james taylor pressDie letzten 13 Jahre war James Taylor so etwas wie der Grizzly Adams des Rock: ein Einsiedler in den Wäldern von Massachusetts, der sich auf seine Farm und seine Familie konzentriert hat bzw. nur gelegentlich Konzerte gab. Doch jetzt, da niemand mehr damit gerechnet hätte, wartet er tatsächlich mit einem neuen Album namens BEFORE THIS WORLD auf – und schlüpft in seine Paraderolle als missionarischer Althippie, der die Welt verändern will. Eine schwierige Aufgabe – gerade für sanfte Riesen…

Dabei ist es immer noch verblüffend, wie viele Zuschauer der inzwischen 67-Jährige auch ohne neues Material mobilisiert. In der Hamburger Laeiszhalle sind es Mitte April fast 2.000, die ihn während eines zweistündigen Greatest-Hits-Programms feiern als wäre er der Messias des 70s Rocks. Wobei er auf der Bühne mindestens zwei Dekaden jünger wirkt, als er de facto ist. Denn da ist der baumlange, hagere Kahlkopf in Dauer-Action, besitzt eine faszinierende Ausstrahlung und verausgabt sich völlig. Nur, um wenige Minuten nach der Show seltsam gealtert zu sein: Mit Krückstock, dicker Hornbrille, Anzug und einer trockenen Sachlichkeit, die ihm etwas von einem Universitätsprofessor verleiht. Eine unglaubliche Wandlung.

Aber eine, die zu dem Mann aus Boston passt. Denn der Sohn eines Physikern und einer Opernsängerin hat viele Gesichter und eine unglaublich spannende Vita, die absolut filmreif ist – worüber Taylor, das gibt er mit zartem Lächeln zu, schon öfter nachgedacht hat. „Ich frage mich wirklich, warum noch niemand einen sogenannten Biopic über mich gedreht hat. Ich meine, ich dürfte doch genug Material liefern, oder?“

In der Tat: Angefangen bei der Folk-Szene von Greenwich Village, wo er in den Mittsechzigern gegen Dylan & Co. ansang, kläglich scheiterte, dann Heroin entdeckte, wegen manischer Depressionen in Therapie musste und allein deshalb nicht zum Kriegsdienst in Vietnam herangezogen wurde. „Es ist die Ironie meines Lebens: Ich musste nur deshalb nicht dahin, weil ich psychisch krank war – als ob das irgendeinen Unterschied gemacht hätte. Muss man etwa gesund sein, um andere Menschen zu töten? Ich glaube nicht…“

„Ich frage mich wirklich, warum noch niemand einen sogenannten Biopic über mich gedreht hat. Ich meine, ich dürfte doch genug Material liefern, oder?“

Eine Freistellung, die es ihm stattdessen ermöglichte, nach London zu ziehen, wo er vom Apple-Label der Beatles unter Vertrag genommen wurde, sein Debüt veröffentlichte und zwei wilde Jahre verbrachte. „Ich hatte viele Freundinnen“, gesteht Taylor, „habe den Beatles bei den Aufnahmen zum WHITE ALBUM zugesehen und war unglaublich stolz, mit ihnen befreundet zu sein.“ Was im Falle von Paul McCartney, der Bass auf Taylors erstem Hit „Carolina In My Mind“ spielte, bis heute anhält. „Wir haben immer noch Kontakt, treffen uns regelmäßig und machen auch zusammen Musik. Es ist etwas fürs Leben geworden, was großartig ist.“