The_Dead_Weather 2010 @ Floria Sigismondi (1)Ob White Stripes, Raconteurs, Dead Weather oder zig Kollaborationen: Der 34-Jährige mit Wohnsitz Nashville befindet sich auf einer Mission – als Studiobesitzer, Labelboss und einer der besten Gitarristen der Gegenwart will Jack White den Rock’n’Roll retten. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. SEA OF COWARDS, das zweite Werk seiner Drittband, ist ein erster Schritt in diese Richtung.

Text: Marcel Anders

Um sich mit Jack White zu unterhalten, muss man äußerst flexibel und reisefreudig sein. Denn Jack, der lieber spielt statt spricht, entscheidet mitunter erst 48 Stunden vorher, ob er Interviews gibt – oder nicht. Abhängig davon, wie viel Zeit vor den Gigs seiner laufenden US-Tour mit Alison Mosshart (The Kills), Jack Lawrence (Raconteurs) und Dean Fertita (Queens Of The Stone Age) ist. Im Falle von CLASSIC ROCK fällt die Wahl des Künstlers auf einen Termin in Las Vegas – Sonntagnachmittag zum Kaffee im Palms Casino. Den er dann aber fast platzen lässt: „Jack liegt noch im Bett. Es geht ihm nicht gut. Bitte gib ihm eine Stunde, dann sehen wir weiter“, so der bemühte Tourmanager, der dasselbe stylische Outfit aus Anzug, Krawatte und Gangster-Melone trägt wie sein Protegé. Und tatsächlich: 60 Minuten später empfängt Jack leicht verkatert, aber äußerst bemüht in seiner Garderobe im Casino-eigenen Theatersaal „The Pearl“.

Jack, warum bereits das zweite Album binnen von elf Monaten?
Nein, keine Sorge, ich bin kein Workaholic. Es ist eher so, dass wir während der letzten Tour versucht haben, möglichst viele Songs aufzunehmen und sie relativ schnell auf den Markt zu bringen. Genau wie es die Leute in den Fünfzigern und Sechzigern gemacht haben – als es völlig normal war, zwei oder drei Alben pro Jahr zu veröffentlichen. Ich wünsche mir, dass das zumindest ein bisschen zurückkehrt.

Das scheint auch die Mission zu sein, die du mit der Veröffentlichungsflut auf „Third Man Records“ verfolgst…
Was auf jeden Fall besser ist als der Ansatz, ein Album herauszubringen und dann drei Jahre damit zu touren. Das ist eine viel zu langwierige Angelegenheit – für uns wie für die Fans. Trotzdem lassen sich viele Bands darauf ein. Selbst, wenn es nicht gut für die Kreativität ist. Denn jahrelang dasselbe zu spielen, ist tough! Glücklicher-weise kriegen wir es hin, das ein bisschen anders zu machen und dadurch effektiver zu sein. Wobei ich im Grunde immer noch dasselbe tue wie früher: Vor zehn Jahren habe ich Bands wie The Greenhorns in meinem Wohnzimmer aufgenommen, jetzt mache ich das in meinem Studio. Es ist, als ob sich nichts verändert hätte.

Wobei „Studio“ pures Understatement ist: Das Ganze erinnert eher an Warhols Factory aus den späten Sechzigern…
Stimmt. Wir sind ein Plattenladen, ein Grafik- und Tonstudio – und ein Konzertsaal, in dem Bands spielen. Wir können sie dort aufnehmen und das Ganze binnen weniger Wochen auf Vinyl veröffentlichen. Genau wie wir es vor ein paar Tagen gemacht haben, als dort zwei Mitglieder der Raconteurs aufgetreten sind. Jeder, der bei der Show dabei war, erhält später eine blau-schwarze Vinyl-Version davon. Was einer von vielen Ansätzen ist, um das Interesse der Leute an der Musik zu stärken. Nämlich indem wir Sachen veröffentlichen, die ihnen das Gefühl von etwas Besonderem geben. Etwas, das sie eventuell sogar anfangen zu sammeln und dadurch eine neue, intime Beziehung zur Musik aufbauen.

Aber sind diese Alben und Singles in Mini-Auflagen auch wirtschaftlich rentabel, oder handelt es sich dabei eher um ein Gimmick?
Natürlich ist es ein Spaß-Ding. Aber ein rentables. Zumindest solange wir das meiste, was wir machen, so veröffentlichen, dass wirklich jeder Zugang dazu hat. Und dann – quasi zusätzlich – gibt es noch Sonderauflagen, die du nur erwerben kannst, wenn du bei einem Event oder einer Aktion dabei warst. Denn ich mag die Idee, streng limitierte Sachen zu veröffentlichen – und zwar so oft wie möglich.

Wie kommen die Fans ohne festen Vertrieb in den Genuss?
Es geht darum, dabei zu sein. Wenn du zum Beispiel an Halloween 2009 in London warst, konntest du dort unseren Pop-Up-Store besuchen und eine Platte erwerben, die im Dunkeln leuchtet – und die es nur dort gab. Was quasi die Antithese zur Generation Mausklick ist. Also dazu, dass alles immer verfügbar ist. Natürlich gibt es Platten, die jedem zugänglich sein sollten, und die haben wir ebenfalls. Aber ich will eben auch welche, die schlichtweg besonders sind.

Wobei das Ausgefallenste, was du je veröffentlicht hast, sicher Vinyl im „Texas-Format“ war. Was darf man sich darunter vorstellen?
Das war eine Aktion für unseren Store beim South By South West Festival in Austin. Ich dachte, dass wir da Platten am Start haben sollten, die einfach ein bisschen größer sind. Also die Singles hatten acht statt sieben Zoll, und die Alben 13 statt zwölf. Denn in Amerika ist es ja eine populäre Sache, Toast oder Steaks im Texas-Format zu haben. Und diesem Irrsinn haben wir uns angeschlossen (lacht).

Und was ist aus dem nächsten White Stripes-Album geworden, das du im letzten Sommer angehen wolltest?
Ich fürchte, ich habe zu viel Zeit auf den Konzertfilm, das Boxset und das Live-Album verwendet, die wir gerade herausgebracht haben. Das hat mich alles Zeit gekostet, die ich ursprünglich für die White Stripes eingeplant hatte. Denn das waren alles große Projekte – und sehr zeit-intensiv. Es hat fast zwei Jahre gedauert, um das alles umzusetzen. Und was die Zukunft der White Stripes betrifft: Wir könnten schon in ein paar Monaten wieder ins Studio gehen. Alles ist möglich…

Wie war es, neben The Edge und Jimmy Page in der Dokumentation „It Might Get Loud“ aufzutreten?
Wahnsinn! Ich meine, es war eine ganz simple Idee. Nämlich ein Film übers Gitarrespielen. Und ich dachte, das sollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Einfach, weil ich dabei eine Menge lernen und viele neue Erfahrungen sammeln kann. Außerdem war David Guggenheim, der Regisseur, offen für alle möglichen Ideen. Etwa dafür, dass ich in der Eröffnungssequenz eine Gitarre baue – eine Art „Bo Diddley-auf-der-Veranda“-Klampfe. Das war eine Idee, die mir an dem Morgen kam, als wir gedreht haben. Ich meinte zu ihm: „Ich kriege das hin.“ Und er: „Klar, lass uns das filmen.“ Was soll ich sagen? Es war nett, mit jemandem zu arbeiten, der so offen ist.

Könntest du dir vorstellen, eine Supergroup mit den Jungs zu starten?
Nun ja, wir telefonieren ab und zu. Aber ich glaube nicht, dass daraus eine Band wird…

Wäre das nicht cool?
Das wäre sogar sehr cool. Und ich bin ein riesiger Fan von ihnen. Gerade von Jimmy Page, der mich als Gitarrist enorm geprägt hat, und ohne den das, was ich spiele, gar nicht denkbar wäre. Nur: Woher soll ich die Zeit nehmen? Und woher sollen sie die nehmen? Ich meine, unsere Terminpläne unter einen Hut zu bringen, dürfte unmöglich sein. Selbst wenn die Idee sehr verlockend ist.