jake buggErstes Album mit 18, das zweite mit 19. Dann wurde es still. Jetzt, drei Jahre später, ist Jake Bugg zurück. Auf ON MY ONE hat das britische Wunderkind erstmals alle Lieder selbst geschrieben – und sich in diversen Genres wie Folk, Pop, Rock, Country und HipHop (ja, wirklich) ausgetobt. Wir treffen den Jungsongwriter in einer Bar in Berlin. Erster Eindruck: halb schüchterner Junge, halb ausgebuffter Britpopper. Neben ihm auf der Bank, dösend, ein zotteliges Hündchen (nicht seines). So beginnt ein Gespräch über Buggs neues Album, seine Heimat Nottingham und seine generell pessimistische Weltsicht.

Klingt ON MY ONE so, wie du es dir von Anfang an vorgestellt hast?
Ehrlich gesagt hatte ich zu Beginn gar keine so genaue Vorstellung, wie es klingen sollte. Das ist ja auch immer das Abenteuer. Jetzt wo es fertig ist, bin ich glücklich, dass es anders ist als meine bisherigen Platten.

Der Albumtitel ist Nottingham-Slang für „on my own“, wie ich gelernt habe. Er trifft nicht zuletzt auf deine neue Arbeitsweise zu, oder?
Ja, ON MY ONE ist eine Art Einzelgänger-Album. Ich war viel auf mich gestellt. Damit ist gar nicht so sehr gemeint, dass ich alles selbst gemacht habe: Die Atmosphäre war nur recht einsam. Aber es war schön, für sich zu sein, an Musik zu arbeiten. Bisher habe ich immer viel Zeit mit Songschreibern und Produzenten verbracht.

Der Titel trifft natürlich auch die Thematik des Albums. Es geht darin viel um Einsamkeit. Im ersten Song singst du: „Three years on the road, 400 shows/Where do I call home?/No place to go.“ Klingt ziemlich autobiografisch.
Manche Leute denken jetzt sicher, dass ich mir selbst leid tue. Aber ich will kein Mitleid, darum geht‘s nicht. Als ich das Lied geschrieben habe, dachte ich: Wenn all das morgen vorbei wäre, welches Lied würdest du singen? Meine Träume haben sich erfüllt, sicher, die Songtexte beruhen also nicht notwendigerweise auf Tatsachen. Ich habe sie in der Angst geschrieben, dass alles ganz schnell anders aussehen könnte.

‚The Love We‘re Hoping For‘ handelt von einer Frau, die sich verbarrikadiert, niemanden zu sich durchdringen lässt, sich ungeliebt fühlt. Geht es um eine bestimmte Person?
Ja, das ist ein sehr persönlicher Song. Ich habe viele Leute gekannt, die sich weggesperrt haben, die Welt nicht sehen wollten. Es geht auch um die Angst, dass mir oder jemandem, der mir nahesteht, dasselbe passiert. Als der Song entstanden ist, war ich in L.A., in diesem Hotel, das Ozzy Osbourne mal für ein Jahr nicht verlassen hat. Da dachte ich, dass es ja ganz gut passt, ein solches Lied zu schreiben. Es dreht sich um jemanden, von dem ich weiß, dass es ihm heute gut geht. Wer es ist, möchte ich aber nicht verraten.

Eine echte Ausnahme ist ‘Ain‘t No Rhyme‘, ein Rap-Song. Wie ist es dazu gekommen?
Dass ich mal rappen würde, hätte ich nie gedacht. Ich kann‘s auch nicht besonders gut, das ist mir schon klar. Aber ich wollte einfach ein wenig Spaß haben und was ausprobieren im Studio. Mir war aber doch wichtig, dass Gitarren zu hören sind. Ursprünglich sollte irgendjemand anderes den Rap-Part übernehmen, aber es blieb keine Zeit mehr, lange zu suchen. Also blieb es am Ende doch an mir hängen.

HipHop erlebt ja seit einigen Jahren eine echte Blütezeit, mit Künstlern wie Kendrick Lamar und Kanye West.
Ja, stimmt. Wobei ich mehr auf die East-Coast-Sachen stehe. Run The Jewells, Joey Badass. Was die machen, gefällt mir richtig gut.

Da geht gerade richtig was vorwärts.
Ja, absolut. Da werden Grenzen gesprengt. Im UK gibt es zurzeit eine große Grime-Szene, viele MCs, sehr aufregend.

Ist HipHop aktuell spannender als Rock?
Ganz sicher. Ich würde gerne Nein sagen, aber so ist es eben leider nicht. Oder gibt es irgendwelche neuen Rockbands im Moment? Also mir fällt keine ein. Es sind in Wahrheit Boybands, die wie Rockbands aussehen. Es ist frustrierend. Ich liebe Rock‘n‘Roll, will gute Rockmusik hören, aber es gibt keine.

Dein HipHop-Track wirkt wie eine düstere Vision. „People age quick but still they never grow/…/It sounds like a place that you don‘t wanna go/But this is the place that I call home.“ Es geht um Nottingham, oder?
Ja, da komme ich her. Heute wohne ich in London, aber vergessen kann ich meine Vergangenheit nicht. Manchmal vermisse ich meine alten Freunde, ansonsten zieht mich wenig zurück. Die Stadt wird im Song ja auch nicht mit den allerfreundlichsten Worten beschrieben.

Du singst über deine Freunde in Nottingham: „You can‘t really blame them for the life that they chose“. Welches Leben haben sie sich denn ausgesucht?
Einige verkaufen Drogen, manche begehen Verbrechen. Wir leben in einer Zeit, in der es wenig Arbeit gibt. Viele Leute geben viel Geld aus, um an der Universität zu studieren, sie investieren eine Menge Zeit und am Ende finden sie keinen Job. Wenn man zurechtkommen will in der Welt, schöne Dinge haben will, greifen manche eben zu extremen Mitteln. Sie haben einfach keine andere Wahl, you can‘t really blame them.

Nun sind viele deiner neuen Lieder eher düster und traurig. Was zieht dich daran so an, und hast du generell eine pessimistische Weltsicht?
Oh ja, ja. Ich bin ein Pessimist, definitiv. Ich habe nie große Erwartungen oder Hoffnungen. Früher war ich oft enttäuscht, bis ich herausfand: Wenn du nichts Besonderes erwartest und es passiert etwas Gutes, dann ist es umso schöner. Diese Einstellung bewahrt mich davor, enttäuscht zu sein. Denn eigentlich bin ich immer enttäuscht.

Nun ist ON MY ONE sicher dein abwechslungsreichstes Album: Du vereinst darauf Folk, Pop, Country, Soul, Rock und Rap. Glaubst du, dass diese Stilvielfalt einige deiner Fans schockieren wird?
Ja, kann ich mir vorstellen. Aber ich kann nicht immer dasselbe machen. Und wenn das jemandem nicht gefällt, dann soll er meine Platte eben nicht kaufen, es zwingt ihn doch niemand dazu. Ich habe einfach das gemacht, was ich wollte, für mich selbst, wie übrigens schon beim ersten Album. Es ging auch damals um mein Leben, viele haben das gemocht, konnten sich damit identifizieren. Wenn sie das jetzt nicht können, ist das nicht mein Fehler. Ich bin grundsätzlich offen für alle Genres.

Dann könntest du dir auch vorstellen, etwa ein komplett elektronisches Album zu machen?
Klar, das wäre sogar ziemlich cool.

Jake Buggs Clips zu den neuen Songs ›Gimme The Love‹ und ›Love, Hope And Misery‹: