hidden timbre
Zwischen Rock und Metal, mal instrumental, dann wieder randvoll mit Gesang: Diese Wundertüte nennt sich TRIANGULATION und stammt von der ostdeutschen Band HIDDEN TIMBRE.

Die Diskussion, ob der heutige Prog Metal nicht eigentlich Retro Metal heißen müsste, und ob das, was gemeinhin als zukunftsgerichtet ausgewiesen wird, nicht in Wirklichkeit dunkle Schatten der Vergangenheit zitiert, muss man mit Hidden Timbre nicht führen. Die fünfköpfige Band aus Gera kupfert weder bei Yes, Genesis oder Camel ab noch findet man in ihren Songs Spuren von Dream Theater oder Tool. Ihr neuestes Album nennt sich TRIANGULATION und wildert gekonnt zwischen Alternative Rock, Metal und Crossover. Das mag so manchem Puristen zu breit gestreut sein, erweist sich beim genauen Hinhören jedoch als homogenes, abwechslungsreiches und gerade wegen seiner diversen Widerhaken ungewöhnliches Epos.

„You die your old life, starting anew as someone else“, singt Sänger Ronny Uhlemann im Album-Opener ›Fortunes‹ und erfindet die Band damit quasi neu. Denn Uhlemann ist der neue Vokalist der Gruppe, seine Kollegen haben den Besetzungswechsel zum eigenen Vorteil nutzen und den Verlust ihrer bisherigen Sängerin Anja Bräutigam kompensieren können. Mehr noch: In neuer Besetzung hat die Musik der Thüringer an Profil und Eigenständigkeit gewonnen. Die beiden Gitarristen Andreas Kaiser und Clemens Prescher nutzen den ihnen gewährten Freiraum durch langgezogene Instrumentalpassagen, die speziell in ›Clemenza‹ an die Klangsphären von Long Distance Calling erinnern und bis in die Sphären von RPWL vordringen.

Apropos: Die persönliche Nähe zu den deutschen Prog-Rock-Soundvisionären ist mittlerweile fast schon Tradition. Half in früheren Tagen vor allem RPWL-Gitarrist Kalle Wallner tatkräftig mit, um Hidden Timbre zu ihrem stechenden, sehr präsenten Sound zu verhelfen, wird auf TRIANGULATION das gut 50-minütige Material von RPWL-Sänger/Keyboarder Yogi Lang gemastert. Und so passen der Härtegrad zweier Gitarren, der Druck des Basses, der Groove des Schlagzeugs und die textliche Attitüde zueinander. Wunderbar realistisch erzählen Hidden Timbre in ihrem Song ›Kidz‹ das Gemeinschaftserlebnis eines Rockkonzertes, wenn aus Fremden Brüder werden („we‘re all just kids, a company, a movement, we‘re all just kids, buddies, fellows of the moment, do we dig it? Well, we do“). Nicht erst seit ihrer großen Release-Party Anfang November 2013 in ihrer Heimatstadt wissen die fünf Bandmitglieder, was es bedeutet, wenn ein Konzert beginnt, der Sturm losbricht und Licht und Sound die Massen in Bewegung bringen: „What you hear is a drumfill that fits, that growling in your stomach it‘s a bassline that rips. The sound of an axe makes yourself dream, voices telling you: now it‘s time to scream.” Könnte man die Faszination eines Hidden-Timbre-Konzertes besser in Worte fassen?

Tatsache ist: Auf TRIANGULATION greift ein Rädchen ins andere, vereinen sich Gesang und Musik, Worte und Noten, Bandphilosophie und musikalisches Geschichtsbewusstsein. Es ist in der Tat eine Art Dreiecksbeziehung, die hier zum Tragen kommt und die Hidden Timbre vom Wust ähnlich gearteter Bands unterscheidet.

Ja, da steht es deutlich geschrieben, auf der Rückseite ihres Cover-Artworks: „Prog Metal“, in deutlich sichtbaren Buchstaben. Die Herren Uhlemann, Kaiser, Prescher, Mirko Schmidt (Bass) und Danny Schmidt (Schlagzeug) haben Recht: Retro ist an dieser Band rein gar nichts, was Hidden Timbre als progressiv, sprich: zukunftsorientiert anpreisen, ist in der Tat Musik für den Markt von morgen.

Matthias Mineur