Hanni El Khatib 2013 @ Nick WalterDie Welt ist ein Dorf? Was im Cyberkosmos schon längst gilt, ließe sich auch auf den Ausnahmekünstler Hanni El Khatib anwenden, in dessen Werdegang schon verschiedenste Stationen eine wichtige Rolle spielten, bevor er überhaupt so richtig durchstartet. Und das wird er…

Text: Matthias Jost

Aus San Francisco kommt er, und natürlich ist es für US-Bürger nichts Ungewöhnliches, Wurzeln fernab Nordamerikas zu haben. Im Falle von Hanni El Khatib sind diese jedoch so grundverschieden, dass man sie einfach erwähnen muss: Sein Vater ist Palästinenser, seine Mutter dagegen stammt von den Philippinen. Zwei Tausende von Kilometern auseinander liegende Orte, die auch kulturell Lichtjahre voneinander entfernt sind, die allerdings beide nicht unbedingt die besten Erfahrungen mit amerikanischer Außenpolitik gemacht haben, wenn auch wiederum aus völlig verschiedenen Gründen…

„Natürlich, das prägt“, bestätigt Hanni am Telefon, „deine Wurzeln beeinflussen unweigerlich deine Perspektive auf die Welt, wie du Dinge betrachtest, und es ist schon was anderes, als bikulturelles Kind in Amerika groß zu werden. Mein Vater spricht Arabisch, meine Mutter Tagalog, da fühlt es sich schon etwas seltsam an, wenn man dann als einziger Junge mit so einem Hintergrund auf eine komplett weiße High School geht. Ich habe zwar mein ganzes Leben in Kalifornien verbracht, aber mich definitiv nie so richtig als Teil davon gefühlt. Dabei wurde ich katholisch erzogen und ging auf eine katholische Schule, allerdings auch nur, weil das die einzige brauchbare Schule in unserer Nähe war. Mein Vater ist natürlich Muslim, aber heute praktizieren wir eigentlich keinen Glauben. Es gibt da zwar so einige Verwandte auf beiden Seiten der Familie, die das eher strenger sehen, aber bei uns war das zum Glück nicht so. Meine Eltern haben beide immer die Künste geschätzt und ich bin in einem sehr weltoffenen Umfeld aufgewachsen. Das hat es mir gestattet, zu sein, wer ich bin, und sie haben mich immer unterstützt. Und wie man weiß, ist San Francisco ja auch eine sehr tolerante Stadt. Ich hätte garantiert eine andere Geschichte zu erzählen, wenn ich aus Wyoming käme…“

Die liberale Erziehung förderte das kreative Wesen des Jungen, der zunächst eine ganz andere Laufbahn einschlug: Für das Skateboard- und Streetwear-Label HUT war er als Designer tätig – ein sehr lukrativer Job, der ihm viel Spaß machte, doch sein Herz schlug letztlich wesentlich lauter für die Musik: „Sie war schon immer ein großer Teil meines Lebens gewesen und irgendwann beschloss ich dann, tatsächlich ein Album aufzunehmen. Das geschah immer mal wieder zwischendurch, wann immer ich Zeit und Lust hatte. Abends, an Wochenenden…es war ja nicht eilig, und so richtig ernst war das auch nicht, niemand rechnet schließlich mit einem Debütalbum. Doch dann ging ich auf Tour und plötzlich wurde es sehr ernst. Da bin ich gewachsen, habe mich entwickelt, und die Sache wurde größer…“

WILL THE GUNS COME OUT hieß dieses erste Album, und es wurde zu so viel mehr als einem Spaßprojekt. Neben ausgedehnten Tourneen durch die USA führte es Hanni nämlich auch nach Europa, wo ein weiterer Ort zum wichtigen Katalysator für seine Laufbahn werden sollte: „Wir hatten eine Show in Paris und danach trat ich noch als DJ in einer Bar auf. Es stellte sich heraus, dass sich auch Dan Auerbach von den Black Keys dort aufhielt und wir wurden einander vorgestellt. Was sich als sehr wichtige Begegnung erweisen sollte. Wir verstanden uns sofort blendend und waren total auf einer Wellenlänge. Und am nächsten Tag hatten wir zufällig beide einen freien Tag, also trafen wir uns wieder, zogen durch Paris und wurden zu richtigen Freunden. Wir sind immer in Kontakt, egal, wo wir uns gerade befinden. Als es dann darum ging, das neue Album zu machen, lag es auf der Hand, ihn zu fragen, ob ich sein Studio benutzen könnte. Und wie es der Zufall so wollte, kam er gerade von einer Tour nach Hause, als wir dort ankamen. Nachdem er also ohnehin schon vor Ort war, bot es sich natürlich an, ihn auch gleich als Produzenten anzuheuern…“

Wer Mr. Auerbachs Vita auch nur ein bisschen kennt, weiß, dass der Herr die perfekte Besetzung für den Job war, denn bei aller kulturellen Vielschichtigkeit und der Anbahnung auf französischem Terrain ist HEAD IN THE DIRT doch vor allem eines: uramerikanisch. Hanni El Khatib spielt kräftig gewürzten Bluesrock mit moderner Färbung, haut ungestüm in die Saiten, bringt mit rumpeligen Donnerbeats à la Jon Spencer sowohl ein bisschen Rotz als auch hippe Akzente ins Spiel und vergisst darüber nie, dass eine gute Melodie aller Ohrwurm Anfang ist. Wer einmal den Poprocker ›Penny‹ gehört hat, wird ihn für den Rest des Tages beschwingt nachsummen, während ›Nobody Move‹ und ›Pay No Mind‹ auch die Nackenmuskeln ansprechen werden… Die ungebremste Leidenschaft ist jedenfalls allzeit spürbar, was unter Umständen mit einem weiteren Ort zu tun hat, der eine Schlüsselrolle bei der ganzen Geschichte spielt: Nashville.

Schon seit einigen Jahren entwickelt sich die Stadt in Tennessee zum echten Schwergewicht unter den Musikmetropolen, und zwar jenseits der Country-Kultur, denn zahllose Indiebands haben hier Alben aufgenommen oder sich gar ganz dort niedergelassen – wie eben auch Dan Auerbach mit seinem Studio. Was also macht Nashville so besonders? „Du spürst einfach überall, dass diese Stadt musikhistorisch unglaublich reich ist. Sie ist auf Musik aufgebaut! Du gehst tagsüber was essen, und genau der Typ, der dir deine Bestellung bringt, steht dann abends plötzlich auf einer Bühne vor dir – und ist mit ziemlicher Sicherheit der beste Gitarrist, den du je gesehen hast. Im Zentrum der Stadt gehen sie sogar so weit, dass die Stromkästen mit Lautsprechern ausgestattet sind, die den ganzen Tag Country & Western oder Rock‘n‘Roll spielen. Und wenn du dort am Flughafen mit einer Gitarre in der Hand anstehst, wirst du in der Schlange nach vorne durchgewunken und wie ein VIP behandelt!“

Mit wachsendem Erfolg wird die VIP-Behandlung wohl auch andernorts bald zur Regel für Hanni, doch zunächst mal geht es weiter mit harter Arbeit. Worauf sich im Übrigen auch der Albumtitel bezieht, denn als Berufsmusiker muss man bisweilen einfach die Welt da draußen mal ausblenden: „Das Leben auf Tour ist schon ziemlich extrem. Du hast wenig Privatsphäre, bist den ganzen Tag mit denselben Leuten auf engstem Raum zusammengepfercht und belastest auch deinen Körper extrem. Das ist sehr fordernd, körperlich wie seelisch. Wenn du dann auch noch irgendwelche Probleme von zu Hause mit dir rumschleppst, an denen du gerade ohnehin nichts ändern kannst, läufst du Gefahr, den Fokus zu verlieren und nicht mehr deinen Job zu machen. Deswegen musst du eben einfach mal den Kopf in den Sand stecken und dich nur auf das konzentrieren, was gerade wichtig ist. Nur so stehst du es durch, 33 Konzerte an 36 Tagen zu spielen.“

Ein bemerkenswertes Arbeitsethos, das Hanni El Katib gewiss noch an viele weitere Orte auf dem Globus führen wird. Wir sind gespannt, welche Begegnungen, Erlebnisse und faszinierenden Geschichten daraus entstehen werden…