Vor 43 Jahren trat Dave Brock erstmals mit seiner Band in Erscheinung, die seither eine Laufbahn mit schwindelerregenden Irrungen und Wirrungen, Aufs und Abs, Besetzungswechseln noch und nöcher und einem undurchdringlichen Dschungel an Veröffentlichungen aufs Parkett gelegt hat, bei der selbst der Bandkopf mal den Überblick verlieren kann. Doch für echte Weltraumkadetten gibt es nur eine Blickrichtung: nach vorne, wie das neueste Hawkwind-Werk ONWARD nicht nur im Titel bekräftigt.

Nun gut, dieses neueste, gefühlt 47. (oder gar 74.?) Album der Briten erfindet das Raketentriebwerk nicht neu und stellt auch keine Abkehr vom ureigenen Hawkwind-Sound dar. ONWARD klingt wie ein Ausflug in eine psychedelisch farbenfrohe Dimension, die nur Profi-Lysergiker wirklich vollständig verstehen, verarbeiten und vergnügt auskundschaften können – eben jener Kosmos, in dem man an Planeten und Asteroiden vorbeifliegt, die sich als Psilocybin-getränkte Wattebäusche oder Popcorn mit Meskalingeschmack erweisen. Ja, das sind natürlich alles Klischees experimentierfreudiger Psychonauten, aber selbst wer in seinem Leben noch keine bewusstseinserweiternde Substanz angerührt hat, muss zugeben: Diese Musik klingt abgehoben, anders, weltfremd. Und, um an den Anfang des Diskurses zurückzukehren: vital, lebensfroh und alterslos.

Was doch eine ziemliche Leistung ist, wenn man bedenkt, dass Bandkopf Dave Brock inzwi- schen stolze 70 Lenze zählt. Doch so wie die Zeit immer schneller zu vergehen scheint, arbeitet er offenbar immer flotter. „Wir haben allein letztes Jahr dreieinhalb Platten gemacht“, erzählt er von seiner kleinen Farm im ländlichen Südwesten Englands aus, „und wir lassen im Studio wirk- lich nichts anbrennen. Wir haben ein großes Schild aufgehängt, auf dem steht: ‚Less talk, more takes‘ (‚weniger reden, mehr aufnehmen‘). Nur falls irgend jemand auf den Gedanken kommen würde, das wäre ein Kaffeeklatsch alternder Rockopas.“

Auch nach Dutzenden Platten sprudelt Daves kreative Ader wie eh und je. „Nein, es fällt mir überhaupt nicht schwer, neue Stücke zu schreiben. Ich kann eigentlich gar nicht damit aufhören! Außerdem haben wir tolles, altes Elektronik-Equipment, und in Verbindung mit der neuesten Studiotechnologie kann man soviel wunderbare Sachen machen. So schnell gehen mir die Ideen nicht aus … ONWARD ist auch wieder eine schöne Platte aus interessanter Musik, seltsamen Elektronikeffekten, einfach netter Hippie-Rock. Aber wir arbeiten schon wieder am nächsten Album.“

So leicht ihm das Erschaffen neuer Musik fällt, so schwer kann es aber sein, diese an ihr Publikum zu bringen. ,,Wir machen alles komplett selbst, uns schenkt niemand etwas. Wir produzieren und vertreiben unsere Musik, wir organisieren unsere eigenen Tourneen und Festivals, wir sorgen für unser Merchandise, und das ist oft ein Kampf. Wir haben treue Fans, und denen wollen wir natürlich was bieten. Wir geben uns immer Mühe, aufwendige Lightshows und eine anspruchsvolle Multimedia-Produktion auf die Bühne zu bringen, und wir haben gesehen, wie große Acts, etwa Madonna, unsere Ideen in ihre eigenen Shows einbauen. Und die können das natürlich mit viel größeren Budgets … Aber ich will nicht klagen. Wir geben unser Bestes, und wir kämpfen für eine Sache, an die wir glauben.“

„Die Sache“ wird spätestens seit dem Hit ›Silver Machine‹ von 1972 und der folgenden „Space Ritual“-Tour mit dem Begriff Spacerock definiert, kategorisiert – und vielleicht auch redu- ziert? „Es gab Zeiten, da hat mich dieses Wort genervt, denn man will ja nicht nur in eine Schublade gesteckt werden. Andererseits kann ich nicht leugnen, dass unsere Musik damit ganz passend beschrieben wird. Außerdem kann ich nach all den Jahren sagen, dass es auch seine Vorteile hat, wenn man seine Nische gefunden hat, in der man anerkannt und respektiert wird.“

Anerkennung und Respekt waren für Hawkwind allerdings nicht immer selbstverständlich. Der Mainstream verabschiedete sich nach dem einen Hit recht bald wieder, während gerne mal auf Streitereien hinter den Kulissen, Brocks angeblich diktatorischem Verhalten und den ständigen Besetzungswechsel rumgehackt wurde „Ach, da wurde so viel behauptet von Leuten, die keine Ahnung haben. Klar, in 40 Jahren hat man auch mal Streit mit Leuten, und es ist hier und da immer mal wieder jemand von Bord gegangen oder an Bord gekommen. Aber unser Drummer ist jetzt seit 26 Jahren dabei, und Niall Hone (Gitarre, Synthesizer, Bass) kenne ich schon, seit er ein Baby war, denn sein Dad ist mein bester Freund, seit ich 17 bin!“

Und was die Akzeptanz der breiten Masse angeht, ist Dave ebenfalls nicht übermäßig besorgt. „Was müssten wir tun, um wieder ein größeres Publikum zu erreichen? Keine Ahnung! Vor ein paar Jahren habe ich ein Lied für den Soundtrack zu ‚An jedem verdammten Sonntag‘ geschrieben und dafür einen Haufen Geld bekommen. Sowas kann ja wieder mal passieren. Würde ich sagen, wir haben die Anerkennung bekommen, die wir verdienen? Vermutlich nicht. Aber ich habe Freude an dem, was ich tue, und es hat mir ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht. Ich könnte jetzt darüber jammern, dass wir bei unserem ersten Vertrag mit United Artists gerade mal 1,5 % der Einnahmen bekamen, aber da sind wir doch nur eine von Tausenden Bands, die übers Ohr gehauen wurden. So war das eben damals, und wir haben daraus gelernt. Es gibt uns immer noch, also haben wir offenbar etwas richtig gemacht!“

Und das will er auch weiterhin tun, denn auch mit 70 denkt er nicht an den Ruhestand. Deutschland soll übrigens auch mal wieder bereist werden, denn Dave hat schöne Erinnerungen an diese Breitengrade. „Wir waren mal im Campingurlaub und machten mit dem Wohnmobil an der Lorelei halt. Das war nicht nur ein wunderschöner Ort, es lief auch gerade das Festival, wovon wir vorher nichts wussten. Das hat uns so gut gefallen, dass wir dort spielen wollten, was dann auch mal geklappt hat. Ein tolles Erlebnis, das beste Festival überhaupt! Und das Publikum bei euch war immer sehr gut zu uns, also kommen wir wieder gerne.“ Ein Zugeständnis ans Älterwerden gibt es allerdings: „Wir touren nicht mehr so lange, denn das ist wahnsinnig anstrengend. Statt einer großen Tour gibt es jetzt kleinere Ausflüge mit ein paar Shows. Einige von uns haben ja auch Familie, und für mich ist es immer ein Problem, die Hunde mitzunehmen.“

Ganz menschliche Probleme also für den König aller „space cadets“, doch die Reise geht weiter. „Wieso sollte ich in Rente gehen? Es macht mir immer noch großen Spaß, wir sind eine Gruppe von Kumpels, die nah beisammen wohnen und gerne Musik machen. Wenn ich das nicht mehr hätte, würde ich mich zu Tode langweilen. Ich bin lieber beschäftigt. Und es passiert viel Mist in diesem Land und dieser Welt, den ich kommentieren will. Das Thema unserer nächsten Platte werden Tierversuche und Fleischessen im Allgemeinen.“

Unermüdlich, unkaputtbar, unsterblich. Den „Lebende Legende“-Status haben sich Hawkwind redlich verdient, und das Raumschiff fliegt weiter und weiter … onward, upward, from here to eternity”.