Jacco Gardner: Alles im Fluss

Der niederländische Songschreiber hat ein Album mit rein instrumentalen Liedern aufgenommen. Warum er so was macht? Er hat’s uns verraten.

Eine Vorliebe fürs Experimentelle und Psychedelische hatte Jacco Gardner ja schon immer. Doch waren die Klangerkundungen auf seinen beiden ersten Platten CABINET OF CURIOSITIES (2013) und HYPNOPHOBIA (2015) noch schmückendes Beiwerk zu den in Folkrock und 60s-Pop verwurzelten Stücken, so sind sie jetzt die Hauptsache. „Das Verhältnis hat sich um­­gedreht verglichen mit meinen ersten beiden Alben“, erklärt Gardner.

Der Titel der neuen LP, SOMNIUM, kommt aus dem Lateinischen und bedeutet so viel wie: Traum. Und Träume interessierten den Multi-Instrumentalisten schon immer. Allerdings gar nicht so sehr ihr konkreter Inhalt, sondern vielmehr die Tatsache, dass es sie überhaupt gibt. Sie symbolisieren für ihn so etwas wie „die Tür zum Geheimnisvollen und Wundersamen“. Die Leute würden heute so sehr mit Informationen zugeschüttet, findet Gardner, da sei es fast nicht mehr erlaubt, ein Träumer zu sein, seiner Einbildungskraft freien Lauf zu lassen.


„Mein Al­­bum ist darauf ausgelegt, deine Einbildungskraft frei fließen zu lassen“ (Jacco Gardner)


SOMNIUM bezieht sich aber auch auf ein ganz konkretes Werk, nämlich das gleichnamige Buch von Johannes Kepler aus dem 17. Jahrhundert. Darin beschreibt der Autor die Erfahrung einer Reise zum Mond – rein aus der Fantasie natürlich. „Vieles von dem, was er schildert, stimmt wirklich mit dem überein, was man erlebt, wenn man im Weltraum unterwegs ist“, erklärt Gardner. „Diese Zukunftsvision, die doch nur aus seiner Vorstellung kommt, ist erstaunlich.“ Ganz allgemein interessiere er sich für die Zeit Keplers, in der Wunder, Vorstellungskraft, Zeichen und Symbole zu einer einzigen Realität verschmolzen seien. Eben diese Seite der Wirklichkeit, die man vielleicht als traumartig beschreiben kann – und die auch in der bewusstseinserweiternden Erfahrung des Drogenrauschs zugänglich sei, wie Gardner noch hinzufügt – wolle er in seiner Musik erlebbar machen. Damit uns der Sinn für die Fantasie, für unser Einbildungsvermögen nicht abhanden kämen.

Um das zu erreichen, verzichtet der Niederländer auf quasi alles, was einen in sich ge­­schlossenen Poptrack ausmacht, auch auf den Gesang. Stattdessen orientiert er sich an Musikern wie Mike Oldfield, Vangelis oder deutschen Experimental- und Ambient-Spezialisten wie Tangerine Dream und Hans-Joachim Roedelius. Die Stücke auf SOMNIUM fließen ineinander, sie klingen spacig, elektronisch-verschnörkelt und verträumt. Und sie sind ganz klar dafür gemacht, am Stück gehört zu werden.

In Streaming-Zeiten sei das leider nicht mehr üblich, sagt Gardner, sich wirklich in etwas zu vertiefen. Doch das ermutige ihn nur noch mehr, sein ei­­genes Ding zu machen. „Mein Al­­bum ist darauf ausgelegt, deine Einbildungskraft frei fließen zu lassen“, macht er klar. Und er hat Recht, das gelingt einem beim Song-Hopping auf Spotify nicht mehr allzu oft. 

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