Jahrelang hat sich Jack White an klassische Band- konstellationen geklammert. Einfach, weil Musik ein kreativer Austausch und zwischenmenschlicher Spaß zu sein schien. Doch seit Ende der White Stripes und der Unpässlichkeit seiner Musikerfreunde ist der 36-Jährige ganz auf sich gestellt – was für einen spannenden Alleingang namens BLUNDERBUSS sorgt.

Jack, die Idee eines Solo Albums trägst du schon länger mit dir herum. Eine echte Über- raschung ist das also nicht…
Stimmt! Mir war klar, dass es irgendwann passieren würde. Aber ich hatte keine Eile. Zumal es zur Zeit der White Stripes auch keine Notwendigkeit gab, mit einer anderen Band zu spielen oder etwas im Alleingang zu erledigen, sondern das war eine erfüllende Situation. Die übrigen Bands entstanden dann aus der Zusammenarbeit mit anderen Leuten. Einfach, weil ich nie auf die Idee gekommen wäre, mit den Jungs von den Raconteurs zu spielen, und das Ganze Jack White & These Guys zu nennen. Sondern wir waren gleichberechtigt. Von daher machte es mehr Sinn, es wie eine richtige Band zu handhaben – statt wie ein Nebenprojekt oder ein Alter Ego. Ich sah keinen Grund, ein Album unter meinem Namen zu veröffentlichen – bis jetzt.

Also nur, weil alle anderweitig beschäftigt sind?
(lacht) Es hat definitiv damit zu tun. Ich meine, wären The Dead Weather in der Stadt gewesen und hätten ganz normal geprobt, wären die Stücke bestimmt auf ihrem nächsten Album gelandet. Es hätte sich einfach in diese Richtung entwickelt.

Stattdessen gibst du dich so vielseitig wie nie: Mit einer breiten Instrumentierung aus Kla- vier, Orgel, Flöten, Ukulele und, und, und…
Das liegt an den Produktionen, die ich in den letzten Jahren für Third Man Records gemacht habe. Ich habe da 140 Platten betreut – Alben wie Singles. Und ich hatte die unterschiedlichsten Leute im Studio, wodurch ich viel Er- fahrung im Aufnehmen von Instrumenten ge- sammelt habe. Nach dem Motto: „Dieser Song braucht eine Pedal Steel-Gitarre. Können wir so und so anrufen, damit er sie einspielt?“ Das ist das Szenario, das zu diesem Album geführt hat. Denn vor drei oder fünf Jahren hätte ich nie solche Songs geschrieben – und auch nicht so produziert.

Mal ehrlich: Wie therapoitisch ist das Album für dich?
Für mich ist jede Musik therapeutisch. Wobei ich eigentlich nie über mich schreibe, aber trotz- dem immer etwas von mir einfließt. Selbst wenn es um andere Charaktere geht, sind da doch Elemente aus meinem Leben enthalten, die einen gewissen Effekt auf mich haben. Und genau das ist kathartisch: Dass du etwas freisetzt, indem du darüber singst. Dass du Probleme löst, indem du darüber schreibst. Das ist in etwa so, als ob du eine Therapie in Anspruch nimmst. Und manchmal wird mir erst beim dritten Hören eines Songs, den ich gerade aufgenommen habe, klar: „Oh, jetzt weiß ich, warum ich den Text geschrieben habe.“

Wobei ›Missing Pieces‹ und ›Sixteen Salti- nes‹ deine gescheiterte Ehe mit Karen Elson thematisieren. Da bist du so offen wie nie zuvor…
Das ist richtig. Wobei es so ist: Um eine Liebe wirklich zu schätzen, musst du auch darüber reden, dass sie nicht ewig hält. Außerdem ist es manchmal einfacher, eine Freundin oder eine Ehefrau zu haben als einen richtigen Freund.

Demnach hast du deine Frau verloren, aber eine Freundin gewonnen?
Das ist die Idee. Und wenn man eine tiefere Beziehung mit jemandem haben will, muss man freundlich sein, die Interessen des anderen schätzen und ein Verhalten an den Tag legen, bei dem sich die andere Person wohlfühlt. Was nun wirklich nichts ist, womit wir geboren werden. Sondern manchmal haben wir einen schlimmen Dialekt oder ein düsteres Humorverständnis, was zu der Frage führt, wie man damit ein Verhältnis zu anderen Menschen aufbauen soll. Und nicht selten gibt es nur einen Ausweg: Du musst dich ändern.

Auf der Bühne lässt du dich mittlerweile von zwei Bands begleiten – einer männlichen und weiblichen. Was hat es damit auf sich?
Ganz einfach: Der Vibe einer Aufnahme oder einer Performance hängt von den beteiligten Personen ab. Was viele Musiker komplett verdrängen. Die gehen mit einem Haufen Plastik-Mannequins auf die Bühne, die die Songs genau so rüberbringen, wie sie auf dem Album sind. Sie drücken sich kein bisschen selbst aus. Es gibt keine Interaktion. Und ich habe das Gefühl, dass ich das aufbrechen muss. Eben: „Nehme ich einfach zwei Bands mit auf Tour. Mit beiden übe ich 40 oder 50 Stücke ein und entscheide mich erst am Tag des jeweiligen Konzerts, welche zum Einsatz kommt.“ Wenn es an einem Abend die Jungs sind, die auf die Bühne gehen, dann haben die Mädels frei. Was sie vorher genauso wenig wissen wie das Publikum. Und wir gehen ohne Setliste auf die Bühne, was einen ähnlichen Vibe hat wie bei den White Stripes. Eben ohne Ahnung, was passiert, und mit der ständigen Gefahr, dass alles in sich zusammenbricht. Was das Publikum sehr wohl spürt. Es weiß, dass da nichts einstudiert ist. Und diese Energie überträgt sich. Was ich wahnsinnig spannend finde…

Auch wenn es ein kostspieliges Unterfangen ist?
Das ist es definitiv – aber auch ein großer Spaß. (lacht) Und der ist es mir wert.

Aber sind die Solo-Platte, The Dead Weather und die Raconteurs im Grunde nicht nur Er- satzdrogen für die White Stripes?
Irgendwie schon. Ich meine, würden Meg und ich noch Musik machen, hätte es das alles nicht gegeben. Aber das Letzte, was wir zusammen aufgenommen haben, waren B-Seiten für die ›Icky Thump‹-Singles, 2007/2008. Seitdem ist da nichts mehr passiert. Und erst kurz bevor wir bekannt gegeben haben, dass es mit der Band vor- bei ist, hatten wir dieses klärende Gespräch, ob wir weitermachen oder nicht. Das war überfällig. Einfach weil ich ständig darauf angesprochen wurde und nie wusste, was ich sagen sollte. Als wir uns endlich getroffen haben, meinte ich: „Ich denke, es ist höchste Zeit, dass wir den Leuten sagen, dass da nichts mehr kommt.“ Was eine traurige Sache ist. Schließlich war das eine wunderbare Band, und worauf ich am meisten stolz bin, ist die Tatsache, dass wir nie ein Album mit Songs gemacht haben, die nicht so toll waren. Das ist etwas, wofür uns viele Bands beneiden.

Warum hat Meg kein Interesse mehr an den White Stripes – weil sie glücklich verheiratet ist? Hat sie sich komplett aus der Musik zurückgezogen?
Es ist schwer, eine Antwort von Meg zu bekommen, warum sie irgendetwas tut. Und selbst wenn sie es mir erklärt hätte, hätte ich es wahr- scheinlich nicht verstanden. Aber das Entschei- dende ist: Wir haben immer gesagt, dass wir wis- sen, wann es Zeit zum Aufhören ist. Und es war höchste Zeit aufzuhören. Glaubt mir…