Jack Johnson 2010 (4) (c) Hilary WalshDer Hawaiianer hält seine Karriere für ein großes Missverständnis – und steht dezent unterm Pantoffel.

Text: Marcel Anders

Tatort London: Jack Hody Johnson sitzt locker-lässig in einer 3000-Pfund-Hotelsuite und redet im 30-Minuten-Takt über sich und seine Musik. Was er nicht gerne und deshalb eher selten tut. Dennoch ist er gut drauf und gibt sich während des Gesprächs alle Mühe, einige Dinge ins rechte Licht zu rücken. Etwa dass seine steile Karriere – bestehend aus 18 Millionen verkauften Alben und riesigen Stadiontourneen – im Grunde nur ein großes Missverständnis sei: „Mein Vater hat mich immer damit aufgezogen, dass ich wäre wie der Gärtner aus dem Peter Sellers-Film „Willkommen Mr. Chance“. Der Typ sagt nämlich ständig Sachen, die sich eigentlich auf den Garten beziehen. Aber jeder hält sie für Metaphern – und ihn deshalb für ein Genie. Bei mir ist es ähnlich: Die Leute suchen in meinen Songs seelischen Beistand. Dabei formuliere ich da allenfalls ein paar persönliche Gedanken.“
Womit er seinem Ruf als musizierender Guru in punkto Familie und Partnerschaft eine klare Absage erteilt. Einfach, weil er keine Lösungen hat – und auch kein Vorbild sein will. Im Gegenteil: Johnson ist lediglich Herr seiner eigenen kleinen Welt. Mit einem Firmenimperium, das unter anderem aus einem Label, einer Filmproduktions-Gesell­schaft sowie einem solarbetriebenem Studio besteht.

Dazu gesellen sich drei Kinder, ein Anwesen auf Oahu sowie eine omnipräsente Ehefrau, die seine Managerin ist. Weshalb Johnson extrem bemüht ist, diese Beziehung nicht zu gefährden. Und sei es nur, wenn es um sein Image als Mädchenschwarm geht, der bei Konzerten regelrecht angeschmachtet wird. „Sind da hübsche Mädels?“, fragt er grinsend. „Ich dachte, da wären nur alte Säcke. Aber im Ernst: Ich kann die Frage nicht beantworten. Meine Frau würde mir das Leben zur Hölle machen!“ Was sie eigentlich schon tut. Denn Zuhause, und das scheint ihm gar nicht bewusst, ist Jack der reinste Pantoffelheld: „Ich muss Windeln wechseln und Kinder zur Schule fahren. Da jeden Tag einmal kurz aufs Wasser zu können ist schon das höchste der Gefühle.“

Weshalb das H2O denn auch Schwerpunkt seines fünften Albums TO THE SEA ist. Allerdings nicht so plakativ, wie der Titel vermuten lässt, sondern: Sein Vater Jeff, selbst bekannter Surfer, ist im Sommer 2009 an Krebs gestorben. Was den sonst so ruhigen Musikus ziemlich aus der Bahn geworfen zu haben scheint.

Nicht umsonst hat er 13 Songs geschrieben, die zwar seinem üblichen Ansatz aus romantischem Lagerfeuer-Folk und hippieskem Jam-Rock folgen, inhaltlich aber eine ganze Spur grüblerischer ausfallen. Da ist das Meer Anfang und Ende allen Seins. Familie und Freundschaft sind das Fundament des täglichen Lebens. Und die Erde ist ein Heiligtum, das es zu hegen und pflegen gilt. Womit der Barde zu genau dem Musik-Missionar wird, von dem er sich eigentlich distanziert. „Ich habe nichts dagegen, kleine Denkanstöße zu liefern. Aber ich stelle mich nicht hin und predige. Ich bin ja nicht Bono.“