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Von Fans finanziert, von Mitgliedern produziert, nehmen die Headstones nach elf Jahren Pause das beste Album ihrer Karriere auf. Knurrer Hugh Dillon, inzwischen erfolgreicher Filmschauspieler, betont: „Ich will ehrlich und prägnant klingen!“

Sie überfallen den Hörer förmlich, die Riffs und Rhythmen des neuen Headstones-Albums. Die Songs der Kanadier sind wie Unwetter, die urplötzlich über den Hörer herein brechen. In den 90ern war das Quartett aus Kingston eine der populärsten Punk‘n‘Roll-Bands des Landes, seine Platten wurden mit Gold und Platin prämiert. Doch eine Scheibe von der Qualität der neuen, passend betitelten LOVE+FURY war nicht darunter. Vergleiche mit Namen wie MC5, Social Distortion, Iggy Pop und ihren Landsleuten Danko Jones sind angebracht. „Wir haben diese Platte selber gemacht, es gab keinen Einfluss von Produzenten. Ich weiß wie diese Band spielt, ich weiß, was ich will. Ich will ehrlich und prägnant klingen!“, unterstreicht Hugh Dillon während des Interviews ein ums andere Mal. „In den 90ern haben wir auf Plattenfirmen und Produzenten gehört und unseren Sound verändern lassen. Das war der Fehler.“

Dillon ist die Entschlossenheit anzumerken, sich nicht vom rechten Weg abbringen zu lassen. Die Headstones hatten sich 1987 gegründet und 2002 aufgelöst. Der Knurrer verfiel Alkohol und Heroin, er musste ins Trockendock. Darauf startete das Multi-Talent eine Filmkarriere, die äußerst erfolgreich verlief. Er spielte in diversen TV-Serien und Kinofilmen alle möglichen Rollen, vom Punk bis zum Polizisten. Auf die Frage, wie sich Kino- und Musikgeschäft unterscheiden, antwortet er: „Vor der Kamera bin ich ein gemietetes Gesicht, das anderer Leute Stories wiedergibt. Aber ich mag meine Rocksongs, weil sie meine eigene Geschichte erzählen.“ Es spricht für Dillon, dass er erst Musiker und später Schauspieler wurde. Seine Lieder überzeugen. Das ist der Unterschied zu Schauspielern, die eine Platte aufnehmen und den Gesang lediglich als eine von vielen Rollen betrachten. „Du hast völlig recht“, pflichtet Dillon bei. „Auf die Idee zur Schauspielerei kam ich, weil ich Iggy Pop und Tom Waits schauspielen sah. Sie kamen von der Musik.“

Ein selbstbestimmtes, authentisches Stück Rock wie LOVE+FURY wurde möglich, weil 1.597 Head-stones-Fans ihren Worten Taten folgen ließen. Per pledgemusic.com spendeten sie harte Dollars für die Albumproduktion, in kürzester Zeit hatten Hugh Dillon & Co. weit mehr Geld als veranschlagt zusammen. „Wir machten dieses Album für uns selbst, wir erwarteten nicht, das es sich verkaufen würde. Es war nie als Goldesel gedacht, genau wie unsere frühen Indie-Platten. Wir machten LOVE+FURY mit Fans, die uns Geld gaben, obwohl sie nur den Song ›Binthatwayforyears‹ kannten. In kürzester Zeit gingen die Spenden durch die Decke.“ Die Scheibe erreichte Platz Sieben in Kanada, inzwischen haben sich mehrere Labels eingeklinkt, der Dreher wurde in den USA und Europa veröffentlicht. Einer der großartigsten Songs der Platte ist ›Dontfollowtheleader‹, ein Song, der mit seiner Unmittelbarkeit und Dynamik ins Schwarze trifft. „Der Text entstand in 15 Minuten“, berichtet Hugh. „Du musst für dich selber denken und handeln, sonst hat dein Leben keine Bedeutung. Andernfalls lebst du es für andere Leute und deren Gründe.“

Letzte Fragen an den 50-Jährigen im zweiten Frühling: Kann man als Rock‘n‘Roller würdevoll altern? „In Kingston ging ich in diesen Club, um Luther „Guitar“ Johnson zu sehen, der mit Muddy Waters gespielt hatte. Er war siebzig Jahre alt, wir rauchten Pot zusammen. Ich liebte seinen Blues! Der Blues hat nichts mit Alter zu tun, aber sehr viel mit Geschichtenerzählen, Leidenschaft und wie du dein Leben lebst“, antwortet Dillon und setzt hinzu, „ich liebe die Kunstform des dreiminütigen Rock‘n‘Roll-Songs, denn sie inspiriert und gibt Hoffnung.“

Henning Richter