Humble Pie Pop

Im Jahr 1971, also vor 40 Jahren, sind Humble Pie auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Die Briten, einst als eine der ersten „Supergroups“ gehypt, haben mit ihren vier Alben bewiesen, dass sie es ernst meinen, eine richtige Band sind, kein Projekt. Insbesondere ihre Live-Shows beeindrucken die Massen. Doch dann kehrt Gitarrist Peter Frampton Humble Pie den Rücken – und versetzt der Gruppe um Steve Marriott einen Schlag, von dem sie sich nicht mehr erholt.

Es ist der 3. Juli 1971. Ein grauer Tag in London, es nieselt ununterbrochen, die Wolkendecke will und will nicht aufreißen. Doch davon lassen sich die Menschen nicht abhalten, die sich im Londoner Westend zusammenrotten und in Richtung Hyde Park marschieren. Denn dort, so verkünden es die Plakate an den Laternenmasten, gibt es heute „Pie im Park – gratis!“ Gratis Pie? Nun, Großbritannien steckt zwar gerade in einer Krise – aber ist die Lage wirklich so schlimm, dass die Leute Schlange für eine kostenlose Portion des britischen Traditionsgerichts stehen? Nein, ist es natürlich nicht. Denn der Pie, der an diesem Tag unentgeltlich serviert wird, ist keineswegs kulinarischer, sondern musikalischer Natur. Schon auf dem Weg in den Park werden die Rockfans beschallt. Wer die Oxford Street entlanggeht, kann bereits das dumpfe Dröhnen der P.A. in der Ferne hören. Wer sich der Bühne weiter nähern möchte, muss Geduld beweisen. Im Park drängen sich Zehntausende dicht an dicht, um bei größten Gratis-Open Air des Jahres dabei zu sein. Auf dem Programm steht ein (Opener-)Auftritt von Head, Hands & Feet, als Headliner sind Grand Funk Railroad gebucht. Für die Mittelposition sind Humble Pie ausersehen.

Bereits am frühen Nachmittag treffen sich alle Musiker im Park. Im provisorischen Backstage-Bereich hüpft eine Schar von Angestellten herum, die allein damit beschäftigt ist, die Band-Limousinen zu bewachen, die hinter den Wohnwagen parken, in denen die Musiker untergebracht sind. Die Stars warten derweil auf ihren Auftritt. Sänger und Rhythmusgitarrist Steve Marriott sitzt keine Sekunde still: Der 1,65 Meter große Rocker wirbelt umher und nestelt ununterbrochen an seiner violetten Schlaghose herum, die sich des Öfteren in den Schnürsenkeln seiner weißen Schuhe verfängt. Leadgitarrist Peter Frampton, den ebenfalls nichts mehr in seinem Caravan hält, ist noch auffälliger gekleidet: Er trägt einen grünen Anzug. Bassist Greg Ridley und Drummer Jerry Shirley dagegen haben sichtlich weniger Zeit vor dem Kleiderschrank verbracht – sie liegen in bequemen Klamotten auf der Wiese, rauchen einen riesigen Joint und reißen einen Witz nach dem anderen.

Während die Humble Pie-Besetzung die Zeit bis zum Showbeginn totschlägt, ist die Stimmung vor der Bühne angespannt: Eine Schar Hell’s Angels aus Südlondon mischt sich unters Volk, auch etliche Skinheads sind angereist. Doch die Zuschauer bleiben gelassen, selbst wenn die ein oder andere Bierflasche über ihre Köpfe hinwegsegelt. Auch einige Szene-Helden werden gesichtet: Alexis Korner ist gekommen, ebenso Andy Fraser von Free. Und auch etliche Mitglieder der – damals unbekannten – Sex Pistols wollen sich das Spektakel nicht entgehen lassen. Es ist ein denkwürdiger Tag für den Rock’n’Roll, aber nicht nur wegen dieser Show: Jim Morrison wird in Paris tot in seiner Badewanne aufgefunden.

Doch davon bekommen die Londoner Fans nichts mit. Sie wollen feiern – und zwar insbesondere mit und wegen Humble Pie. Die haben bereits vier Studioalben veröffentlicht, das jüngste, ROCK ON, ist seit März auf dem Markt. Und jeder Teenager, der sich als Rockfan bezeichnet und diese Bezeichnung auch verdient, besitzt ein Exemplar. Im Mai haben Humble Pie zudem im New Yorker Fillmore East gespielt. Der Gig wurde für eine Liveplatte mitgeschnitten: PERFORMANCE – ROCKIN’ THE FILLMORE soll im Herbst erscheinen. Diese (und zahlreiche weitere) Erfahrung(en) der letzten Monate haben der Band jede Menge Selbstbewusstsein verliehen: Sie ist bestens aufeinander eingespielt und darf nun vor heimischem Publikum rocken. Das macht sich heute bemerkbar. Schon bei der Ankündigung der Band, die Grand Funk-Manager Terry Knight übernimmt, bricht ein Jubelsturm los. Die US-Headliner sind an diesem Abend chancenlos, Humble Pie siegen auf ganzer Linie: Nach ihrem Gig leert sich der Hyde Park beträchtlich.

„Wir wussten einfach, wie wir es anstellen mussten“, erklärt Schlagzeuger Jerry Shirley (59) das damalige Erfolgsrezept. „Es störte uns nicht, dass Tausende von Menschen vor der Bühne standen und uns anstarrten. Im Gegenteil, es spornte jeden von uns noch zusätzlich an. Nichts konnte Humble Pie aufhalten! Ein paar Tage vor der London-Show spielten wir in Mailand. Dort wurden wir mit Tränengas attackiert. Doch wir machten einfach weiter. Steve war der geborene Frontmann, er hatte die Leute vom ersten Takt in der Hand. Er riss einfach ein paar platte Witze, schwang die Hüften und überzeugte mit seiner unglaublichen Stimme selbst die Fans in der letzten Reihe. Ein absolutes Showtalent, der Mann. Nach unseren Auftritten hinterließen wir immer eine gewisse Leere, weil wir die Leute herausforderten und wollten, dass sie sich völlig verausgaben. Bei Festivals war das wirklich ein Problem für die Bands, die nach uns spielten…“

So ist es in London, und so ist es auch wenige Tage später in New York: Am 9. Juli brechen Grand Funk Railroad zwar den Einnahmerekord der Beatles – doch Humble Pie sind die Gewinner des Abends, zumindest aus ihrer Sicht. „Es war nicht einfach für Grand Funk, die Stimmung aufrecht zu erhalten“, so Peter Frampton. „Wir kamen gut an – wie so oft auf großen Bühnen. Schon bei unserem 1970er Gig im Madison Square Garden war es unglaublich voll. Die Leute schrien so laut, dass man sein eigenes Wort nicht verstand. Wir fanden das einfach großartig – denn Humble Pie hatten für einige Minuten die Macht über diese vielen, vielen Menschen. Wir konnten es selbst kaum glauben, dass uns das gelungen war. Es war auch nicht so, dass ich mir groß etwas auf meine Gitarrenkünste einbildete. Nein, ich ging einfach auf die Bühne und rockte los. Die Posen, das Heroische, all dieser Kram, das kam erst später bei FRAMPTON COMES ALI-VE! (einem Livealbum, das er 1976 veröffentlichte – Anm.d.Red.). Aber in New York und besonders bei der Show im Hyde Park ging es uns nur um das Erlebnis an sich. Hey, wir spielten in der besten Band, die dieser Planet je hervorgebracht hatte!“

Die Euphorie hält nicht lange an. Nur wenige Monate später steigt Frampton aus. Er überwirft sich mit mit Marriott, und zwar noch bevor die Band mit Eddie Kramer den Mix des für November ge­planten Livealbums PERFORMANCE – ROCKIN’ THE FILLMORE fertig gestellt hat.

Von diesem Moment an befinden sich Humble Pie im freien Fall. Es dauert nur sieben Jahre, bis aus dem einstigen Rockstar Steve Marriott, einem Mod mit Leib und Seele, der stets größten Wert auf sein Äußeres legt, ein Mann geworden ist, der ein ärmliches Dasein in Santa Cruz fristet und seinen Lebensunterhalt mit dem Sammeln von leeren 7-Up- und Coca-Cola-Dosen verdient. Von dem Geld kauft er Zigaretten.

ANRUF MIT FOLGEN
Dabei sieht zu Beginn von Humble Pies Karriere alles vielversprechend aus: In der Silvesternacht von 1968 auf 1969 macht Steve Marriott einen denkwürdigen Anruf. Aus einer Telefonzelle meldet er sich bei Drummer Jerry Shirley. Der ist damals zarte 17 und wohnt noch bei seinen Eltern in Nazeing, Essex. Shirley hat keine große Lust, den Hörer abzunehmen, denn er ist müde. Gerade hat er einen Gig mit Tim Renwick gespielt und will ins Bett. Doch er überwindet sich und geht ran. Steve Marriott meldet sich. Er und Jerry kennen sich seit zwei Jahren, und Shirley hat ihm einiges zu verdanken. Steve hat seiner Band Apostolic Intervention den (eigentlich für seine damalige Band The Small Faces gedachten) Track ›(Tell Me) Have You Even Seen Me‹ überlassen und ihm zudem einen Deal mit Andrew Loog Oldhams Immediate Records verschafft. „Hey, ich bin’s, Steve!“, dröhnt es Shirley entgegen. „Ja, ja, dir auch ein frohes Neues Jahr. Hör zu, ich rufe von unterwegs an. Ich hatte gerade eine Show mit den Small Faces im ‚Alexandra Palace‘. Es hat überhaupt keinen Spaß gemacht. Ich glaube, ich höre auf. Hast du nicht Bock, mit mir eine neue Band zu starten?“

Weniger Minuten später stopft Marriott weitere Münzen in den Schlitz und wählt eine zweite Nummer: die von Peter Frampton. Doch der ist nicht zu Hause. Nach mehreren Rundrufen bei Freunden macht er den Gitarristen schließlich ausfindig. Frampton ist in London, feiert mit dem Produzenten Glyn Johns Neujahr. Die beiden sitzen in Johns’ Wohnung und hören sich das Debüt einer Band namens Led Zeppelin an.

Auch Frampton hat einiges übrig für Marriott, denn er mag die Small Faces. Zudem findet er den Sänger toll. Er ist so anders als das, was Frampton gewohnt ist. Denn als Mitglied von The Herd muss er sich mit seinem Image als Teenie-Idol herumschlagen, will aber viel lieber als Rocker respektiert werden. Umso mehr freut sich Frampton, dass sich Marriott an der Produktion der Herd-Single ›Sunshine Cottage‹ beteiligt und zudem noch ein gutes Wort für den Gitarristen bei den Small Faces einlegt. Allerdings scheitert Marriott mit seinem Vorstoß am vehementen Widerstand seines Songwriting-Partner Ronnie „Plonk“ Lane.

PRÄGENDE SOUNDS
Doch in der Silvesternacht wendet sich das Blatt. „Wir hatten gerade eine Flasche Champagner geköpft und die A-Seite der Platte durchgehört, als Steve anrief“, erinnert sich Frampton. „Ob ich mit ihm und Jerry eine Band gründen wolle? Aber sicher doch! Wir haben dann gemeinsam entschieden, Greg Ridley von Spooky Tooth zu fragen, ob er nicht mitmachen wollte. Er war damals zweifellos einer der besten Bassisten der Szene. Zudem konn-te er hervorragend singen und hatte ein fantastisches Gespür für R’n’B. Diese Nuance war genau das, was uns noch fehlte. Einige Tage später klingelte bei mir das Telefon. Ronnie Lane war dran. Er bot mir an, bei den Small Faces einzusteigen – als Ersatz für Steve. Mit einer gewissen Genugtuung antwortete ich: ‚Tut mir leid, Ronnie, aber da bist du ein bisschen zu spät dran!‘ Er war nicht gerade erfreut, als er die Details erfuhr…“

Doch die Gründung von Humble Pie lässt sich nicht mehr verhindern. Dabei startet die junge Band keinesfalls sofort durch. Sechs Monate lang proben die Vier im Wohnzimmer von Shirleys Elternhaus, entwickeln nach und nach ihren eigenen Sound: harter, kantiger Blues mit Boogie-Flair und einer Prise Soul. Sie studieren noch einige R’n’B-Cover ein und fühlen sich schließlich bereit für größere Aufgaben. Eine aufregende Zeit für alle Beteiligten, insbesondere für Marriott: „Ich fühle mich das erste Mal wirklich als Teil einer Band, einer Gemeinschaft von Gleichgesinnten“, gesteht er Frampton. Es wird viel Musik gehört. Das Debüt von The Band steht hoch im Kurs, Steve bringt auf Empfehlung von Mick Jagger GRIS-GRIS von Dr. John, The Night Tripper mit. Dadurch erwacht Humble Pies Liebe zur New Orleans-Hymne ›I Walk On Guilded Splinters‹, die später auf PERFORMANCE – ROCKIN’ THE FILLMORE für die Ewigkeit konserviert wird.

Im 1969 stehen jedoch zunächst die Aufnahmen zum Debüt AS SAFE AS YESTERDAY IS an. Es geht in die „Olympic Studios“ in Barnes, hinter den Reglern sitzt Glyn Johns’ Bruder Andy. Die Humble Pie-Mannschaft ist in dem Studio, das damals eine ernstzunehmende Konkurrenz zum „Abbey Road“-Soundtempel ist, bestens bekannt. Marriott geht hier seit Jahren ein und aus. Und er schleift Jerry Shirley des Öfteren mit. Bereits 1967 darf er sich das erste Mal dort hinters Kit setzen. „Als ich aufblickte, sah ich durch die Glasscheibe, dass Steve und Jimi Hendrix mich beobachtet hatten. Sie lachten beide. Ich war wie gelähmt. Doch schließlich schaffte ich es, aufzustehen und raus-zugehen. Jimi hielt mich am Arm fest und sagte: ‚Hey, Mann, das war gut!‘ Ich konnte es nicht fassen. Steve war immer sehr nett, er behandelte mich wie seinen kleinen Bruder, stellte mich allen Leuten vor, zum Beispiel Mick Jagger und Charlie Watts. Einige Monate später bekam mein Ego aber einen ziemlichen Dämpfer. Ich trat im ‚Speakeasy‘ auf und bemerkte, dass mir Ginger Baker von Cream zusah. Er achtete auf jede Bewegung. Nach der Show saß ich an der Bar. Baker lief an mir vorbei und raunzte mich an: ‚Total beschissen!‘ Ohne mich eines Blickes zu würdigen, versteht sich…“

RASANTER AUFSTIEG
Dennoch lässt er sich nicht entmutigen. Bereits wenige Monate nach Veröffentlichung des Debüts spielt er mit Humble Pie das zweite Album ein: TOWN AND COUNTRY erscheint im November 1969. Und während der Rolling-Stone-Autor Mike Saunders die Platte noch verreißt (und in seiner vernichtenden Kritik nebenbei den Terminus „Heavy Metal“ mitprägt), sieht das die restliche Musikwelt anders. Humble Pie haben Erfolg – schon ihre erste Single ›Natural Born Bugie‹ wird ein Hit. „Es ging alles rasend schnell“, erinnert sich der Drummer an den raschen Aufstieg. „Steve und Peter waren zum Glück ungemein kreativ und hatten viele Ideen für Songs. Und ich liebte es, mit Greg zusammenzuspielen. Es ist eine Schande, dass er nicht mehr lebt (Ridley starb 2003 im spanischen Alicante an den Folgen einer Lungenentzündung – Anm.d.Red.). Er war ein lustiger Zeitgenosse, und er konnte fantastisch singen. Aber ich vermute, dass er älter war, als er es zugab!“

Die ersten zwei Humble Pie-Alben erscheinen beide bei Immediate, dem Label von Oldham und Tony Calder. Dort sind auch die Small Faces unter Vertrag. Die Firmenchefs sind geschäftstüchtig und veröffentlichen alles, das sich irgendwie zu Geld machen lässt, mischen sich jedoch nicht in die kreativen Belange ein. Humble Pie dürfen ihren eigenen Stil entwickeln, und das tun sie auch: Sie stehen für eine quicklebendige Mischung aus elegischem, akustischem Blues und krachendem Rock. So muss sich die Band mit ihrer Variante von Steppenwolfs ›Desperation‹ nicht verstecken, und in Sachen Harmonien können sie durchaus mit Acts wie Buffalo Springfield konkurrieren. Doch die Musik kann noch so gut sein – wenn eine Band strategische Fehlentscheidungen trifft, hilft alles nichts. „TOWN AND COUNTRY verschwand zu schnell aus dem Blickfeld der Fans“, gibt Shirley zu. „Das lag daran, dass wir uns entschlossen hatten, zuerst in den USA zu touren (mit David Bowie im Vorprogramm – Anm.d.Red.). Dort war das Album aber noch gar nicht auf dem Markt. Aufgrund der Shows in den Staaten konnten wir keine UK-Tour machen. Und ohne Promotion keine Verkäufe, damals schon.“

Nichtsdestotrotz zahlt sich das Engagement in Nordamerika aus – wenn schon nicht finanziell, dann zumindest für sie persönlich. Denn insbesondere Steve Marriott liebt die USA. Für ihn geht ein Traum in Erfüllung, als er Ende 1969 zunächst mit der Butterfield Blues Band und Santana im New Yorker Fillmore East und wenige Tage später mit Grateful Dead im Fillmore West in San Francisco auftreten darf. Drei Shows gehen glatt über die Bühne, doch am 6.12.1969 ist kaum jemand da, auch die Headliner nicht: Die Frisco-Rockgemeinde pilgert zum Altamont-Festival, während Humble Pie mit ein paar versprengten Figuren in der Stadt bleiben. Dennoch schafft es die Band, sich einen Namen zu machen. Sie ergattert ein Engagement im Whisky A Go-Go in Los Angeles und tritt dort regelmäßig mit Grand Funk Railroad auf. „Die Leute mochten uns – wir haben ihren Geschmack getroffen“, freut sich Shirley.
Danach sind Humble Pie quasi Dauergäste in den Staaten. Ihr Terminkalender ist rappelvoll. Die Band wechselt nach der Pleite von Immediate zu A&M Records, die mit fetten Vorschüssen winken. Endlich ist auch ein vernünftiges Management am Start: Dee Anthony ist der Mann für Humble Pie. Er hat bereits mit Tony Bennett und Frank Sinatra gearbeitet. „Dee war großartig!“, lobt Shirley den Mann – obwohl er der Band stilistisch einen härteren Kurs verordnen will und sich damit ins Hoheitsgebiet der Musiker begibt. „Er wusste, was er tat. Einige Leute streuten zwar Gerüchte, dass er Kontakte zur Mafia hätte. Aber das ist übertrieben. Er kannte vielleicht einige zwielichtige Gestalten, aber das ging damals gar nicht anders, denn diese Leute betrieben die Clubs. Er redete mit ihnen, traf Absprachen, aber das war’s dann auch schon.“

Und er hilft der Band, ihre Forderungen bei A&M durchzubringen. Humble Pie unterschreiben als einer der ersten Rockbands einen hochdotierten Plattenvertrag. „Wir bekamen eine halbe Million US-Dollar“, berichtet der Drummer. „Verteilt auf drei Jahre und monatlich ausgezahlt. Ich habe meinem Kumpel Dave Gilmour davon erzählt, und er war ziemlich neidisch: ‚Weißt du eigentlich, dass du mehr Geld verdienst als unser Premierminister?‘, fragte er mich. Ich fühlte mich wie ein echter Rockstar, unermesslich reich. Mein erster Kauf war ein Rolls Royce, Greg nahm einen Bentley, Pete einen Aston Martin, und Steve besorgte sich einen Aston Martin und einen goldenen Alvis.“

KREATIVES HOCH
Parallel zu ihren Shoppingtrips nehmen die Musiker ihr drittes Album auf, praktischerweise HUMBLE PIE betitelt. Marriott ist in bester stimmlicher Verfassung, wie sich Frampton noch heute lebhaft erinnert: „Ich bin auf die Knie gefallen, nachdem Steve ›Live With Me‹ eingesungen hatte und aus dem Aufnahmeraum herauskam. ‚Das sind die gefühlvollsten Vocals, die ich je gehört habe!‘, sagte ich zu ihm, völlig überwältigt. Er antwortete nur: ‚Danke, freut mich.‘ Aber obwohl er so nüchtern und distanziert rüberkam, weiß ich doch, dass er sich sehr über mein Lob gefreut hat. Steve respektierte meine Meinung, und es muss ihn wirklich verletzt haben, als ich die Band verließ. Jeder von uns nahm die Musik ernst, denn sie bedeutete uns alles.“

Doch trotz der Begeisterung für die Sache läuft nicht alles rund. Glyn Johns produziert erstmals selbst, und das verändert die Zuständigkeiten innerhalb des Bandgefüges. „Glyn wollte, dass jeder nur einen bestimmten Aufgabenbereich übernimmt“, erklärt Frampton. „Steve sollte singen, ich Gitarre spielen. Sonst nichts. Doch das funktionierte nicht. Unsere Persönlichkeiten waren komplett konträr. Doch weil Steve ein so großartiger Frontmann war und so viel Leidenschaft an den Tag legte, sah ich über manche Dinge hinweg, die mich eigentlich störten. Das war alles andere als gut.“

Eine Einschätzung, die auch Shirley teilt: „Viele Leute glauben, dass Peter die Band verlassen hat, weil ihm Humble Pie musikalisch zu hart wurden. Doch das ist nicht die ganze Wahrheit. Steve hatte sich verändert. Er wollte in den USA durchstarten. Doch im Zuge dessen bekam er Angst, traute sich selbst nichts mehr zu und verlor seinen Blick fürs Wesentliche. Und er entwickelte Charakterzüge, die abstoßend waren. Er konnte so aggressiv zu Leuten sein, dass es keine fünf Sekunden dauerte, bis sie ihn zutiefst hassten. 1970 ging das alles noch halbwegs, denn damals war seine Beziehung zu Jenny (Rylance, Marriotts erste Ehefrau – Anm.d.Red.) noch in Ordnung. Doch die ausufernden Touren und die vielen Drogen führten nach und nach zu größeren Problemen. Er und Peter stritten sich immer häufiger, denn Frampton rauchte nur ab und an einen Joint, das war’s dann auch schon.“
Doch noch geht alles gut. Anfang 1971 spielen Humble Pie ihre vierte Platte ein: ROCK ON. „Es ist ist mein Lieblingsalbum“, sagt Frampton, obwohl es sein letzter Studio-Einsatz für die Band ist. „Ich war damals allerdings nicht gerade glücklich darüber, wie die Sache ablief. Wir hatten nicht geprobt, mussten die Songs also schreiben und direkt aufnehmen. Doch zumindest kamen wir gut miteinander aus, jedenfalls ab und zu.“ Was sich aber rasch ändert. Als die Band im Mai in New York weilt, um die Aufnahme von PERFORMANCE – ROCKIN’ THE FILLMORE vorzubereiten, kommt Marriott auf die glorreiche Idee, sich in einem Schrank in Framptons Hotelzimmer zu erleichtern. „Der Gestank war nicht auszuhalten, unerträglich! Ich musste einige Klamotten wegwerfen“, erinnert sich der 60-Jährige mit Grauen zurück.

Dem Gitarristen reicht’s. Als Manager Dee Anthony eines Tages zu ihm kommt und ihm das Cover des Fillmore-Albums zeigt, sagt er trocken: „Oh, schön. Aber ich bin raus.“ Die Reaktion von Marriott fällt erwartungsgemäß drastisch aus, wie Frampton berichtet: „Ich hatte keine Kraft mehr, musste eine Entscheidung treffen. Als ich Steve anrief und ihm sagte, dass ich die Band verlassen würde, flippte er total aus. Er überhäufte mich mit allen erdenklichen Beschimpfungen. Sicher: Ich hatte ihn verletzt. Das war sicher nicht die feine Art. Das gilt aber für beide Seiten.“

Nicht nur Marriott, auch Frampton ist enttäuscht. Denn er hat versucht, die Band nach vorne zu bringen. Sein Song ›Shine On‹, der Opener von ROCK ON, ist eine klare Single – das sieht auch Produzent Glyn Johns so. Dennoch verweigert Steve seine Zustimmung zur Auskopplung. „Zu poppig“, so sein Kommentar. Dabei haben Humble Pie einen Hit bitter nötig. Eine neue Ausrichtung könnte die Band voranbringen, denn in den USA stagniert die Entwicklung. Die Fans wollen die Band zwar live sehen, aber nur in Kombination mit einem weiteren Act. Für eine Headliner-Tour reicht es nicht. Frampton weiß das und ist umso frustrierter, dass der verbohrte Marriott sich sperrt. Sein Ausstieg ist die logische Konsequenz.

ABRUPTER FALL
Clem Clempson (ehemals Colosseum) ersetzt Frampton und spielt nach dem Release von PERFORMANCE – ROCKIN’ THE FILLMORE das fünfte, wesentlich härtere Album SMOKIN’ ein. „Ich habe lange gedacht, dass es die schlechteste Entscheidung meiner Karriere war, diesen Job anzunehmen“, berichtet der 61-jährige Clempson heute lachend. „Aber dann bin ich auf der Humble Pie-Reuniontour in England im Vorprogramm aufgetreten. Die Jungs standen die ganze Zeit am Bühnenrand und haben Furzgeräusche gemacht. Es war wirklich witzig. Außerdem habe ich mich gerächt, indem ich ›Shine On‹ gespielt habe. Vor ihrem Auftritt. Das war wirklich eine ziemlich bizarre, aber interessante Tour.“

Doch das kann Clempson 1971 noch nicht ahnen. Er ist froh, nach dem Aus von Colosseum direkt wieder eine neue Beschäftigung zu haben – zumal bei einer großen Band. Er ahnt nicht, dass er einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat, denn Steve Marriott gerät völlig außer Kontrolle. „Peter war das Gegenstück zu Steve“, setzt Jerry Shirley zu einer Erklärung an, warum die Sache allmählich aus dem Ruder läuft. „Als das plötzlich fehlte, ging gar nichts mehr. Es ist nicht so, dass Marriott keine Lust mehr gehabt hätte. Nein, er gab alles. Aber wir haben uns nicht die Mühe gemacht, Humble Pie als Band neu zu formieren. Stattdessen feierten wir lautstark die Nächte durch. Ein Exzess jagte den nächsten. Vor allem Steves Stimmungsschwankungen waren unerträglich. In der einen Sekunde wütete er ohne Gnade, dann war er plötzlich der netteste Mensch, den man sich vorstellen kann. Zudem übertrieben wir es auch mit dem Alkohol. Steve trank zwar nicht so viel wie Greg und ich, tankte aber dennoch ordentlich was weg. Marihuana war komplett out. Und einige Monate, nachdem Clem zu uns stieß, gewann Steves dunkle Seite schließlich vollends die Oberhand. Zuvor hatten wir gelegentlich Speed und später auch Mandrax am Start, doch dann übernahm erst Crystal Meth und schließlich Kokain das Regiment. Wir rutschten mehr und mehr ab.

Da Steve sich aber nach wie vor den Arsch ab-arbeitete, und zwar vor allem auf Tour, bemerkte ich das nicht. Ich glaubte immer fest daran, dass ein Mensch mit einem derartigen Talent sich schon irgendwann wieder fangen würde. Doch ich habe mich getäuscht. Es war nur der Anfang eines langen, langen Wegs, der ihn schließlich direkt in den Abgrund geführt hat.“