Green Day @ Marina Chavez (1)Die meisten Bands sind nach 23 Jahren und 65 Millionen verkaufter Alben müde, satt und ausgelaugt. Nicht so das Trio aus dem kalifornischen Oakland, das nach zwei anspruchsvollen Konzeptalben zum Spaß-Prinzip zurückkehrt – mit nicht weniger als 37 Songs auf drei Alben und einer ebenso simplen wie provokanten Botschaft: Öfter mal ficken!

E. Balboa Street, Newport Beach, California, USA, ist nicht gerade eine Punkrock-typische Adresse. Im Gegenteil: Dahinter verbirgt sich die Flaniermeile einer schicken Halbinsel, ca. 90 Autominuten südlich von L.A. – mit mondänen Strandhäusern, die unverbauten Meerblick bieten, garantiert ein Vermögen kosten, und Mitte Juli ausgerechnet Green Day beherbergen, die hier ihre kommende Albumtrilogie UNO, DOS und TRE vorstellen – weil Mastermind Billie Joe Armstrong ein begeisterter Surfer ist. Und weil man sich das exklusive Ambiente inzwischen leisten kann. „Ich verbringe hier meine Sommer mit der Familie“, verrät das schmächtige, kleine Männchen mit den schwarzen Struwwelhaaren, dem man die 40 so gar nicht ansieht. „Es ist einer der besten Surf-Strände Amerikas – noch vor Pacifica und Santa Cruz, wo ich auch ab und zu vorbeischaue.“ Was, so gibt er stöhnend zu, in den letzten zwei Jahren aber eher selten der Fall war.

Denn das Kollektiv der Schulfreunde, die 1989 zusammenkamen, um Marihuana zu rauchen und ihrer Begeisterung für Punkrock zu frönen, ist längst Big Business und wahnsinnig busy. Selbst dann, wenn man gerade keinen neuen Tonträger am Start hat – und der letzte, 21ST CENTURY BREAKDOWN, von 2009 datiert. Denn schließlich haben Green Day den Vorgänger AMERICAN IDIOT nicht nur auf die größten Stadionbühnen der Welt gebracht, sondern auch an den New Yorker Broadway – als Musical, das mit Kritikerlob überschüttet wurde, und nun sogar verfilmt werden soll. Produziert von keinem geringeren als Tom Hanks und mit hochkarätiger Besetzung. Wofür zum Beispiel Robert Pattinson aus der Twilight-Saga im Gespräch ist. Doch Billie Joe winkt ab: „Er wird definitiv nicht dabei sein. Einfach, weil ich keine Teeniestars will. Wer weiß, vielleicht übernehme ich die Hauptrolle selbst. Ich traue mir das durchaus zu, und ich wollte schon immer einen Green Day-Film drehen. Es sieht so aus, als sollte das jetzt klappen.“

Was seine Hauptbeschäftigung im kommenden Kalenderjahr werden dürfte – neben einer ausführlichen Welttournee, die bereits Ende August mit ausgewählten Open Airs auf europäischem Boden startet. „Ich habe keine Ahnung, was wir da machen werden oder wie das Set aussehen könnte“, grinst Billie Joe. „Schließlich ist das neue Material zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht auf dem Markt – und es macht keinen Sinn, die Leute damit zu penetrieren. Denn die Kids wollen singen und tanzen, aber nicht dastehen und mit Sachen konfrontiert werden, die sie nicht kennen. Insofern würde ich sagen, dass wir beim ersten Durchgang vor allem altes Material spielen. Und damit meine ich Songs aus der Zeit vor DOOKIE – wie zum Beispiel ›Kerplunk‹, das wir schon ewig nicht mehr gebracht haben. Und was richtig lustig werden könnte. Die neuen Sachen bringen wir dann beim nächsten Mal.“

Also ab Frühjahr 2013. Denn was Green Day in den nächsten Monaten auf ihr Publikum loslassen, ist kein konventionelles Studioalbum, sondern eine abendfüllende Trilogie, die im Abstand von je zwei Monaten erscheint, aus 37 Stücken mit zweistündiger Spielzeit besteht und (in Punkto Artwork) von den Gesichtern der Bandmitglieder Mike Dirnt (DOS), Tre Cool (TRE) und Billie Joe (UNO) geschmückt wird. Was erneut nach hochtrabendem Konzept klingt. In Wahrheit aber, so unser Gegenüber, eher das exakte Gegenteil ist. „Die Ausgangssituation war die, dass wir keine Rock-Oper schreiben wollten, weil wir das schon getan haben, und das unglaublich anstrengend ist. Ganz abgesehen davon, dass es aktuell auch kein konkretes, politisches Feindbild gibt, bzw. Amerika in einer Übergangsphase ist, die hoffentlich in eine bessere Zukunft führt. Da muss man abwarten und sehen, was passiert. Aber da ist nichts, was man ins Visier nehmen und an den Pranger stellen muss – weil man einen durchgeknallten Mormonen wie Mitt Romney eh nicht ernst nehmen kann, und es im Grunde außer Frage steht, dass Obama die nächste Wahl gewinnt und seine Politik fortsetzt. Denn seien wir ehrlich: Selbst, wenn er nicht alles umgesetzt hat, was er versprochen hat, so ist er immer noch um Klassen besser als George W. Bush. Und ich bin zuversichtlich, dass er Themen wie gleichgeschlechtliche Ehen und Umweltschutz in seiner nächsten Amtszeit angehen wird.“

Und was Green Day dazu veranlasste, einfach unbekümmert drauflos zu schreiben – ohne inhaltliche Vorgaben, aber mit einer fixen, vielleicht sogar nicht minder subversiven Idee: „Wir wollten Songs übers Sex haben schreiben – übers Ficken, Mann.“ Denn in seiner Urform sei Rock´n´Roll ja eine sehr kontaktfreudige, anzügliche und somit provokante Sache gewesen und hätte durchaus eine gesellschaftliche Mission verfolgt. „Hör dir die frühen Stücke von Jerry Lee Lewis, Little Richard, Elvis oder Chuck Berry an – das war ein Schlag ins Gesicht des gottesfürchtigen Kleinbürgertums. Einfach, weil es darum ging, das Leben in vollen Zügen zu genießen. Und das ist auch meine ganz persönliche Lebenseinstellung. Denn ich habe fast jeden Tag Sex mit meiner Frau – und genau das würde vielen Amerikanern gut tun, um ein bisschen lockerer und entspannter zu werden. Das hätte dieses Land bitter nötig.“

Weshalb Billie Joe & Co. fiese Breitsalven wie ›Fuck Time‹, ›Makeout Party‹ oder ›Stay The Night‹ auffahren, und damit die Zensur in konservativen Medien und Kaufhausketten riskieren. Gleichzeitig aber auch ein starkes künstlerisches Statement abgeben: Mehr körperliche Liebe für eine bessere Welt. „Ein schöner Gedanke, oder?“, lacht Billie Joe. Der aber nicht, und das betont er mehr als einmal, die Kernaussage der Alben sei. Es handle sich einfach um gute Songs, die halt in drei unterschiedliche Richtungen und drei individuelle Tonträger zerfallen. „Ich würde sagen, UNO ist mehr Power-Rock. DOS ist eine Garagen-Rock-Party. Und TRE ist der Kater danach – mit einem epischen Sound. Ansonsten gibt es aber keinen Zusammenhang. Es ist wie „Van Halen I, II, III – in gut.“ Natürlich…