Rock-Mythen: Ian Curtis – Tod im Reihenhaus

Joy Division mit Ian CurtisDie Katastrophe hatte sich angekündigt – aufzuhalten war sie nicht: Nur einen Tag vor dem Start seiner ersten US-Tournee, am 18. Mai 1980, erhängte sich Ian Curtis, Sänger der aufstrebenden englischen Band Joy Division, in der Küche seines Hauses in Macclesfield nahe Manchester.

Das Haus riecht seltsam frisch. Kein Zigarettendunst wie sonst. Sie schließt die Haustür. Ihr Blick fällt auf den Zettel auf dem Ka­­minsims, ihr Herz macht einen Sprung. Er hat an sie gedacht, eine Nachricht hinterlassen. Vielleicht wird doch noch alles gut werden. Am Abend zuvor haben sie gestritten. Sie sprach von Scheidung, er be­­teuerte, das mit der anderen zu beenden. Nun ist er wohl doch aufgebrochen, um mit den Jungs nach Amerika zu fliegen. Stille. Dass er noch im Haus ist, oben in der Küche, kann sie nicht ahnen. Sie steigt die Treppe hinauf.

Es ist der Morgen des 18. Mai 1980, als Deborah Curtis ihr kleines Reihenhaus auf der Barton Street in Macclesfield, Cheshire, betritt und wenig später ihren Ehemann Ian, Sänger bei Joy Division, erhängt in der Küche vorfindet. Es ist das Ende einer Geschichte, die sich wohl nur in düsteren Schwarzweiß-Tönen er­­zählen lässt.

Manchester Mitte der 70er-Jahre. Die Metropole im Norden Englands, zu Beginn der Industrialisierung ein europäisches Zentrum der heraufdämmernden Moderne, ist nun nichts weiter mehr als ein postindustrielles Armageddon. Nirgendwo of­­fenbart sich Großbritanniens wirtschaftliche Depression schonungsloser: heruntergekommene Mietskasernen, vermüllte Industriebrachen, Au­­towracks in der vom ewigen Regen aufgeweichten Asphaltwüste.

Wohl mehr noch als in London muss der Punk hier auf fruchtbaren Boden fallen. Die ersten Auftritte der Sex Pistols, von The Clash und The Damned entzünden 1976 dann auch eine Szene, die Manchester zum Hotspot der Popkultur machen wird. Ian Curtis ist einer der zornigen jungen Männer, die dafür sorgen werden, Gi­­tarrist Bernard Sumner und Bassist Peter Hook desgleichen.

„Sonderbar, dass wir erst nach Ians Tod auf seine Texte gehört haben – erst da wurde uns seine innere Zerrissenheit klar.“ (Bernard Sumner)

Geboren wird Ian Curtis am 15. Juli 1956. Ein hagerer Junge mit kurzgeschorenen Haaren, kantigem Kinn, sinnlichen Lippen und eindringlichem Blick aus tiefgrauen Augenhöhlen. Sein Start ins Leben verläuft vielversprechend. In der Schule wird er mehrfach ausgezeichnet, lebhaft interessiert er sich für die schönen Künste. Er schreibt Gedichte, verehrt Jim Morrison und David Bowie und schafft es ohne Schwierigkeiten ans St. John’s College, wo er mit 16 ein Studium der Geschichte und Theologie aufnimmt.

Bald schon aber steigt er aus, das akademische Leben widert ihn an. Erste Experimente mit Drogen folgen, auf seine Jacke malt er vier Buchstaben: H-A-T-E. Er jobbt, zunächst in einem Plattenladen, später dann kümmert er sich in einer staatlichen Einrichtung um Menschen mit Handicap. 1975 heiratet er seine Jugendliebe Deborah, noch keine 20 ist er da.

Ein Jahr später, es ist der 4. Juni, steht er in der Free Trade Hall von Manchester und erlebt, wie die Sex Pistols den Mythos des etablierten Rock pulverisieren. Rüpelharte Gi­­tarren, scheppernde Drums, donnernder Bass und das wütende Keifen dieses dürren Kerls mit den roten Haaren – Johnny Rotten legt dort eine neue Saat. Zu der gehören einige, die an diesem Abend im Publikum stehen. Neben Curtis sind das Howard Devoto (Magazine), Pete Shelley (Buzzcocks), Morrissey (The Smiths) und Mark E. Smith (The Fall).

Fortsetzung auf Seite 2…

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