [man geht davon aus, dass Bond an Schizophrenie litt]. Sie hatten dort ein altes Klavier, das völlig verstimmt war. Aber ich erinnere mich, wie Graham daran saß, alle Tasten in seinem Kopf kartografierte und dann dar- auf spielte. Alle standen um ihn herum und lächelten.“ Bond überzeugte das Personal, Olsen die gesamte Band mitbringen zu lassen, damit sie für die Patienten spielen konnten. „Dieser Auf- tritt war unglaublich. Die waren das beste Publikum, das ich je hatte. Sie hatten Tränen in den Augen.“

Duffy Power erinnert sich an einen Fernsehauftritt von Bond mit Alexis Korner: „Graham konnte sich nicht mal einen Drink holen. Ich hatte ein paar Aufputschpillen dabei, aber er hatte gar keine Lust mehr, sich zu berauschen, wie er das früher immer tat. Er war sehr niedergeschlagen.“ Paul Olsen: „Einmal war er so deprimiert, dass wir auf ein Inserat antworteten, in dem die Chingford Organ Studios einen Vorspieler suchten. Dass ein Mann von seiner Geschichte und seinen Fahigkeiten auf so etwas reduziert wurde, bedeutete, dass er völlig am Ende war. Er hatte sich einfach zu oft mit den falschen Leuten eingelassen.“

Pete Brown: „Ganz am Ende sagte Graham mal zu mir: ‚Ich gebe all das Magiezeug auf und werde einfach nur spielen. Ich werde nichts mehr tun, das davon beeinflusst ist.‘ Ein paar Tage später war er dann tot.“ Es gab keine Hinweise auf fremdes Einwirken bei Bonds Tod. Einen Abschieds- brief aber auch nicht. Einige Leute haben vermutet, dass er an jenem Nachmittag vor Unbekannten in die Haltestelle Finsbury Park geflüchtet war, vielleicht Drogendealern, denen er Geld schuldete. Aber ohne jegliche Zeugen, die sich bei den Ermittlungen meldeten, konnte der Gerichtsmediziner kein endgültiges Urteil fällen. Es ist wohl am wahrscheinlichsten, dass er sich selbst das Leben nahm.

„Sein Tod schockierte mich“, gesteht Jack Bruce. Ich ging zu seiner Beerdigung und spielte dort auf der Orgel diese unglaubliche Elegie. Viele Leute waren davon sehr bewegt. Und ich fühlte wirklich, dass ich Botschaften von ihm bekam. Ich spürte seinen Geist und wob viele seiner Stücke mit ein. Es war wunderschön.“

Graham Bond war kein Heiliger. Selbst nach all den Jahren fasst ihn Bruce als „ein Unikum und ziemlich schwierig“ zusammen. Drogensucht und Alkohol betonten nur seine weniger angenehmen Wesenszüge. Noch viel verstörender ist die Behauptung in Helen Shapiros definitiver Biografie „Graham Bond: The Mighty Shadow“, dass er sogar seine Stieftochter sexuell missbraucht haben soll. Bond gab es nie zu, leugnete es aber auch nicht. Als Musiker jedoch ist seine Bedeutung unter seinen Zeitgenossen immens. „Die Musik wurde nie in Frage gestellt“, bestätigt Bruce. „Die Organization war eine echte Macht. Für ihre Zeit waren sie erstaunlich hip.“ Paul Olsen glaubt, dass Bonds exzessives Verhalten und Wesen sowohl seine größte Schwäche als auch Stärke waren: „Viele englische Spießer wollten nichts mit ihm zu tun haben. Und er war unberechenbar. Aber solche Leute bereichern unser Leben. Wenn er in einen Raum kam, waren alle anderen egal. Er hatte eine dieser natürlich großen Persönlichkeiten. Als ich ihn das erste Mal 1970 im Roundhouse in London sah, war er ein echtes Monster auf der Bühne. Er trug seine Umhänge, seine langen, wehenden Sachen und all seine Pentagramme.“

Für Pete Brown hat Bonds Einfluss nie nachgelassen. „Sein Auftreten und seine Ideen das Ding mit den vielen Keyboards, die Sachen, die er trug und spielte wurden von Leuten kopiert, die viel mehr Geld verdienten. Die Progrocker bedienten sich definitiv bei ihm. GBO waren keine Schönlinge, die herum stolzierten sie waren echte Musiker mit echter Seele. Und obwohl da vier große Intellekte involviert waren, war es nicht nur verkopfte Musik. Es war auch körperliche Musik, kraftvoll und sexy und groovy. Und genau so sollte Musik auf dich wirken. Er war der klassische Fall von jemandem, der zu Lebzeiten nie so richtig geschätzt wurde.”