Imperial State Electric (1)
REPTILE BRAIN – IN DIESEM IM MITTELPUNKT UNSERER KOPFMASSE PLATZIERTEN TEIL DES GEHIRNS BEFINDEN SICH DIE ANGEBORENEN INSTINKTE. VON HIER AUS WERDEN PRIMITIVE FUNKTIONEN WIE DIE SELBSTVERTEIDIGUNGS- UND ANGRIFFS- MECHANISMEN GESTEUERT. EBENSO KOMPLETT AUTOMATISIERTE REAKTIONEN AUF ÄUSSERE REIZE, Z.B. DAS WILDE KOPF- SCHÜTTELN UND DER KONTROLLVERLUST ÜBER DIE FÜSSE, WENN EIN GUTER BEAT DURCH DIE GEHÖRGÄNGE DRINGT. LERNFÄHIG IST DAS REPTILE BRAIN ÜBRIGENS NICHT.

Text: Ben Klein

„Das ist doch ein super Titel oder findest du nicht?“, fragt der ein wenig müde wirkende, aber dennoch gut gelaunte Nicke Andersson, der sich heute als erster im Studio eingefunden hat, um dem dritten Album von Imperial State Electric den letzten Feinschliff zu geben. „Der Song ›Reptile Brain‹ basiert eigentlich auf einer schwedischen Redensart, die so, wie wir sie in die englische Sprache übersetzt haben, nicht viel Sinn ergibt. Uns gefällt der Name trotzdem gut. Das Reptile Brain regelt deine Funktionen und Reaktionen und da schließt sich der Kreis. Im Rock‘n‘Roll geht es nicht darum, etwas zu analysieren. Es geht ums Fühlen und Reagieren“. Das Studio, in dem wir uns befinden, gehört Nicke Andersson, dem ehemaligen Dismember- Trommler Fred Estby und Datsuns-Bassist Dolf de Borst. Dieser malträtiert auch bei Imperial State Electric den Viersaiter und übernimmt bei ›Reptile Brain‹ zum ersten Mal die Lead-Vocals. Im Zuge der Bandgründung entschieden sich die Drei, das Studio Gutterview zu gründen. Hier produzieren sie ihre eigenen Bands und bieten anderen die Möglichkeit aufzunehmen. Der nostalgische Kiss Flipper im gemütlichen und mit allerhand Aufnahmetechnik zugestellten Raum fällt sofort ins Auge und gehört Nicke Andersson. Er lässt es sich auch nicht nehmen, dieses ausdrücklich hervorzuheben, bevor der Mann mit dem Hut über die Anfänge des Tonstudios berichtet. „Als wir damit begonnen haben, hatten wir keine Ahnung von nichts. Uns kamen auch keine Tontechniker zu Hilfe, die den Aufnahmeraum optimiert haben. An manchen Stellen im Raum ist der Sound einfach beschissen. Das haben wir mittlerweile herausgefunden, also nehmen wir an diesen Stellen nicht auf und alles ist gut. Ich habe mir anfangs viele dieser Recording-Magazine zugelegt und schnell festgestellt, dass die Erschaffung eines guten Aufnahmeraums die reinste Wissenschaft ist. In den 40ern und 50ern hatte man diese Hefte nicht, in denen man nachlesen kann wie es angeblich funktioniert, und trotzdem erschufen die Leute den besten Sound, den du haben kannst. Also mit ein bisschen Glück und dem Vertrauen in die eigenen Ohren schafft man es auch. Und am Ende bringt all das technische Wissen ohnehin nichts, wenn du nicht ordentlich spielst.“

Der nun auch eingetroffene Dolf de Borst schmeißt sich auf die Couch und klinkt sich direkt ein. „Das Vertrauen auf unser Gehör ist die Basis für alles.“ Gen Keller richten sich seine Mundwinkel allerdings, wenn der Neuseeländer über die verwendete Software und ihre Updates resümiert. „Das hat uns schon des Öfteren fast bis zur Verzweiflung getrieben.“ Auch Nicke teilt seinen Unmut über die digitalen Ärgernisse: „Ich hasse so was! Das Lustige daran ist aber, solange du keine Updates runterlädst, funktioniert alles einwandfrei. Sobald du aber machst, wozu dir geraten wird, geht nichts mehr“. Da man gerade dabei ist, wird auch noch das ewige und lästige Verkabeln der Technik kritisiert, bis sich beide darauf einigen, in Zukunft alles so einfach wie möglich zu halten. So wie mit der Musik.

Eine kleine Zigarettenpause später gesellen sich dann auch Gitarrist Tobias Egge und Schlagwerker Tomas Eriksson in die Runde und das Gespräch gewinnt an Schwung, wenn der zum ersten Mal eingesetzte Synthesizer angesprochen wird. „Ich denke, wir hatten gute Gründe den Synthesizer auszuprobieren, denn schon Black Sabbath, Blue Öyster Cult und auch The Sweet nutzten den Effekt. So abwegig ist dieses Experiment also gar nicht,“ erklärt Tobias Egge. Andersson selbst scheint von dieser neuen Bereicherung im imperialen Klangspektrum nicht mehr wirklich überzeugt zu sein und ergänzt, dass es das erste und höchstwahrscheinlich auch das letzte Mal gewesen sei. „Es war lustig, aber dieses Ding wird kein neuer Wegbegleiter von Imperial State Electric. Wir bleiben eine Gitarre-Bass-Schlagzeug-Band. Synthesizer habe ich mein Leben lang gehasst. Ich erinnere mich noch daran, dass Fred Estby, damals als wir Jugendliche waren, groß auf seiner Jeansjacke ,I Hate Synth‘ stehen hatte. Das war unsere Einstellung. Damals warst du entweder Punker, Metaller oder ein Synthie-Typ oder wie auch immer man die nannte. Bei ›Emptiness Into The Void‹ haben wir jetzt alles ineinander fließen lassen und es klingt schon ein wenig ungesund.“ Generell bringt der dritte Langspieler der Schweden einige Neuheiten mit sich. So hat neben Dolf auch Tobias Egge seinen ersten eigenen Song platzieren können. ›Stay The Night‹ ist eine wahre Ode an Paul Stanley. Musikalisch, denn auf die Frage, wovon sein Song handle, beginnt der Gitarrist um den heißen Brei zu reden bis Nicke ihn unterbricht und zur Belustigung aller Anwesenden auf den Punkt bringt. „Es geht um Marihuana!“ Egge grinst jetzt sehr verschmitzt und bestätigt die Aussage.

Einige Momente verstreichen, bis der Unterhaltungswert des Haschisch- Songs erschöpft ist und ›Nothing Like You Said It Would Be‹ die versammelte Band ernster werden lässt. Auslöser für dieses Lied ist ein Slogan der stetig an Stärke gewinnenden rechten Partei in Schweden. „Die werben neuerdings mit den Worten: ,The new working man‘s party.‘ Dieser Satz ist eine Unverschämtheit! Die verarschen alle, aber keiner sagt frei heraus, was wirklich Sache ist. Auch die Opposition hält sich raus“, erzählt der sichtlich verärgerte Andersson. „Dieses Problem gibt es in vielen Ländern. Die Linken trauen sich einfach nicht, die Wahrheit zu sagen, weil sie befürchten, als zu links oder wirtschaftsfeindlich wirken zu können. Das verstehe ich nicht. Sagt es, wie es ist und die Menschen werden euch für die Ehrlichkeit respektieren“, ergänzt de Borst und bringt damit Anderssons Wut auf den Punkt. „Eben. Es geht gar nicht darum was die Rechten gerade machen, denn jeder weiß, dass es Schwänze sind. Ich frage mich, warum die Linken einfach nichts dagegen unternehmen?“. Bei diesem Thema ist sich die Band sehr einig. Dennoch wird man auch in Zukunft von dem Quartett keine leidenschaftlichen politischen Reden zu hören bekommen, denn für Nicke Andersson gilt nach wie vor: „Nichts ist weniger sexy als eine Band, die mit dem Finger auf etwas zeigt!”

Die Stimmung ist weiterhin gut, aber deutlich ernster als zu Beginn des Gesprächs. Dolf klimpert ein paar Töne auf der Gitarre, als Thomas Eriksson von seinem Autounfall berichtet, den er vor gar nicht langer Zeit erlitt. „Ich war auf dem Weg zu Nickes Haus auf dem Land, um mit ihm an einem Song zu arbeiten. Es war ein sehr kalter Wintertag und die Straßen waren vereist. In einer Kurve verlor ich die Kontrolle über den Wagen und kam von der Straße ab. Mein Auto musste später aus dem Graben gehoben werden, aber mir ist Gott sei Dank nichts passiert. Während des Unfalls hörte ich übrigens ›Emptiness Into The Void‹.“

„Wir sollten keine schnellen Songs mehr spielen“, witzelt Andersson, der im eigenen Auto hinter dem Schlagzeuger herfuhr und das Unglück mit ansah. Weitere Sprüche bleiben allerdings aus, wenn sich die versammelten Musiker den Unfall nochmal ins Gedächtnis rufen. Dies wird als eine der stärksten Erinnerungen an die Aufnahmen zu REPTILE BRAIN MUSIC in den Köpfen verankert bleiben.

Zeit für eine weitere Pause. Es wird geraucht und anschließend der sich im Erdgeschoss befindliche Tischfußball in Beschlag genommen. An diesem Instrument wirken die drei Schweden und der Neuseeländer eher unbeholfen. Die Stimmung ist sehr ausgelassen.

„Wir haben einige Parts vom neuen Album bei mir zu Hause aufgenommen“, berichtet Nicke Andersson zurück im Studio. „Ich nehme den Gesang am liebsten auf, wenn ich alleine bin. Dafür bietet sich mein Haus an. Generell verliefen die Aufnahmen sehr untypisch für eine Band. Dolf tourte zwischendurch lange mit den Datsuns, also habe ich ab und an auch den Bass eingespielt. Es ist natürlich großartig, wenn alle Zeit haben und wir zusammen aufnehmen können, aber es ist nicht zwingend notwendig. Für mich zählt in erster Linie das Ergebnis. Wer im Endeffekt welches Instrument aufnimmt spielt also keine Rolle.“ Die Band muss so handeln, da es andernfalls zu lange dauern würde, ein Album aufzunehmen. Der Linkshänder-Gitarrist beschreibt seine Band als eine Art Bild, dass hier und da über den Rahmen hinausragt. Ebenso beteuert er, wie schon so oft in den vergangenen Jahren, dass Imperial State Electric eine Band sei und nicht sein, von so vielen immer noch betiteltes, Solo- Projekt. „Wir sind eine Band, in der sich die einzelnen Positionen durchaus vermischen können. Das mag ich sehr“. Dolf legt die Gitarre beiseite und ist nun wieder voll dabei. „Ich denke, dadurch ist die Platte auch sehr abwechslungsreich geworden. Nicht nur, weil Tobias und ich zum ersten Mal die Lead-Vocals übernehmen, sondern auch die anderen Songs sind sehr unterschiedlich.“ Recht hat er, denn REPTILE BRAIN MUSIC wirkt wie eine Zusammenstellung der facettenreichen Rockmusik der 60er und 70er Jahre. Härter und um einiges schwerer als das vorangegangene POP WAR. Zur Verdeutlichung lässt Nicke einige Hörproben durch die Boxen grollen.

Die Band kann es nicht mehr erwarten, den neuen Tonträger hinaus ins Leben zu schicken. „Der eigentliche Plan war es, das Album schon viel früher zu veröffentlichen, aber die Suche nach einem neuen Label und Vertrieb hat viel Zeit gekostet. In Zukunft wird hoffentlich alles schneller gehen. Unser Plan ist es, jedes Jahr ein neues Album zu veröffentlichen.“ Während diese Worte seinen Mund verlassen, wirkt der Frontmann wieder sehr müde. Dann plötzlich zuckt ein kleiner Blitz durch sein Gesicht und unter dem Schirm seiner Kappe beginnt es zu funkeln. „Wir sind Musiker und wollen Musik machen. Die Arbeit an dem vierten Imperial-State-Electric-Album hat bereits begonnen. Zumindest in meinem Kopf.“

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