Greta Van Fleet: Almost Famous?

Greta Van fleet @travis shinnAls heller Stern am Rockhimmel werden sie gefeiert, als Zukunft unserer bereits seit den 70er-Jahren totgeglaubten Lieblingsmusik betitelt…

Zum ersten Mal in der Zeit bei CLASSIC ROCK fühlt man sich alt. Das mag einerseits natürlich mit der magischen und im Rock’n’Roll bekanntlich so einschüchternden 27 zusammenhängen, vor allem aber liegt es an den zwei jungen Burschen, die gerade ins Hotelzimmer und zu mir an die runde Interviewtafel geführt werden. Los Angeles, 12:00 Uhr mittags. Es ist sonnig in Kalifornien. Die Felsen und Schluchten be­­ginnen zu zittern und zu beben, als die Kinder der Sonne erwachen. Hübsch sehen sie aus, die beiden, mit ihrer babyglatten Haut, dem langen, seidigen Haar und einem Glanz in den Augen, der von Aufbruchstimmung zeugt, jedoch auch bereits ein äußerst einnehmendes Selbstbewusstsein ausstrahlt. 19 und 22 Jahre sind sie erst alt, Danny und Jake, ihrer Zeichen Schlagzeuger und Gitarrist der aufsteigenden Sterne am Rockhimmel: Greta Van Fleet.

Eine Gruppe mit seltsamem Namen (den haben sie übrigens von ihrer Nachbarin im beschaulichen Örtchen Frankenmuth ge­­klaut), die für mehr Aufsehen sorgt als sonst irgendwer in der letzten Zeit: „Die sind so verdammt jung“, hört man die Leute sagen. „Sie klingen genau wie Led Zeppelin“, kommt dann meistens an zweiter Stelle. Selbiges behauptet übrigens auch Maestro Plant höchstpersönlich. Das Verrückteste an der Geschichte? Jeder, verdammt nochmal jeder, kennt Greta Van Fleet und das, obwohl das Quartett um die Brüder Josh, Jake und Sam noch nicht einmal ihren ersten Longplayer, sondern „lediglich“ zwei EPs herausgebracht hat, die binnen kürzester Zeit einen Tsunami an Aufmerksamkeit losgetreten haben.

Im Oktober ist es nun endlich soweit und das lang ersehnte und lang geheimgehaltene ANTHEM OF A PEACEFUL ARMY erscheint. Schwer zu sagen, wann zuletzt so ein Rambazamba um ein Debütalbum veranstaltet wurde, aber eines ist sicher: Die Platte ist gelungen, das betonen auch ihre Erschaffer souverän. Wie es sich anfühlt, in so jungen Jahren derartig kometenhaft durchzustarten, was Elton John mit ihren neuerdings freizügigen Outfits zu tun hat und wie man das Korsett der eigenen Möglichkeiten und die Fratze des Ruhms bestmöglich bändigt (Achtung, das war ein Zitat-Test), erklären Danny Wagner (D) und Jake Kiszka (J) eloquent und mit einer ordentlichen Portion Professionalität im Interview.

Das erste Mal habe ich letztes Jahr im Oktober über euch geschrieben. Was einem na­­türlich sofort ins Auge springt, ist eure Heimatstadt Frankenmuth. Ich komme aus Bayern und Frankenmuth wird ja „Little Bavaria“ genannt. Kann es an einem Ort, der aussieht wie „Whoville“ aus „Der Grinch“, eine Rockszene geben?
J: Nicht wirklich. Ab und zu fanden ein paar Konzerte im Park statt, das war’s dann aber auch.
D: Musik ist willkommen, wird aber nicht unbedingt gefördert. Wobei die Stadt an sich jedoch Raum für diverse Arten von Kreativität und Kunst bietet. Es herrscht ein starker Zusammenhalt in Frankenmuth und es gibt viele Festivitäten. Wie ist das in Deutschland?

Na ja, also festivaltechnisch ist schon einiges geboten…
J: Wir waren ja schon in Deutschland und ich muss sagen: Frankenmuth macht eher einen mittelmäßigen Job, was die Imitation betrifft. (lacht)

Ein bisschen stereotypisiert, würde ich meinen. Wie konnten sich Greta Van Fleet in dieser Umgebung entwickeln?
J: Na ja, wir wuchsen etwa zehn Minuten außerhalb auf, Danny wohnte nur ein paar Meilen weiter. Ich denke, es trug maßgeblich zu unserem Sound bei, dass wir eben gerade keine Szene hatten, an der wir uns festhalten konnten. Nichts drängte uns in eine bestimmte Richtung, wir erschufen uns sozusagen aus dem Nichts.
D: Wir hatten damals einfach unfassbar viele Freiräume…

Und wart überhaupt nicht szenegebunden…
D: Genau, wir waren aneinander gebunden, aber irgendwie auch wieder nicht, weil wir es waren. Macht das jetzt Sinn? (lacht) Ich meine: Es gab keine festen Regeln, deswegen hingen wir zusammen ab und… irgendwie gab es da auf einmal etwas, auf das wir uns die ganze Woche freuen konnten. Sogar nach ein paar schrecklichen Tagen konntest du am Ende immer noch Musik zusammen machen. Das war unser Lichtblick…

Klingt stark nach Eskapismus. Hattet ihr das Gefühl, die Stadt war zu klein für euch?
J: Ja, total. Junge Leute heute erfahren ein sehr schematisches Aufwachsen. Du bist genau so viel in der Schule, wie du zuhause mit deiner Familie Zeit hast. Verrückt, oder? Und es geht immer um eine gewisse Art von Funktionieren. Eins nach dem anderen. Und Teil einer so kleinen Gemeinschaft zu sein, bringt auch mit sich, dass du in alles involviert bist, was es da eben gibt. Also in den Chor, eine Band und Sport. Alles ist irgendwie getaktet. Und ich denke, wir wollten einfach hinter diese Grenzen schauen und Musik war da eben das passende Ventil, auf das wir uns – wie Danny sagte – immerzu freuen konnten. Nach der Schule trafen wir uns in der Garage, um zu jammen…

Ländlichere Gegenden nähren meiner Erfahrung nach oft die Kreativität der jungen Leute. Hattet ihr ein musikalisches Erweckungserlebnis? Der Klassiker vieler älterer Musiker ist ja: Man hörte die Beatles im Radio und wusste, dass man in einer Band sein wollte…
D: Wir leben in anderen Zeiten heute, da ist so etwas eher schwierig. Die Musiklandschaft ist so anders. Aber für mich waren meine ersten Jams mit den Jungs sozusagen das erste Mal, dass ich mit anderen zusammengespielt habe. Und das ist wohl einem Erweckungserlebnis sehr ähnlich. Dein Puls vibriert, der Sound ist einfach so viel fetter mit einer Einheit an Künstlern…
Wann hast du dich dazu entschlossen, Schlagzeuger zu werden?
D: Als ich musste. (lacht)

Ihr brauchtet einen Drummer und darauf hin hast du angefangen?
D: Genau! Ich hatte ein Kit, spielte oft im Keller, ich war also kein kompletter Neuling. Aber ab diesem Zeitpunkt habe ich mich den Drums verschrieben. Ein weiteres Erweckungserlebnis. Ir­­gendwas in meinem Hirn machte „Klick“ und ich blieb einfach sofort dran, ich habe mich in das Instrument verliebt. Auf einmal bekam ich es einfach nicht mehr aus dem Kopf.
J: Ich denke, so geht es vielen Bands. Der Aha-Moment liegt darin, wenn du zusammen spielst und plötzlich diese kraftvolle Einheit entsteht. Das ist etwas, das die Künstlerseele immer weiter antreibt und dich dazu bringt, dich zu entwickeln, mehr zu erreichen und immer wieder an diesen Punkt kommen zu wollen. Es gibt nichts in der Welt, das dieses Gefühl schlagen kann.

Haben euch eure Eltern musikalisch beeinflusst?
D: Ich denke schon. Sie haben uns sanft herangeführt und als sie merkten, wie interessiert wir waren, hatten sie wirklich Spaß daran. Denn ab da konnten sie einen wichtigen Teil ihrer selbst an ihre Kinder weitergeben. Wir liebten es und sie liebten es.

Wer würde es nicht lieben, wenn sich die eigenen Kinder für coole Dinge interessieren!
D: Eben! (lacht)
J: Wir hatten eine große Vinylsammlung zuhause. Auch schon bevor wir ernsthaft mu­­sikalisch interessiert waren, benutzten wir die Platten als Spielzeug, nahmen sie aus der Hülle, legten sie auf und ließen sie drehen. Es war schon unser Spielplatz, bevor wir überhaupt kapierten, welche Schätze da versteckt liegen.

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